Kunstradler kritisieren Kreis

Weiterode und Ronshausen wollen Ausnahme vom Hallenverbot

Paul Auth und Nora Bickel aus dem Landeskader des hessischen Kunstradsports
+
Vermissen sogar die blauen Flecken: Paul Auth (15) aus Weiterode und Nora Bickel (11) aus Bebra sind beide im Landeskader des hessischen Kunstradsports.

Viele Vereine im Kreis Hersfeld-Rotenburg trifft die Corona-Pandemie hart. Für Kunstradfahrer – die auf die seit November erneut geschlossenen Sporthallen angewiesen sind – ist der Lockdown eine Katastrophe.

Bebra – Kunstradfahren ist ein Sport, der prägt. „Es ist völlig ungewohnt, dass ich durch Corona keine blauen Flecken mehr habe“, sagt Nora Bickel vom Radsportverein Weiterode mit einem Grinsen. Und trotzdem vermisst die Elfjährige diesen Beweis dafür, dass sie hart trainiert hat (und daher oft gefallen ist). In Weiterode und Ronshausen ärgert man sich über den Landkreis, der die Sporthallen erneut geschlossen hat. Die Kritik: Training auf dem Kunstrad sei möglich und erlaubt, andere Kreise hätten das längst erkannt.

Die Kunstradfahrer sind in der Tat ein Spezialfall. Die jeweils neun Aktiven in Weiterode und Ronshausen üben mit ihren Trainern als Duo, in Weiterode überwiegend als Eltern-Kind-Gespann. Zu normalen Zeiten teilen sich zwei Teams eine Halle. Während der Pandemie würden die Sportler auch mit maximal einem Duo trainieren – wenn man sie ließe.

„Den Schlüssel haben wir, wir dürfen nur nicht rein“

Die Stammhalle der Weiteröder ist an der Ulfetal-Schule und gehört dem Landkreis. Das Radlager des Vereins ist direkt nebenan, eine Tür führt aus dem Anbau in die Halle – muss aber zubleiben. „Den Schlüssel haben wir, wir dürfen nur nicht rein“, sagt Christiane Schmidt-Auth. „Die Kinder verlieren den Anschluss“, beklagt die Trainerin – gerade auch, weil die Konkurrenz weiterfahren darf.

Schmidt-Auth hat bei anderen hessischen Vereinen nachgefragt: In Ahnatal im Landkreis Kassel, in Hungen in Mittelhessen, in Hainstadt, Dornheim und Langenselbold in Südhessen wird weiterhin in Kreishallen Kunstrad gefahren. Vom Landkreis Hersfeld-Rotenburg hätte sie nur die Antwort bekommen, dass die Hallen aufgrund der steigenden Infektionszahlen zu bleiben müssten.

Trainerin Lea-Victoria Styber vom Radfahrverein Ronshausen bestätigt das: „Bereits beim ersten Lockdown hinkte Hersfeld-Rotenburg um gut vier Wochen hinterher.“ Styber trainiert den Nachwuchs in der Ronshäuser Schulhalle, wird 2021 aber selbst für den RSV Langenselbold fahren. Dort steht die Halle für Kunstradler drei Mal pro Woche für jeweils bis zu drei Stunden offen. „Wir trainieren ganz normal“, sagt sie. Ihre Schützlinge – von denen sich zwei für die Deutsche Meisterschaft der Schüler qualifiziert hatten – haben derweil übungstechnisch einen Platten. „Die Kinder hören auf, wenn sie so lange nicht trainieren können“, befürchtet Christiane Schmidt-Auth. Die kleine, aber erfolgreiche Kunstrad-Abteilung des Radsportvereins in Weiterode hat seit März drei Aktive verloren.

Geübt werden muss auf dem Rad

„Da war die Zwangspause zumindest das I-Tüpfelchen bei den Gründen fürs Aufhören.“ Hintergrund sei auch, dass es für Kunstradfahren kein Ersatzprogramm gebe. „Joggen bringt nur etwas für die Kondition“, sagt Paul Auth. Der 15-Jährige hatte sich in diesem Jahr für die Deutsche Juniorenmeisterschaft qualifiziert. „Es ist eine schwierige, sehr technische Disziplin“, ergänzt seine Mutter und Trainerin.

