Direktkandidatin im Porträt

Bundestagswahl: Sabine Leidig (Linke) kämpft für die Verkehrswende

Zu Mittag isst sie selten regelmäßig: Deshalb haben wir Sabine Leidig (Die Linke) zu einer Kaffee-Pause in Eschwege getroffen, wo sie sich ein Stück Birnen-Cappuccino-Torte schmecken ließ. Wenn sie zuhause in Kassel ist, hat sie sich seit der Pandemie mittags einen Spaziergang im angrenzenden Reinhardswald angewöhnt.
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Zu Mittag isst sie selten regelmäßig: Deshalb haben wir Sabine Leidig (Die Linke) zu einer Kaffee-Pause in Eschwege getroffen, wo sie sich ein Stück Birnen-Cappuccino-Torte schmecken ließ. Wenn sie zuhause in Kassel ist, hat sie sich seit der Pandemie mittags einen Spaziergang im angrenzenden Reinhardswald angewöhnt.

Zehn Frauen und Männer kandidieren im Wahlkreis Werra-Meißner/Hersfeld-Rotenburg für den Bundestag. In unserer Porträtreihe stellen wir heute die Linken-Kandidatin Sabine Leidig vor.

Hersfeld-Rotenburg/Werra-Meißner – Diese Kaffeepause hat sich Sabine Leidig sportlich verdient: Zum Interview kommt die Direktkandidatin der Linken mit dem Rad nach Eschwege. Vorher hatte sie Wahlkampftermine in Witzenhausen, Bad Sooden-Allendorf und Neu-Eichenberg. „Da hinauf war es ganz schön anstrengend“, sagt die 60-Jährige, die kein E-Bike nutzt, sondern noch selbst strampelt. Für den Heimweg nach Kassel wird sie abends den Zug nehmen – ein Auto hat die Verkehrsexpertin der Linken-Bundestagsfraktion seit fast 20 Jahren nicht mehr.

Mit dem Wechsel zu Attac 2002 gab sie ihren Dienstwagen ab, seither fährt sie vor allem Bahn und Rad. Auch ihr Partner hat seit 2020 nur noch ein Lastenrad. Müssen doch mal vier Räder her, mieten sie ein Auto. „Das funktioniert“, sagt Leidig. Für sie ist es Irrsinn, dass die meisten Autos nur eine Person transportieren und dafür fossile Rohstoffe verbrennen.

Dass sie mal Verkehrsexpertin werden würde, hätte Leidig nie gedacht. Sie wuchs auf einem Dorf auf, zog später mit Freunden ins benachbarte Heidelberg und machte eine Ausbildung zur Biologie-Laborantin. Zeitgleich trat sie in die Gewerkschaft ein, engagierte sich in der betrieblichen Jugendvertretung. „Das war für mich selbstverständlich“, sagt Leidig. Politisiert wurde sie vor dem Abitur in einer ökumenischen Jugendgruppe. Sie begeistert sich damals vor allem für Gerechtigkeit – in Deutschland, aber auch in globalen Handelsströmen, die oft zu Lasten von Menschen und Natur gehen.

Seit dem Börsengang der Bahn treibt sie um, wie Menschen mobil sein können

Ihr gewerkschaftliches Engagement führt 1992 zu einem festen Job als Jugendbildungsreferentin beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), später als Vorsitzende im DGB Mittelbaden. „Da habe ich viel gelernt über Sozialpolitik und Institutionen.“ Doch der Fokus nur auf deutsche Arbeitnehmer reicht ihr nicht. Sie gründet in Karlsruhe eine Gruppe der globalisierungskritischen Nichtregierungsorganisation Attac, wird in Frankfurt Bundesgeschäftsführerin.

Als Attac gegen den Börsengang der Deutschen Bahn kämpft, beschäftigt sie sich erstmals mit Verkehr. Fortan treibt sie die Frage um, wie Menschen sinnvoll mobil sein können. „Die Technik interessiert mich nicht so sehr“, sagt Leidig. Dass der Verkehr hierzulande nicht nachhaltig ist, sei kein technisches Problem, sondern ein Zeichen, dass Politik und Wirtschaft falsche Weichen stellen und Milliarden in Straßen und Autobahnen investieren statt Alternativen zu entwickeln. Ihr Ziel: eine neue Mobilität mit besserem öffentlichen Nahverkehr, mehr elektrisch betriebenen Zügen und Möglichkeiten, sich Fahrzeuge zu teilen.

Doch davon sei im Verkehrsausschuss kaum die Rede, sagt Leidig nach zwölf Jahren im Bundestag enttäuscht. Auch deshalb hat sie sich nicht mehr auf die Landesliste der Linken setzen lassen. Trotzdem geht sie mit Eifer in den Wahlkampf – denn der ist für sie eine gute Zeit, um politische Themen unter die Leute zu bringen. Leidig will, dass die Menschen diskutieren – wie sie in ihrem Land leben wollen und ob sie ihre linke Vision eines „sozial-ökologischen Umbaus“ der Gesellschaft hin zu mehr Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit teilen.

Leidig hat Lust auf Wahlkämpfe: Deshalb kandidierte sie parallel im Kreis Osterholz-Scharmbeck bei Bremen gegen den amtierenden Landrat. „Sonst wäre er allein angetreten und die Menschen hätten gar keine Wahl gehabt“, begründet sie den kuriosen Schritt, um den sie ein Bundestagskollege bat.

Wenn sie im Wahlkreis 169 das Direktmandat verpasst – was wahrscheinlich ist –, muss sie sich eine neue Aufgabe suchen. Sie freut sich drauf, ihre politische Erfahrung anders einzubringen. Seit „Fridays for Future“ würden sich mehr Menschen für die Verkehrswende einsetzen, verweist Leidig auf Proteste gegen die Internationale Automobilausstellung oder das Aus für den Dannenröder Forst: „Da ist das Leben, da will ich hin.“

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