„Stehen auch während Corona gut da“

Sommerinterview mit Bebras Bürgermeister Stefan Knoche

Bebras Bürgermeister Stefan Knoche vor der Bebraer Auferstehungskirche.
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Bebra steht gut da - auch in der Corona-Krise: So sieht es Bürgermeister Stefan Koche, der allerdings auch Anzeichen für Besorgnis ausgemacht hat.

Bebra - Die Corona-Pandemie hat die Welt kräftig durcheinandergewirbelt. Wie haben die Kommunen diese schwierige Zeit erlebt? Wir fragen heute Bürgermeister Stefan Knoche aus Bebra.

Herr Knoche, wie gut ist Bebra bisher durch die Corona-Krise gekommen?

Wenn wir auf die Infektionszahlen gucken würde ich sagen: Wir sind mit Respekt vor dem Virus relativ gut durchgekommen. Vieles ist aber auch noch nicht absehbar. Bebra hat auf die Innenstadt und den Einzelhandel gesetzt und auch bei uns, wie überall, ist es dort durchaus kritisch. Die Stadt ist über die SEB Eigentümer des Einkaufszentrums – da gibt es schon Signale, die einem Bauchschmerzen machen. Das hat auch mit dem Konsumverhalten zu tun: Bei Amazon knallen die Erträge durch die Decke. Natürlich sind die irgendwie auch Teil des Kreises, aber das hilft uns nicht weiter.

Also muss der Konsument bei der Krisenbewältigung helfen?

Der Appell wäre: lokal denken und einkaufen, lieber mal vor die Tür gehen, statt ein Paket zu bestellen. Wir haben etwas aufgebaut, und das wollen wir auch in fünf Jahren noch haben.

Sie haben einen Haushalt mit Minimalüberschuss geerbt: gerade einmal 900 Euro. Kein großes Polster für ein Krisenjahr...

Es gibt in Bebra das geflügelte Wort, das Volkmar Hanf (Anmerkung der Redaktion: Mitbegründer von Gemeinsam für Bebra) einmal in einer Haushaltsdebatte geprägt hat: Bebra steht gut da. Das ist grundsätzlich und trotz Corona immer noch so. Wir wissen aber noch nicht, was 2021 auf uns zukommt. Wenn wir die letzte Wirtschaftskrise nehmen, haben sich die Auswirkungen auch erst richtig in den Folgejahren gezeigt. Was wir jetzt an Minus in der Kasse haben – mit Steuerstundungen und Nullsteuerbescheiden, die hier täglich auf den Tisch flattern – ist aufsummiert knapp eine Million Euro. Wir wissen aber, dass 700 000 Euro im Herbst vom Land aufgefangen werden und dass wir Unternehmen haben, die Steuern nachzahlen, weil es zuletzt floriert hat. Zumindest für dieses Jahr können wir also noch einen Strich drunter machen. Wir sind beim Haushalt ohnehin schon in 2021, weil der gerade aufgestellt wird. In der Kämmerei wird derzeit alles zusammengetragen. Wir gucken also in die Zukunft, hoffentlich in eine Zeit ohne Corona.

Sie haben mehrfach die Kontrollen am Breitenbacher See verstärkt, weil der Badesee in Corona-Zeiten überlaufen ist. Wie soll es weitergehen?

An sonnigen Wochenenden sind dort weit über Tausend Leute – ohne die Wohnmobilisten. Wenn wir einen normalen Freibadbetrieb hätten, würde das natürlich entlasten. Das ist derzeit aber mehr ein Privatbad für die Schwimmer, Kinder und Jugendliche gehen runter an den See. Als Naherholung wäre das nicht das Problem. Wir sind aber ein Geheimtipp, es kommen Leute aus Leipzig, Gießen und Darmstadt. An schönen Wochenenden werden wir überrollt. Unsere Ranger, die dort aufpassen, sind am Limit. Zum ersten Mal ist auch das Ordnungsamt im Einsatz, der Ordnungsbehördenbezirk unterstützt uns. Bei der Hitze vor zwei Wochen hatten wir einen externen Sicherheitsdienst im Einsatz. Wir überlegen jetzt, wie wir das vorliegende Nutzungskonzept in den kommenden Jahren umsetzen können. Wie können wir das nächstes Jahr anders steuern, wenn die Besucherströme weiterhin so sind wie in diesem Jahr. Das Ganze natürlich behutsam und im Einklang mit der Natur, die dort zwar von Menschenhand geschaffen worden ist, aber naturräumlich ein Gewinn für die gesamte Region ist. Wir wollen aber keinen Zaun um den See bauen oder ein Kassenhäuschen aufstellen. Was uns Corona mit seinen Hygieneauflagen gezeigt hat: Wir müssen adäquate Sanitäreinrichtungen schaffen für Wohnmobilisten und Badegäste.

Kein Stadtjubiläum, keine Kirmes: Corona hat Bebras Veranstaltungskalender einen herben Schlag verpasst. Wie ist die Stimmung in der Stadt?

