Cornbergs Bürgermeister im Gespräch

Cornbergs Bürgermeister Großkurth: „Ich liebe unsere Gegend“

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Stolz auf die Versorgung im Ortsteil: Achim Großkurth, Bürgermeister von Cornberg, vor dem Dorfladen am neugestalteten Marktplatz. „Es ist immer schön zu sehen, wenn hier viele Menschen in der Sonne sitzen“, sagt der 57-Jährige.   

Die Sommerferien sind zu Ende. Das zweite Halbjahr beginnt, und die Bundestagswahl steht vor der Tür. Was machen eigentlich unsere heimischen Politiker in diesem Sommer? Wir haben nachgefragt.

Mit dem Interview beschließen wir die Sommerserie.

Herr Großkurth, Sie sind Bürgermeister der kleinsten Gemeinde im Kreis. Kennen Sie eigentlich alle Cornberger?

Achim Großkurth: Bis auf ein paar. Ganz frisch Zugezogenen bin ich vielleicht noch nicht über den Weg gelaufen. Aber ansonsten: weit über 90 Prozent sicherlich.

Sie sind hier geboren, Ihre Frau auch. Stand jemals zur Debatte, woanders hinzugehen?

Großkurth: Nein. Nie. Ich gehöre vielleicht zu den wenigen, die die Vorzüge unserer Region schon von klein auf zu schätzen wissen. Ich liebe unsere Gegend, das ist Heimat. Ich kann es aber auch wertschätzen, weil ich mir anderes angesehen habe. Aber gerade im Sommer würde ich eher nicht wegfahren. Da ist Urlaub kaum denkbar. Im November, wenn’s grau ist, kann ich mir das eher vorstellen.

Gibt es denn ein Urlaubsziel, das Sie mal reizen würde?

Großkurth: Polen. Das hat von der Landschaft her unglaubliche Reize. Das wäre für mich mal was ganz Neues. Ansonsten nicht zu touristisch, ich bin lieber da, wo wenig Leute sind.

Apropos wenige Leute. Müssten nicht im Cornberger Rathaus die besten Verwaltungsfachangestellten arbeiten? Immerhin werden hier die vielfältigen Aufgaben auf nur ganz wenige Schultern verteilt.

Großkurth: Ja gut, Sie müssen als Generalist fit sein und immer wissen, wo man Hilfe herbekommt. Wir haben hier keine Verwaltungsebenen, wo man sich mal verkrümeln kann, wir sind ständig Bürgerkontakt ausgesetzt. Wenn hier jemand mit seinem Problem steht, erwartet der, dass wir das sofort bearbeiten und nicht erst in drei Wochen. Dabei müssen Sie alle genau gleich behandeln. Vielleicht geht das in größeren Städten, wo alles etwas anonymer ist. Wir haben immer ein Präzedenzfalldenken.

Die Migrationswelle ist nach Cornberg sehr geräuschlos gekommen. Wie erklären Sie sich das?

Großkurth: Cornberg kann das. Insbesondere der Ortseil Cornberg, weil er zu einer Zeit entstanden ist, in der Migration das alles bestimmende Thema war. In der Nachkriegszeit war Cornberg Vertriebenenlager. Eine Einrichtung, in der Kriegsflüchtlinge gebündelt untergebracht waren. Als wir davor noch Bergbauregion waren, haben auch schon Bergmänner aus vielen verschiedenen Regionen hier zusammengelebt. Dieses Zusammenschmelzen hat Spuren hinterlassen. Die Menschen hier gehen gelassener damit um, wenn jemand anders ist. Dazu kommt ein toller Arbeitskreis, der sich um die Einzelschicksale der Menschen kümmert.

Welche Projekte werden die kommenden Monate in Conberg bestimmen?

Großkurth: In Königswald asphaltieren wir gerade die Ortsdurchgangsstraße. Da ist es gelungen, noch zwei Nebenstraßen herzurichten. Zehn Jahre nach dem Ende der Dorferneuerung dort ist das eigentlich erst der richtige Abschluss. Nicht ganz so schön ist dagegen die Diskussion, dass wir dafür natürlich auch Beiträge nehmen müssen. Da kommen wir nicht drumrum.

Thema Schutzschirm, Fluch oder Segen für Cornberg?

Großkurth: Kann man so gar nicht mehr diskutieren. Wir haben uns schwergetan, diesen Schutzschirm anzunehmen. Das Verfahren war für uns brutal. Um überhaupt reinzukommen, mussten wir schon zweimal die Grundsteuer anheben. Wir haben schon seit Mitte der 90er-Jahre Haushaltskonsolidierungsprogramme geschrieben und nach Einsparmöglichkeiten gesucht. Wenn ich jetzt sehe, dass wir die letzten beiden ausgeglichene Haushaltsentwürfe vorgelegt haben – und ich gehe davon aus, dass auch die Abschlüsse positiv sein werden – dann sind wir auf keinem schlechten Weg.

Das klingt sehr vorsichtig.

Großkurth: Muss es auch sein. Wir haben unsere eigenen Einnahmemöglichkeiten ausgereizt. Eingespart werden kann auch nicht weiter. Weil unsere wesentlichen Einnahmen aus Zuweisungen bestehen, müssen wir einfach hoffen, dass die auch bleiben, wie sie sind. Wir sind einfach zu klein. Zuweisungen kommen nach Kopfzahl. Das ist das Kernproblem.

Das läuft auf die Kardinalfrage hinaus: Wie lange kann Cornberg sich noch eigenständig halten?

Großkurth: So lange wie wir den Haushalt ausgleichen. Sehen Sie, wir haben Schulden von 1,3 Millionen Euro in Cornberg, dazu einen Kassenkredit von 2,8 Millionen. Auf den Einwohner gerechnet ist das ein erkleckliches Sümmchen. Andere haben einen Fehlbetrag von 31 Millionen und planen einen Hessentag. Wie geht sowas? Mich stört diese unterschiedliche Betrachtungsweise. Man darf eine rote Linie einfach nicht überschreiten.

Zur Person

Achim Großkurth (57) ist seit 2002 Bürgermeister der Gemeinde Cornberg. Er stammt aus Rockensüß, wo er auch heute noch mit seiner Frau Doris lebt. Sie haben drei erwachsene Kinder. Großkurth hat in Gießen Landwirtschaft studiert und arbeitete vor seinem Bürgermeisteramt als Leiter des Umwelt-, Bau- und Planungsamtes in Alheim.

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