Interview zum 60. Jahrestag des Mauerbaus

Wolfgang Thierse in Bebra-Imshausen: „Es erinnert zu wenig an die Mauer“

Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) war am Vorabend des 60. Jahrestags des Mauerbaus Gast in Imshausen.
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Er hat eine Stimme, die in diesem Land Gewicht hat: Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) war am Vorabend des 60. Jahrestags des Mauerbaus zu Gast bei der Adam von Trott-Stiftung in Imshausen.

Wolfgang Thierse ist eine der wichtigsten Stimmen im deutschen Einheitsprozess. Kai A. Struthoff sprach mit ihm über die deutsche Teilung und ihre Nachwirkungen.

Imshausen. Der SPD-Politiker und langjährige Bundestagspräsident war am Vorabend des 60. Jahrestags des Mauerbaus zu Gast bei einer Veranstaltung der Adam-von-Trott-Stiftung in Imshausen.

Herr Thierse, wo waren Sie am 13. August 1961?

Ich war damals 17 Jahre alt und mit meinem Vater und meinem Bruder in den Ferien an der Ostsee. Damals gab es ja noch nicht jederzeit Nachrichten, aber wir haben irgendwie mitbekommen, dass etwas los war in Berlin, dass die Stadt abgeriegelt wurde. Wir waren höchst beunruhigt und sind dann nach Hause nach Eisfeld in Süd-Thüringen an der Bayerischen Grenze gefahren. Auch dort wurde alles abgeriegelt, vorher konnten wir noch hin und herfahren.

War Ihnen damals bewusst, dass der Mauerbau Ihr ganzes Leben verändern würde?

Das nicht, aber es hat sich bei mir ganz schnell das Gefühl eingestellt, dass ich eingesperrt bin – und wer weiß, wie lange. Das war beängstigend. Ich stand damals kurz vor dem Abitur, es war ein furchtbares Schuljahr, die Klasse war politisch zerstritten. Es gab natürlich auch Mitschüler, Kinder von SED-Genossen, die den Mauerbau verteidigt haben. Wir wurde auch von den Lehrern politisch-ideologisch bearbeitet. Wir mussten zum Beispiel einen Aufsatz zum Thema schreiben: Würden Sie auf einen Deutschen schießen? Es war furchtbar. Wer nicht bereit war, mit der Waffe in der Hand die DDR zu verteidigen, wurde geradezu bedroht, die Schule verlassen zu müssen.

Haben Sie damals geglaubt, dass es irgendwann eine Wiedervereinigung geben würde?

Damals waren wir emotional völlig benommen und haben erst nach und nach begriffen, was passiert ist. Aber ich sage es ganz ehrlich: Ich habe nicht daran geglaubt, dass ich eine Wiedervereinigung noch erleben werde. Ich habe später ja Germanistik studiert und daher ein besonderes Verhältnis zu der uns miteinander verbindenden deutschen Kultur. Schon deshalb habe ich immer gespürt, dass die Teilung ein dauerhaft unnatürlicher Vorgang ist, der irgendwann zu Ende sein muss. Aber das war eine Hoffnung wider alle Hoffnung.

Als die Mauer dann gefallen ist, haben Sie dazu aufgerufen, dass sich die Menschen in Ost und West ihre Biografien erzählen sollen. Hat das seither in ausreichendem Maße stattgefunden?

Nein, immer noch nicht. Aber ich will hier nicht klagen oder Schuld zuweisen. Ich habe immer geahnt, dass die Wiedervereinigung ein langwieriger Prozess sein würde – und zwar nicht nur politisch, sozial und ökonomisch, sondern dass es auch ein Prozess der menschlichen Verständigung sein muss. Und das dauert lange. Vorurteile entstehen schnell, sie abzubauen, dauert länger. Da hilft nur das Kennenlernen, etwa durch Reisen. Fast jeder ehemalige DDR-Bürger war wohl inzwischen schon mal im Westen, aber umgekehrt dürfte das anders sein.

Inzwischen ist die Mauer allerdings länger wieder verschwunden, als sie gestanden hat. Trotzdem gibt es immer noch diese Unterschiede. Liegt das an der Zeit der Teilung, oder sind das vielleicht normale Unterschiede, wie es sie auch zwischen Bremern und Bayern gibt?