Eine gewisse Traurigkeit ist sicherlich da, aber auch die Trotzreaktion: dann eben im nächsten Jahr. Wenn ich beispielsweise nach Weiterode gucke, die ja im positiven Sinne kirmesverrückt sind, laufen dort schon die Planungen. Wir konzentrieren uns auf 2021. Ob das unter dem Label 1250-Jahrfeier ist? Ein Motto wird sich auf jeden Fall finden lassen.

Die Ärzteversorgung in Bebra ist dramatisch – Ihre Worte. Sie steuern mit vielen „Mosaiksteinchen“ gegen. Braucht es nicht eher einen richtigen Klotz?

Der große Wurf muss in Berlin anfangen. Bürgermeister sind keine Gesundheitspolitiker. Wenn sich oben nichts ändert, können wir hier unten nur versuchen, die Versorgungslücken zu schließen. Trotzdem kümmern wir uns jetzt darum. Für uns ist das eine Grunddaseinsvorsorge, so wie auch Gas, Strom und Wasser in der Straße liegt. Wir sind mittlerweile einen Schritt weiter und haben mit Ärzten gesprochen. Das sind erst einmal Feuerwehrkräfte, die Lücken schließen sollen. Für die Ärzte vor Ort geht es dabei weniger um die Praxisnachfolge, sonder um die Arbeitsentlastung. Die wollen ja auch lieber die Tür aufmachen und die Leute willkommen heißen, statt sie weiter zu schicken.

Selten wurde in Bebra so emotional und öffentlich diskutiert wie über die Steinbrucherweiterung bei Gilfershausen. Wo steht der Bürgermeister?

Genau in der Mitte, auch wenn mir das in Teilen nicht abgenommen wird. Jeder Bürger, der mit einem Wunsch oder einem Interesse durch meine Tür kommt, hat erstmal das berechtigte Anliegen, dass ich mich damit auseinandersetze. Das gilt für die Firma Beisheim genauso wie für die Anwohner mit ihren Sorgen. Ein Bürgermeister in Hessen hat nicht die Befugnis für ein „Daumen hoch“ oder „Daumen runter“. Aber er kann eine Meinung haben: Ich bin nicht für oder gegen den Steinbruch, ich bin für ein umfangreiches Genehmigungsverfahren, das viele offene Fragen klären wird. Das entscheidet aber nicht Stefan Knoche alleine, hat er bisher auch nicht. Ich habe das Thema nur moderierend begleitet. Und was bei der Diskussion im Vordergrund stehen muss, ist, dass man eine andere Meinung auch akzeptiert und fair miteinander umgeht.

Das klappt im Moment nicht so gut. Die Politik musste sich von der BI vorwerfen lassen, die Demokratie auszuhebeln.

Die Aussage verwundert mich weiterhin. Wer die zwei Stadtverordnetenversammlungen verfolgt hat, weiß: Da ist kontrovers diskutiert worden und es wurden Kompromissvorschläge eingebracht. Die demokratische Debatte hat auch außerhalb bei zwei Ortsbesichtigungen und innerhalb der Fraktionen stattgefunden. Wir gehen auch mit den Informationen und Unterlagen sehr transparent um – auch da gibt es gegenteilige Meinungen. Es gibt kein einziges Dokument hier im Rathaus, das nicht allen Beteiligten bekannt ist.

Ein Großteil des viel beschworenen Bebraer Booms ist in der Kernstadt passiert – auch mit negativen Konsequenzen wie mehr Verkehr. Ist es an der Zeit, dass die Ortsteile ihr Päckchen tragen?

Das will ich so nicht sagen. Wenn der Steinbruch in der Kernstadt wäre, hätten wir das Thema hier. Das Material liegt geologisch bedingt zwischen Braunhausen, Gilfershausen und Imshausen. Wir können jetzt sagen: Wir brauchen es nicht. Dann holen wir es woanders her. Aber dann wird das Material nicht billiger und ökologischer. Wenn lokal handeln ein Leitmotiv sein soll, müssen wir auch in diesem Fall danach handeln und nicht unser Problem zu dem von Anderen machen. (Von Clemens Herwig)

ZUR PERSON

Stefan Knoche (47) ist in Wennigloh im Sauerland geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur 1992 leistete er seinen Wehrdienst und studierte in Münster Geografie mit den Nebenfächern Öffentliches Recht und Soziologie. Der Diplom-Geograf war ab 2004 in Bebra zunächst im Stadtmarketing unter Horst Groß tätig. Im Februar 2008 kehrte er ins Sauerland zurück und arbeitete in Soest bei der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung, einer städtischen Tochterfirma. Anfang 2010 übernahm er die Geschäftsführung der Stadtentwicklung Bebra (SEB). Am 8. September 2019 gewann Stefan Knoche als einziger Kandidat die Bürgermeisterwahl in Bebra, seit März ist er im Amt. Er ist seit 2003 mit seiner Frau Nina verheiratet, die an der Grundschule in Bebra unterrichtet. Das Paar hat zwei Söhne. Knoche ist Schalke-Fan.

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