„Im Zweifel für den Angeklagten“

Neun Jahre Haft für Bosseröder: 61-Jähriger wegen Totschlags gegen seine Mutter verurteilt

Das Landgericht in Fulda.
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Das Landgericht in Fulda.

Wegen Totschlags ist der heute 61-jährige Bosseröder, der seine Mutter umgebracht hat, zu neun Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden.

Bosserode/Fulda – Das hat die Strafkammer vor dem Landgericht Fulda unter Vorsitz von Richter Josef Richter am Donnerstag entschieden.

Staatsanwältin Dr. Christine Seban hatte auf Mord und Lebenslänglich plädiert, Verteidiger Artak Gaspar (Niederaula) auf Totschlag und sechs Jahre Freiheitsstrafe.

Der Richter betonte, dass der Tatablauf und die Frage nach dem Warum im Verfahren nicht eindeutig geklärt worden waren, weil zur Tatnacht nur Verteidiger Gaspar sprach, nicht sein Mandant. Trotzdem legte die Kammer laut Richter bei ihrer Bewertung Gaspars „nicht sicher ausschließbare“ Schilderungen zugrunde – im Zweifel für den Angeklagten. Es habe keine Objektiven Befunde gegeben, die zwingend gegen die Aussagen der Verteidigererklärung gesprochen hätten.

Entscheidend bei der Abwägung zwischen Mord und Toschlag war, ob die drei Richter und die beiden Schöffinnen annahmen, dass die 79-Jährige im Angesicht ihres Sohnes mit einem 20 Zentimeter langen Fleischermesser in der Hand mit einem Angriff rechnete – oder ob sie arg- und wehrlos war, sodass das Mordmerkmal der Heimtücke erfüllt wäre. Für beides gab es Anhaltspunkte.

Richter bezog sich auf die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes (BGH), nach der bei einem vorherigen Streit hohe Anforderungen daran gestellt werden, Arglosigkeit anzunehmen. Dass die Mutter „Willst du mich umbringen?“ gesagt habe, spreche dafür, dass sie die Gefahr erkannte. Außerdem sei laut BGH ein Opfer auch dann nicht wehrlos, wenn es sich verbal wehren kann. Das sei insbesondere bei einem persönlichen Näheverhältnis wie zwischen Mutter und Sohn zu prüfen. „Die Persönlichkeit der Mutter spielt die entscheidende Rolle. Sie wurden von allen Beteiligten als resolut beschrieben und sagte, wo es lang ging“, sagte Richter. Demgegenüber sei der Sohn ein konfliktscheuer, ängstlich-vermeidender Mensch. Laut dem Verteidiger war der Täter, als die Mutter ihn beschimpft habe, sogar zunächst zurückgewichen. „Die Möglichkeit ist real und nicht nur eine bloße Vermutung“, urteilte Richter.

Strafmildernd berücksichtigte die Kammer die gesundheitliche Situation des 61-Jährigen, den eine Haft schwerer treffe als einen gesunden Menschen – und unter anderem seine innere Konfliktsituation, in der er das Verhalten der Mutter „über Jahrzehnte als Fremdbestimmung, Bevormundung und Entwertung seiner Persönlichkeit“ erlebt habe.

Strafverschärfend war die Brutalität der 17 Messerstiche, die für die Mutter einen minutenlangen Todeskampf zur Folge hatten. Für die 79-Jährige sei umso schrecklicher gewesen, dass sie in diesen Momenten wusste, dass ihr eigener Sohn, den sie ihr Leben lang versorgt und dem sie in seiner Alkoholsucht das Leben gerettet hatte, sie gerade umbrachte. Ebenso betonte Richter das „erhebliche Leid und den Schmerz“, den der Täter über seine Familie gebracht hat. (Christopher Ziermann)

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