Natürlich wirkt viel noch aus den Zeiten der Teilung nach, etwa der ökonomische Rückstand. Die Wiedervereinigung war ja auch eine dramatische ökonomische und soziale Transformation mit vielen Schmerzen und Opfern. Das merkt man bis heute, zum Beispiel im Bereich der Produktivität, bei wirtschaftlichen Strukturen. Die innere Einheit wird erst dann vollzogen sein, wenn die wirtschaftlich-sozialen Unterschiede zwischen West und Ost so sind wie etwa zwischen Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein. Für die innere Einheit ist zudem wichtig, dass die Lebensleistung von Menschen seit 1990 mehr zählt als ihre biografische Vorgeschichte zu DDR-Zeiten. Von beidem sind wir aber gar nicht mehr so weit entfernt ...

Viele junge Menschen wissen nur noch sehr wenig über die DDR und das Leben dort. Tun wir genug, um die Erinnerung wachzuhalten?

Ich wünschte mir schon, dass dieses Thema stärker im Unterricht behandelt wird – und zwar nicht nur das DDR-System, sondern auch das Leben im Alltag. Dieses Wissen ist wichtig, um sowohl nostalgischen Verklärungen wie einseitigen Verdammungsurteilen über DDR-Biografien zu begegnen. Es geht um ein differenziertes Urteil: Die DDR war ein Unrechtsstaat, ein System der Misswirtschaft. Aber sie war eben auch eine Solidargemeinschaft der Bürger gegen die Zudringlichkeit des Staates. Und daran erinnere ich mich gern, ohne dabei die Vergangenheit zu verklären.

In Berlin erinnert nur noch ganz wenig an die Mauer und die Teilung ...

Ich bedauere das, obwohl ich weiß, dass viele Bürger die Mauer nicht mehr sehen konnten und wollten. Trotzdem wünsche ich mir mehr anstößige, materielle Erinnerungsorte. Schon meine Enkelkinder können sich gar nicht mehr vorstellen, dass diese Stadt mal richtig brutal geteilt war.

Obwohl wir Lehren aus dem Mauerbau gezogen haben sollten, gibt es überall Bestrebungen, neue Mauern zu bauen: zwischen den USA und Mexiko, in Europa, um Flüchtlinge zurückzuhalten, auch politische Mauern wie Strafzölle oder Reisebeschränkungen. Kann man mit Mauern Politik machen?

Jedenfalls keine gute. Aber trotzdem gibt es einen ganz wichtigen Unterschied zwischen der Berliner Mauer und diesen anderen Mauern: Die Mauer des SED-Staates war nicht nach außen, sondern gegen die eigenen Bürger gerichtet. Das macht die neuen Mauern zwar nicht besser, aber es ist ein wichtiger Unterschied. Der Bau von Mauern ist immer auch ein Scheitern der Politik und manchmal ist Politik auch machtlos. Wir gehen dramatischen Zeiten entgegen. Wenn wir nicht die ökologische Katastrophe verhindern, werden wir ungeheure Flüchtlingsströme erleben, gegen die sich die reichen Länder zu wehren versuchen werden. Deshalb ist eine ökologisch konsequente Politik, die auch Flüchtlingsströme verhindert, so wichtig, eben damit gar nicht erst Mauern gebaut werden müssen.

Wenn Sie jetzt mit 77 Jahren zurückblicken, bedauern Sie es manchmal, dass Sie damals zur Zeit rund um den Mauerbau nicht auch in Richtung Westen geflohen sind, solange es noch ging?

Ich war damals ja noch ein Jugendlicher. Dazubleiben war eine Entscheidung meiner Eltern, die ich auch nachvollziehen kann. In der DDR hat man sich immer mit der Frage befasst, ob man weggeht oder dableibt. Dableiben war immer eine Mischung aus Treue zur Familie, Vertrautheit mit dem Land, Bequemlichkeit, Unsicherheit, aus Ängsten und Hoffnungen. Es sind ja nicht nur die Faulen und Feigen im Land geblieben, es gehörte auch eine besondere Art von Mut dazu. Deshalb war zur Zeit der friedlichen Revolution 1989 der Ruf der Demonstranten: „Wir bleiben hier“ auch eine Drohung gegen die da oben. Jeder, der wegging, war ja auch ein Verlust. Und trotzdem hatte ich in der DDR immer das Gefühl, nicht richtig zuhause zu sein, nicht wirklich dazu zu gehören.

Fühlen Sie sich jetzt, nach dem Fall der Mauer zuhause in diesem wiedervereinigten Deutschland?

Ja, und ich habe immer noch ein Grundgefühl des Glücks, der Befreiung. Der Mauerfall war für mich eine Art Explosion meines Lebens, wie ich sie mir bis 1989 gar nicht hatte vorstellen können. (Kai A. Struthoff)

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