Kirchturm-Geläut ist auch ein Zeitdokument

Seit 50 Jahren Bronzeklang im Heinebacher Glockenturm

Pfarrerin Svenja Koch und Glocken-Experte Dennis Willershausen aus Homberg/Efze mit einer der alten Stahlglocken vor der evangelischen Kirche in Heinebach.
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Hüter der Glocken: Pfarrerin Svenja Koch und Glocken-Experte Dennis Willershausen aus Homberg/Efze vor der evangelischen Kirche in Heinebach. Die drei ausrangierten Stahlglocken haben hier einen Platz bekommen.

Heinebach – Seit mittlerweile 50 Jahren läuten in Heinebach Bronzeglocken im Kirchturm. Das Geläut der malerischen evangelischen Kirche im Bauernbarock wurde damals dank großzügiger Spenden gegen die alten Stahlglocken getauscht.

Seit ungefähr 1500 Jahren rufen Glocken Christen zu Gottesdiensten und Gebet auf. Als die Kirchen zu Beginn der Corona-Pandemie geschlossen blieben, haben sich viele Gläubige im Gebet unter dem hörbaren Dach der Glockenklänge verbunden. Gemeinschaft in der sonst häufig von Distanz geprägten Krise. Auch in Heinebach vom Kirchturm riefen die Glocken in der Kontaktsperre um 19.30 Uhr zum gegenseitigen Zuspruch und der Ermutigung. Zwei der insgesamt vier Bronzeglocken läuten seit mittlerweile 50 Jahren.

Großzügige Spender machten es vor einem halben Jahrhundert möglich, dass das ehemalige Stahlgeläut durch robuste Bronzeglocken ersetzt wurde. Die Gebetsglocke in Ton b’ ist 380 Kilo schwer, die Totenglocke im es’’-Ton wiegt 190 Kilogramm. Körperliche Schwerstarbeit, wenn die Glocken, wie anno dazumal üblich, mit der Hand und einem Seil als Antrieb geläutet werden mussten. Heute übernimmt das eine hochmoderne Computer-Steuerung. „Die ist wenig störanfällig und zuverlässig“, sagt Pfarrerin Svenja Koch.

Eine steile Leiter führt in den Glockenturm. Für Dennis Willershausen, Glocken-Experte mit fundiertem Wissen, ist das kein Problem. Über 800 Glockentürme hat der 29-Jährige aus Homberg/Efze schon bestiegen und viele kulturhistorische Schätze entdeckt. In der Heinebacher Kirche staunte der Verwaltungsfachangestellte über die moderne Anlage, die auch Gewitter und Stromausfall aushält. „Glocken sind eine Wissenschaft für sich“, sagt Willershausen. Und er muss es wissen. Sechs Semester hat er in Halle an der Saale und Regensburg ein Studium zum Glockensachverständigen plus Praktikum in einer Glockengießerei absolviert.

Zu seinen Lieblingsglocken gehört unter anderem die Lullusglocke in Bad Hersfeld. Einmalig in Deutschland und wahrscheinlich auch in Europa. Sie wird noch von Hand geläutet. Wohin die ältesten urkundlich erwähnten Heinebacher Kirchenglocken von 1229 verschwunden sind, steht in keiner Chronik. Vielleicht, so mutmaßt man in historischen Überlieferungen, seien sie aufgrund des hohen Bronzeanteils zu Kriegszwecken eingeschmolzen worden. Von dieser Barbarei sei auch Heinebach nicht verschont worden. Laut Pfarrchronik nimmt die Gemeinde unter Pfarrer Eckardt in einem Abendgottesdienst am 22. Juli 1917 Abschied von zwei ihrer Bronzeglocken, die erst 1882 angeschafft wurden. 1921 wird die letzte Glocke aus dem einstigen Dreierensemble verkauft. Der Ersatz: drei Stahlglocken.

Das Material ist schnell verstimmt. Stahl hält im Glockenklang nicht viel aus und war nach dem Zweiten Weltkrieg für Geläute nicht mehr gefragt. 1954 und 1970 entschied man sich dank der großzügigen Sponsoren wieder für das Bronze-Material. 1979 wurde eine vierte Bronzeglocke in Auftrag gegeben. Der damalige Ortspfarrer Manfred Pontow und 34 Gemeindeglieder waren beim Guss dabei. „Kirchenglocken sind wichtige Zeitdokumente. Auf manchen steht der Name des Bürgermeisters, auf anderen der alte Ortsname“, erläutert Dennis Willershausen. Die Inschriften der beiden 50 Jahre alten Heinebacher Glocken nehmen die Weihnachtsbotschaft der Engel (Lukas 2, 14) auf: „Ehre sei Gott in der Höhe“ und „Friede auf Erde“. Auf der Taufglocke von 1954 mit dem Ton f’’ steht geschrieben: „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihrer nicht“. Der Text der vierten und mit 700 Kilogramm schwersten Glocke mit dem Ton g’ lautet: „Und den Menschen ein Wohlgefallen“. Gegossen wurde sie im Jahr 1979.

Alle vier Glocken tragen die Namen der Gießer: Zwei stammen von den Gebrüdern Rincker in Sinn, zwei von der Firma Petit & Gebrüder Edelbrock (damaliger Inhaber war Hans Hüesker) aus Gescher in Nordrhein-Westfalen. In einer Zeit, als es noch kein Radio und Smartphone gab, orientierten sich die Menschen an den Glocken der Kirche. „Sie waren weithin zu hören. Zum Beispiel bei der Arbeit auf dem Feld“, sagt Pfarrerin Svenja Koch.

Ab dem 12. Jahrhundert warnten die Glocken vor Hochwasser und Feuer. Es gab das sogenannte „Wetterläuten“, das damals auch drohende Unwetter ankündigte. Vor Gewittern wird mittlerweile im Wetterbericht gewarnt, zum Gebet aber rufen die Glocken auch heute noch. In Heinebach wird um 7.45 Uhr, um 11 Uhr und abends um 18 Uhr zum Nachtgebet geläutet. (Von Susanne Kanngieser)

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