INTERVIEW zum Abschied nach 18 Jahren

Bürgermeister Walter Glänzer hat seinen letzten Arbeitstag

Das Bild zeigt den scheidenden Bürgermeister von Neuenstein Walter Glänzer (links) und seinen Mitarbeiter Jörg Iffland
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Es hört auf, wie es angefangen hat: Mit einem Wasserrohrbruch. An dieser Stelle in Raboldshausen standen Walter Glänzer (links) und sein Mitarbeiter Jörg Iffland vor 18 Jahren an Glänzers erstem Tag als Bürgermeister.

Nach drei Amtszeiten, also 18 Jahren, ist am Montag Walter Glänzers letzter Arbeitstag als Bürgermeister von Neuenstein.

Neuenstein - Der 66-Jährige Walter Glänzer ist zudem Mitglied im Kreistag, im Abfallwirtschaftszweckverband und in der regionalen Planungsversammlung Nordhessen. Diese Ämter behält er. Insgesamt ist er seit über 40 Jahren in der Kommunalpolitik.

Herr Glänzer, Sie sind auf der Zielgeraden, nur noch Stunden vom Ruhestand entfernt. Wie fühlen Sie sich?

Ich bin noch voll drin und doch schon voll draußen. Am Freitagmorgen hat um 5.30 Uhr das Telefon geklingelt. Da meldete jemand einen Wassersrohrbruch. Das war schon vor 18 Jahren an meinem ersten Tag im Amt so. Ich hatte diese Woche noch einige Dinge in Bewegung zu bringen, auch was unser Dorferneuerungsverfahren angeht. Am Montag, meinem letzten Arbeitstag, kommen noch mal alle Ausschüsse zusammen, um das Ikek, das Integrierte Kommunale Entwicklungskonzept, das jetzt durch die Steuerungsgruppe durch ist, auf den Weg zu bringen. Das darf nicht länger als bis 24 Uhr dauern (lacht).

Was hat Sie denn damals bewogen, kommunalpolitisch aktiv zu werden?

Ich bin angesprochen worden – von Walter Schmidt vor knapp 40 Jahren. Der Otto Becker war auch dabei. Er fragte, ob ich mir nicht vorstellen könnte in die Gemeindevertretung zu gehen oder in den Ortsbeirat. Das konnte ich mir vorstellen und mich hat’s dann auch wirklich interessiert. So ist das nach und nach gewachsen.

Sie waren dann ehrenamtlicher Erster Beigeordneter. Zum Bürgermeister ist es ja noch mal ein großer Schritt. Was war Ihre Motivation, die Politik zum Beruf zu machen?

Ich habe gesehen, dass man als Bürgermeister viel bewegen kann und miterlebt, was unter Walter Schmidt aus Neuenstein geworden ist. Da wollte ich weitermachen, auch wenn mir klar war, dass ich mich an ganz großen Fußspuren orientieren musste.

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Amtshandlung als Bürgermeister vor 18 Jahren?

Eine der ersten Aktionen war tatsächlich, mit dem Bauhof rauszufahren, der einen Wasserleitungsschaden in Raboldshausen beheben musste. Da wurde mir zwar gesagt, dass ich das nicht bräuchte, dass der Bauhof das alleine könne, aber ich wollte wissen, was los ist. So habe ich das während der ganzen 18 Jahre gehalten: Ich will wissen, was vor Ort los ist. In so einem kleinen Laden wie hier bist du halb der erste Sachbearbeiter und halb der Repräsentant und Verantwortungsträger. Und wer meint, er könne nur Repräsentant sein, der liegt schief. Die kleinen Ortsbürgermeister werden auf alles angesprochen. Wenn du Bürgermeister wirst, musst du wissen, dass du permanent in der Öffentlichkeit stehst. Aber ich bin froh, dass ich das machen und dass ich hier arbeiten durfte. Und ich bin froh, dass ich damals eine gute Mannschaft vorgefunden habe. Die konnte ich einfach arbeiten lassen – und das ist heute auch so. Ohne eine wirklich gute Mannschaft funktioniert es nicht.

Was waren Ihre größten Erfolge?

Ich möchte eigentlich nicht über Erfolge reden, sondern über meine Arbeit. Mein größter Erfolg für mich selber war, dass ich politisch mit allen Beteiligten gut ausgekommen bin, dass wir nur ganz selten Streit hatten und schon gleich gar nicht über persönliche Dinge. Damit konnten wir erfolgreich sein – bei Ansiedlungen, im Wohnbereich, beim Erhalt der Infrastruktur. Nehmen wir zum Beispiel das Thema Abwasser. Da haben wir eine neue Kläranlage gebaut und das alles ohne Beiträge der Bürger aus dem Bestand finanziert. Mit dem Kanalbau hat Walter Schmidt begonnen. Damals gab es dafür noch 80 Prozent Landeszuschuss. Wir haben heute noch immens niedrige Gebühren. Für mich persönlich ist das Allerwichtigste, dass die Leute mit mir reden und mich grüßen. Das ist mein Erfolg. Die letzten drei, vier Jahre waren starke Jahre. Da konnten wir, obwohl wir vorher Einrichtungen verloren hatten, wie den Zahnarzt oder den Lebensmittelmarkt, wieder vieles zurückgewinnen.

