Leere Regale werden wieder aufgefüllt

Corona-Krise: Hamsterkäufe auch im Kreis Hersfeld-Rotenburg

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Gefragt wie nie: Neben Desinfektionsmitteln, Nudeln und Konserven kaufen die Menschen derzeit vor allem eines – Toilettenpapier. Das hat auch Ewa Markowski so noch nicht erlebt, die zum Serviceteam im Bad Hersfelder Edeka an der Schlosserstraße gehört. Das Regal wurde wieder aufgefüllt, aber nicht alle Marken waren gestern verfügbar.

Neben Desinfektionsmitteln, Nudeln und Konserven kaufen die Menschen im Landkreis Hersfeld-Rotenburg derzeit vor allem eines – Toilettenpapier.

„Hier ist der Bär los.“ Ehrenfried Schorn ist inzwischen schon seit ein paar Jahrzehnten im Lebensmittelhandel tätig, aber so etwas habe er noch nicht erlebt. Bereits morgens um acht sei der Parkplatz am Montag so voll gewesen, wie sonst nur zu Ostern und Weihnachten. Schorn leitet den Edeka-Markt an der Schlosserstraße in Bad Hersfeld und gehört zudem zur Geschäftsleitung der Firma Thorsten Hellwig Edeka Verbrauchermärkte, die zahlreiche Geschäfte in der Region betreibt. Seine Kollegin Ewa Markowski aus dem Serviceteam, das gerade mit dem Wiederauffüllen von Regalen beschäftigt ist, pflichtet ihm bei. Auch sie ist seit 15 Jahren im Job, aber so einen Ausnahmezustand kenne sie nicht.

Keine Panik: Ein  Aushang im Edeka auf der Hohen Luft in Bad Hersfeld. 

Seit das Coronavirus auch in Deutschland grassiert, kaufen viele auf Vorrat ein. Vor allem Nudeln, Fertiggerichte und Toilettenpapier seien gefragt, berichten Schorn und andere Händler, der Blick in die Regale bestätigt es. „Wir spüren das seit etwa zwei Wochen“, so Schorn. „Um Toilettenpapier wird sich fast geprügelt.“ Noch sei man aber lieferfähig, nach und nach würden leere Regale wieder aufgefüllt. Es könne jedoch vorkommen, dass es mal einen Tag länger dauere als üblich oder die 38. Sorte Nudeln mal nicht vorhanden sei. Insgesamt gibt es laut Schorn aber noch keine Engpässe.

Das teilt auch Johanna Ammermann von der Tegut-Unternehmenskommunikation mit. „Obwohl wir in unseren Märkten aktuell flächendeckend eine höhere Nachfrage nach länger haltbaren Produkten und Getränken sehen, ist die Versorgungslage im gesamten Tegut-Gebiet normal“, heißt es in ihrem Statement. „Die Kunden kaufen derzeit verstärkt lange haltbare Produkte, wie Nudeln, Reis und Konserven. Aber auch Toilettenpapier ist derzeit stark nachgefragt.“ Für das gesamte Filialpersonal sei es durchaus eine Herausforderung, diese Regale so schnell wie möglich wieder zu befüllen. Lieferengpässe gebe es aber keine, sagt auch sie. Nur bei Desinfektionsmitteln könne es aktuell kurzfristig zu leeren Regalbeständen kommen, da die Hersteller gerade einer deutlich höheren Nachfrage nachkommen müssten. 

Nur wenige Regale leer gefegt

„Hier ist ein Spion im Laden, der Fotos von leeren Regalen macht“, ruft ein älterer Herr quer durch den kleinen, aber gut sortierten Edeka-Markt in Baumbach. Zehn Sekunden später steht Inhaberin Linda Peter vor dem Handy-Fotografen, entspannt und bereit, unserer Zeitung zu erzählen, wie sie die vergangenen Tage in ihrem Geschäft erlebt hat. 

