Häufig geht es um Drogenkriminalität

Ehrenamt mit Verantwortung: Cornelia Ziehn ist Schöffin am Bad Hersfelder Amtsgericht

Das Bild zeigt Cornelia Ziehn aus Unterhaun im heimischen Wohnzimmer mit einem Ordner, in dem sie alle Verhandlungstermine sowie Zeitungsberichte über Prozesse abheftet, an denen sie beteiligt war.
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Ist Schöffin am Amtsgericht Bad Hersfeld: Cornelia Ziehn aus Unterhaun. In dem Ordner hat sie alle Verhandlungstermine sowie Zeitungsberichte über Prozesse, an denen sie beteiligt war, abgeheftet.

Wenn das Schöffengericht am Amtsgericht Bad Hersfeld sein Urteil „im Namen des Volkes“ fällt, hat daran ab und zu auch Cornelia Ziehn aus Unterhaun mitgewirkt.

Unterhaun/Bad Hersfeld - Die 67-Jährige ist Schöffin am Amtsgericht – ein Ehrenamt, für das zur Unterscheidung von Berufsrichtern auch die Bezeichnung Laienrichter oder ehrenamtlicher Richter gebräuchlich ist.

Juristisch vorbelastet ist die gelernte Verwaltungsfachangestellte, die nach einigen Jahren beim Landkreis lange ein Sonnenstudio betrieben und als Hausverwalterin gearbeitet hat, nicht. Das sollen Schöffen aber auch gar nicht sein. Gefragt sei der gesunde Menschenverstand, erklärt sie, und natürlich sollte man möglichst neutral sein und keinerlei Vorurteile haben.

Seit 2014 ist Cornelia Ziehn Schöffin. Zunächst war sie Hilfsschöffin, inzwischen ist sie Hauptschöffin. Hilfsschöffen sind Springer, die kurzfristig einspringen, wenn jemand ausfällt. Auf die Vorschlagsliste der Gemeinde Hauneck hatte sie sich damals sozusagen aus eigenem Antrieb setzen lassen. „Das hat mich interessiert, es macht mir Spaß und ich kann mir meine Zeit frei einteilen“, sagt Ziehn, die es schön fände, wenn auch mehr junge Leute sich ehrenamtlich engagieren würden.

In einem dicken Ordner sammelt die Unterhaunerin alle Termine, aber auch Zeitungsberichte über Verhandlungen, an denen sie als Schöffin teilgenommen hat. Maximal zwölf „Einsätze“ hat sie im Jahr. Die Termine für das kommende Jahr bekommt sie bereits am Ende des Vorjahres. Fernbleiben dürfen Schöffen den Sitzungen nur in begründeten Ausnahmefällen wie Krankheit. Eine spezielle Einführung gab es für Ziehn nicht: „Ich habe einen ausführlichen Leitfaden bekommen und dann ging es los.“

Vor der jeweiligen Verhandlung informiere der Richter oder die Richterin sie über den Sachverhalt. Auf dem Weg zum Gericht wisse sie meist noch nicht, worum es geht, berichtet Ziehn. Meist sind es dann Drogendelikte, doch mit Diebstählen, einer Bombendrohung und Hetze im Internet hatte es die 67-Jährige ebenfalls schon zu tun. Wie die anderen Prozessbeteiligten dürfen auch die Schöffen Fragen stellen, wovon Ziehn durchaus Gebrauch macht, wie sie erzählt. „Wenn mir etwas unklar ist, hake ich nach. Dafür bin ich ja da. Man muss nicht alles als gegeben hinnehmen.“ Gleichwohl sei es nicht immer einfach, einzuschätzen, ob jemand die Wahrheit sagt, gibt sie freimütig zu.

Auch bei der Beratung nach der Beweisaufnahme beziehungsweise der Urteilsfindung samt Strafmaß haben die Schöffen ein Mitspracherecht. Was hinter verschlossener Tür im Richterzimmer besprochen wird, muss indes dort bleiben und darf nicht nach außen dringen, betont sie.

Ob sich ihr Blick auf das Leben und ihre Mitmenschen durch all die zu verhandelnden Straftaten verändert hat? „Jedem, der Zeitung liest, dürfte klar sein, dass wir hier keine grüne Insel sind“, winkt sie ab. „Ich möchte aber nicht wissen, was in Großstädten so los ist.“ Ziehns aktuelle Amtszeit endet Ende 2023.

In die Verlegenheit, plötzlich einem Bekannten gegenüber zu sitzen, ist die 67-Jährige bislang nicht gekommen. Auch nehme sie die Probleme aus dem Gerichtssaal nicht mit nach Hause. Nur eines würde sie vermutlich belasten: Wenn Kinder involviert, sprich von Kriminalität und Gewalt betroffen sind.

Im Anschluss an eine Verhandlung habe sie deshalb auf dem Flur auch mal einer jungen Mutter ins Gewissen geredet. Angst vor möglicher Rache von verurteilten Straftätern hat sie nicht.

„Und ich lasse mir auch keine machen“, stellt die Unterhaunerin selbstbewusst klar, die bei Anfeindungen um eine passende Antwort wohl auch nicht verlegen wäre. (Nadine Maaz)

Schöffen gab es schon im Mittelalter

Die Beteiligung juristischer Laien an der Rechtsprechung hat eine lange Tradition. Sie soll eine wirksame Kontrolle der richterlichen Gewalt durch das Volk darstellen. Schon im frühen Mittelalter haben Schöffen bei der Urteilsfindung mitgewirkt. Heute ist die Beteiligung des Volkes an der Rechtsprechung im Grundgesetz verankert.

Der Bedeutung entsprechend werden Schöffen nicht einfach bestimmt, sondern gewählt. Alle fünf Jahre stellen die Gemeinden Vorschlagslisten auf. Insbesondere ist dabei auf die Verfassungstreue und ausreichende Kenntnisse der deutschen Sprache zu achten. Nicht berufen werden sollen zudem Personen, die das 25. Lebensjahr noch nicht oder das 70. Lebensjahr bereits vollendet haben.

Oft fordern die Gemeinden Verbände und Vereinigungen auf, geeignete Personen zu benennen. Interessierte Bürger können sich aber auch selbst bewerben. Hat die Gemeindevertretung die Vorschlagsliste beschlossen, wird sie öffentlich ausgelegt. Danach bekommt sie der beim Amtsgericht eingerichtete Wahlausschuss, der die nötige Anzahl von Haupt- und Hilfsschöffen auswählt. Einmal im Jahr werden die Schöffen für die Sitzungstermine ausgelost. Ist ein Schöffe gewählt, kann er das Amt grundsätzlich nicht ablehnen, die Annahme ist Staatsbürgerpflicht. Hauptamtliche und ehrenamtliche Richter haben gleiche Rechte und Pflichten.

Quelle: Hessisches Justizministerium/Leitfaden für Schöffen

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