"Wir brauchen die Bank"

Cornberger Bürger und Politiker fordern Erhalt des Sparkassen-Standorts

Seit 40 Jahren Sparkassen-Kunde: Jürgen Fichtner aus Cornberg.
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Seit 40 Jahren Sparkassen-Kunde: Jürgen Fichtner aus Cornberg.

Der Unmut in der kleinsten Kommune des Landkreises ist groß.

Die Schließung der Sparkassenfiliale ist für die Kommunalpolitiker das nächste große Beispiel für die Benachteiligung des ländlichen Raums.

Die Filiale ist unwirtschaftlich – das sagt die Sparkasse, und in dem Punkt widerspricht auch niemand. Der Sparkassen-Vorstandsvorsitzende Reinhard Faulstich hatte die Gründe für die Schließung in der Parlamentssitzung im März erläutert (wir berichteten). Für 500 Kunden lohne es sich nicht, einen Geldautomaten zu unterhalten – außerdem finde man keine Mitarbeiter mehr für Cornberg.

Die Cornberger fordern trotzdem den Erhalt der Sparkassen-Räume, die eigentlich zum 1. Mai geschlossen werden sollte. Der Geldautomat steht allerdings noch und kann auch benutzt werden, solange die Corona-Pandemie das öffentliche Leben so stark einschränkt wie derzeit, sagt Faulstich.

Den Protest der Bürger hat der 61-jährige Jürgen Fichtner in die Hand genommen. Er ist seit 40 Jahren Sparkassen-Kunde, sagt er. Er hat seinen Unmut bei der Sparkasse, dem Landrat (sitzt im Aufsichtsrat der Sparkasse), der Cornberger Verwaltung und den heimischen Landtagsabgeordneten Karina Fissmann (SPD) und Lena Arnoldt (SPD) kundgetan. Beide Abgeordnete zeigen einerseits Verständnis für die wirtschaftlichen Zwänge der Sparkasse, betonen aber auch, wie wichtig es ist, dass die Infrastruktur in ländlichen Gegenden erhalten bleibt. „Dienstleistungen einer Bank müssen weiterhin für alle Menschen zugänglich sein“, sagt Arnoldt. Sie und Fissmann weisen, unabhängig voneinander, auf das Projekt „Überlandsparkasse“ im Werra-Meißner-Kreis hin: Dort fährt ein Bus der Sparkasse durch die Dörfer, ähnlich wie der Medibus.

Die vergangenen anderthalb Jahre war die Cornberger Filiale noch an einem Tag pro Woche mit Personal besetzt. Wenigstens ein Selbstbedienungsangebot mit Geldautomat, Kontoauszugsdrucker und Briefkasten für Überweisungen fordert Fichtner. Die Automaten könne man ja auch beispielsweise im Dorfladen aufstellen. Gerade die älteren Menschen würden aber auch Ansprechpartner vor Ort benötigen, denn ein Umstieg auf ein rein digitales Angebot im Bereich der Finanzen mit kontaktlosem Bezahlen, Online-Überweisungen und Beratungen über Videochat sei für viele nicht möglich und denkbar.

„Wir brauchen die Bank“, sagt Fichtner. Denn sonst seien Kunden, die kein Auto haben, gezwungen, mit dem Bus nach Bebra zu fahren, um Bankgeschäfte zu erledigen. Das betrifft etwa 30 bis 40 ältere Menschen in Cornberg, schätzt der 61-Jährige. Die nächstgelegene Filiale in Nentershausen ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln kaum zu erreichen.

Ähnlich lautet die Kritik der im Cornberger Parlament vertretenen Fraktionen, die bereits im März eine Resolution an Landkreis und Sparkasse gerichtet haben – die auch von Bürgermeister Achim Großkurth (parteilos) unterstützt wird. Die Fraktionsvorsitzenden Hans Heinrich Ullrich (SPD), Heinrich Peitzmeier (CBL) und Hilmar Bettenhausen (CDU) fordern darin den Landkreis auf, sich als Träger der Sparkasse Bad Hersfeld-Rotenburg für die Aufrechterhaltung der Filiale mit personeller Besetzung einzusetzen – im Sinne des Solidaritätsprinzips, um „eine Zwei-Klassengesellschaft innerhalb des Landkreises“ zu verhindern.

Landrat Dr. Michael Koch sagt auf Anfrage: „Die Entscheidungshoheit liegt nicht beim Landkreis oder der Stadt Bad Hersfeld als Träger. Die Geschäftspolitik der Sparkasse obliegt den Vorständen. Diese haben den Verwaltungsrat über das Vorgehen informiert, er trägt die Vorschläge mit.“

„Die Schließung der Geschäftsstelle Cornberg ist Teil eines Gesamtkonzeptes, das dem veränderten Bedarf unserer Kunden insgesamt Rechnung trägt“, sagt Reinhard Faulstich, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Bad Hersfeld-Rotenburg. Die meisten Kunden aus Cornberg hätten bereits zuvor die Filialen in Nentershausen und Bebra genutzt. Grundsätzlich sei die Nutzung von SB-Automaten in Banken stark rückläufig. Immer mehr Kunden zahlen bargeldlos und die meisten Geldgeschäfte würden über das Internet und die Sparkassen-App erledigt. 

Projekte wie das Bus-Modell der Überlandsparkasse Werra-Meißner schaue man sich natürlich an, sie müssten sich aber auch wirtschaftlich bewähren. „In unserem Geschäftsgebiet überwiegen die Vorteile eines stationären Netzes mit 16 personenbesetzten Geschäftsstellen.“ Zur Idee von SB-Automaten in fremden Räumen sagt Faulstich, dass nicht die Raumkosten sondern die immer geringere Nutzung dieser Geräte dabei der ausschlaggebende Punkt sei. Er verweist auf das kostenlos erreichbare Servicecenter, das mit ausgebildeten Bankkaufleuten aus der Region besetzt sei und für die älteren Menschen ein wichtiger Anlaufpunkt sei. „Wir führen gerne auch Beratungsgespräche vor Ort beim Kunden und organisieren in Sondersituationen auch einen Geldboten“, sagt Faulstich.

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