Geübt werden müsse daher auf dem Rad. Eine vierwöchige Pause mache sich vor allem beim Nachwuchs bemerkbar, sagt auch Lea-Victoria Styber. Und warum können die Kunstradfahrer nicht einfach auf einem Parkplatz trainieren? Zunächst sind die Räder nicht für Asphalt geeignet: Mit einem Druck von bis zu 14 Bar auf den Reifen bedeutet bereits ein kleiner aber spitzer Stein das frühe Aus. Und: „Der Boden ist viel zu hart“, sagt Paul Auth. Beim Üben der Kunststücke fallen die Sportler pro Training gute 20 Mal vom Rad, bestätigen beide Weiteröder Nachwuchsfahrer – „mindestens“. Zudem sei das Fahrgefühl in der Halle ganz anders. Nora Bickel füllt die erneute Zwangspause derzeit mit Einradfahren und Handstand üben – aber ohne Aussicht auf eine baldige Rückkehr aufs Kunstrad leidet die Motivation. Nun hoffen die Sportler auf ein Entgegenkommen vom Kreis: Zeiten, zu denen die Trainings-Duos die Hallen nutzen können.

„Im Frühjahr beginnt die Turnierphase. Wir müssen jetzt üben“, sagt Christiane Schmidt-Auth. (Clemens Herwig)

Landkreis: „Ausnahmeregelungen sind nicht vorgesehen“

Der Landkreis Hersfeld-Rotenburg ist Eigentümer von 40 Sporthallen im Kreisgebiet. Laut Entscheidung des hessischen Corona-Kabinetts dürfen Sportanlagen alleine, zu zweit und mit Angehörigen des Hausstandes genutzt werden – außer der Betreiber entscheidet anders. Die Sporthallen sowie die Bürger- und Dorfgemeinschaftshäuser im Landkreis Hersfeld-Rotenburg bleiben bis zum 20. Dezember geschlossen, heißt es auf Nachfrage von der Pressestelle des Landratsamtes. Darauf hätten sich Landrat Dr. Michael Koch, Erste Kreisbeigeordnete Elke Künholz sowie alle 20 Bürgermeister in einer Telefonkonferenz am vergangenen Donnerstag geeinigt. Ausnahmen zur Nutzung der Turnhallen und Dorfgemeinschaftshäuser seien für politische Gremien oder etwa Schulkonferenzen denkbar, für Sportler derzeit aber nicht vorgesehen. Jeder sei aktuell dazu angehalten, die sozialen Kontakte auf ein absolut notwendiges Minimum zu reduzieren.„Unsere Aufgabe auf Kreisebene ist es, das Risiko einer Ansteckung zu vermeiden und mögliche Infektionsquellen auszuschließen“, sagt Kreis-Sprecherin Jasmin Krenz. Es habe einzelne Nachfragen für Sonderregelungen gegeben. „Den meisten Vereinen ist das Risiko für ihre Mitglieder aber bewusst und sie tragen die Schließung der Hallen mit.“ 

Sportkreis – Unterstützung für den Leistungssport

Eine Einzelfallregelung für den Leistungssport sei wünschenswert, sagt Sportkreis-Chef Christian Grunwald. Der Landessportbund – dessen regionaler Vertreter der Sportkreis ist – habe die derzeitige hessenweite Sprachregelung, dass alleine, zu zweit und mit Angehörigen des Hausstandes Sport betrieben werden darf, mitgeprägt. Sport sei in Corona-Zeiten eine wichtige Hilfe, gerade für den Leistungssport seien regelmäßige Trainingsmöglichkeiten aber entscheidend. Der Vorsitzende des Sportbundes sieht zudem auch den Wettbewerbsnachteil, weil Kunstradfahrer in anderen hessischen Kreisen trainieren dürfen. „Es ist ein schmaler Grat“, zeigt Grunwald allerdings auch Verständnis für die Entscheidung des Kreises, die er als Bürgermeister von Rotenburg mitgetragen hat. Er habe seine Argumente vorgebracht, „aber nicht aus der Reihe tanzen wollen“. Grundsätzlich seien einheitliche Corona-Entscheidung für den Landkreis wichtig.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.