Gibt’s denn irgendetwas, wo Sie im Nachhinein sagen würden, das hätte ich mal lieber nicht gemacht?

Och, da gibt’s schon einige Dinge, aber da will ich nicht drüber reden. Und da müsste ich auch besser sagen „anders gemacht“. Nachher ist man immer schlauer. Für mich gilt der Spruch: Wir haben jeden Tag zehn Entscheidungen zu fällen. Acht davon müssen richtig sein. Eine kann man auch irgendwie anders machen. Und eine wird falsch sein. Welche das ist, weiß man vorher nicht, aber entscheiden müssen wir. Wer alles richtig machen will, wird den Laden so blockieren, dass nichts mehr geht.

Sie sind Parteimitglied der CDU und sitzen auch für die CDU im Kreistag. Wie viel Parteipolitiker steckt in Walter Glänzer?

Ab dem Kreistag schon deutlich mehr. Als Bürgermeister habe ich die Parteipolitik weitgehend außen vor gelassen – da habe ich für alle Bürger da zu sein, nicht nur die CDU-Mitglieder. Ich bin ja auch nicht nur von CDU-Mitgliedern gewählt worden.

Wie schwierig ist es, den eigenen Leuten klarzumachen, dass es manchmal sinnvoll ist, von der Parteilinie abzuweichen?

Man muss es begründen können und man kann es auch nicht permanent machen. Das ist, als ob man beim Fußball plötzlich aufs eigene Tor schießt. Tatsächlich spielt man gemeinsam in einer Mannschaft und muss sich gegenseitig unterstützen. Wenn’s mir gar nicht passt, nehme ich mir raus, auch mal dagegen zu stimmen oder mich zu enthalten. Aber das ist für mich die Ausnahme. Wenn wir was besprochen haben, muss man das auch einhalten und als Mannschaft auftreten. In der Gemeinde muss dagegen nicht die Partei vorneweg stehen, sondern die Sache und dass es für den Bürger gut ist.

Sie haben sich über den Kreis hinaus einen Namen gemacht als Fachmann für Strom- und Bahntrassen. Wie vielseitig muss man als Bürgermeister sein?

In das Thema liniengeführte Infrastrukturen bin ich so reingeschlittert. Aber ich musste das machen, weil ich mir eine Riesenleitung, die quer durch mein Gemeindegebiet geht, einfach nicht vorstellen konnte. In der normalen Gemeindewelt fehlt einfach oft die Erfahrung und das Wissen, um sich damit qualifiziert auseinanderzusetzen. Das muss man aber tun, um etwas zu erreichen. Dazu muss man auch regelmäßig die Veröffentlichungen der Bundesnetzagentur und anderer im Internet lesen.

Sie haben ja schon angekündigt, sich weiter für Neuenstein und den Knüll engagieren zu wollen. Was haben Sie geplant?

Ich bin Vorsitzender des Vereins für Regionalentwicklung im Knüll. Das ist der Verein, der für die Verteilung der Leader-Mittel und die Erstellung eines Förderkonzeptes zuständig ist. Da bin ich federführend dabei. Ich möchte vor allen Dingen, dass unser Naturpark Knüll wahrgenommen wird und dass der Zweckverband die Region nach vorne bringt, aber auch zusammenschweißt. Alle Gemeinden sollen gleichberechtigt Entwicklung erfahren. Außerdem bin ich weiterhin im Kreistag und im AZV sowie in der Regionalen Planungsversammlung aktiv. Auch im AZV sehe ich viele Möglichkeiten, da kann man noch viel bewegen, um Wertstoffe und Wertschöpfung in der Region zu halten.

Was werden Sie an Ihrem ersten Tag als Rentner tun?

Es ist über 18 Jahre ganz viel liegen geblieben. Ich werde mein ehemaliges Haus sanieren. Das steht zurzeit leer. Und dann werden wir sehen, was das Leben bringt. Vielleicht bringt’s ja auch noch ganz andere Aufgaben. Ich wandere gerne. Ich glaube, dass man hier in der Region, im Knüll, im Vogelsberg, in der Rhön oder im Thüringer Wald so viele schöne Laufstrecken hat, dass man jahrelang wunderbar laufen kann. Und ich freue mich auf etwas mehr Ruhe. (Christine Zacharias)

Zur Person: Walter Glänzer

Walter Glänzer (66) wurde 1956 in Raboldshausen geboren und lebt dort auch heute noch. Bevor er im September 2003 mit knapp 60 Prozent der Stimmen gewählt wurde, war er bereits Erster Beigeordneter. Sein Amt trat er am 11. Januar 2004 an. Bei der zweiten Wiederwahl im September 2015 stimmten 91,6 Prozent der Neuensteiner für ihn. Glänzer ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und zwei Enkel. In seiner Freizeit wandert er gerne, besonders am Eisenberg. Als Urlaubsziel schätzt er den Gardasee. 

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