Neben Nudeln, Reis und Aufbackbrötchen ist Milch zurzeit ein sehr gefragtes Lebensmittel. Der Nachschub aber rollt. Auf unserem Foto füllen Anita Beck, rechts, und Ilona Möller im Edeka-Markt in Baumbach die Regale wieder mit Milch auf. Ausverkauft ist das Toilettenpapier. Die nächste Lieferung kommt am Mittwoch.

Längst ist die Corona-Krise auch in den Lebensmittelmärkten in unserer Region angekommen. Manche Marktleiter sind gar nicht zu sprechen, weil ihr Telefon ununterbrochen klingelt. Ein anderer Chef sitzt in einem großen Rotenburger Markt mit einer Kollegin an der Kasse, an der sich lange Schlangen bilden, und kann sich ebenfalls nicht loseisen. Erste Mitarbeiter haben sich dort krank gemeldet. Chaos-Tage haben sie schon hinter sich und auch noch vor sich. 

Im kleinen Baumbach geht alles tatsächlich noch ein bisschen beschaulicher zu. Aber die Probleme sind trotzdem die Gleichen. „Die meisten Einkaufswagen sind nicht vollgepackt bis obenhin“, berichtet Linda Peter. „Vielleicht glauben die Menschen, dass wir hier nicht so viel haben und gehen zum Hamstern in die großen Geschäfte.“ Mal sind es drei Päckchen Nudeln mehr, mal zwei Päckchen Zucker mehr. Der Hit auch in Baumbach aber ist das Toilettenpapier. Die Regale sind am Montagmittag leer gefegt. Nicht eine Rolle ist mehr zu kriegen, nicht mal von der teuren Luxusvariante. Die nächste Lieferung kommt am Mittwoch. 

Natürlich ist das Coronavirus auch bei den Mitarbeitern das Thema Nummer eins. „Wir waschen uns regelmäßig die Hände und haben Desinfektionsmittel in Reichweite stehen“, berichtet Linda Peter. „Viel mehr können wir zu unserem Schutz nicht tun“. Zum Glück haben sich dort noch keine Angestellten krank gemeldet. „Wir sind sehr vorsichtig, aber Panik ist bei uns nicht angesagt.“ Hamsterkäufe hält Linda Peter nicht für sinnvoll. „Das Ende vom Lied wird sein, dass die Leute den Überblick verlieren und schließlich viele Lebensmittel weggeworfen werden.“ Sie hält Hamsterkäufe auch nicht für nötig. Natürlich muss der Nachschub organisiert werden, wenn die Bürger wie verrückt die Einkaufswagen vollpacken. „Ich halte es aber für ausgeschlossen, dass die wichtigen Lebensmittel bei uns ausgehen“, betont die Inhaberin des Edeka-Marktes. „Verhungern muss bei uns niemand. Es gibt keinen Grund, in Panik zu verfallen.“ 

Zwar dauert es manchmal etwas, bis die Regale wieder aufge füllt sind, Engpässe gibt es aber noch nicht, sagen die Händler. Das Bild entstand im Edeka in Baumbach.

Die hohe Nachfrage wird auch von den Nachrichten ausgelöst. Je heftiger sie sind, desto größer die Hamsterkäufe. „Donnerstag und Freitag waren besonders schlimme Tage“, berichtet der Geschäftsführer eines Rotenburger Marktes, der seinen Namen nicht nennen möchte. Die begehrtesten Artikel sind dann in allen Supermärkten die gleichen. „Nudeln, Reis, Mehl, Toilettenpapier“, berichtet er. Bei Obst und Gemüse sind es hauptsächlich die Kartoffeln. „Unser Umsatz hat sich am Donnerstag und Freitag fast verdoppelt“, erzählt der Chef. Aber natürlich werden die Kunden dann in Zukunft auch wieder weniger kaufen, bis die Vorräte aufgebraucht sind. „Bis auf Desinfektionsmittel bekommen wir zurzeit alles, was wir bestellen“, beruhigt auch er die Gemüter. „Es gibt zurzeit keinerlei Grund, sich Sorgen um die Versorgung mit Lebensmitteln zu machen“, so sein Fazit. Einige wenige Weitsichtige haben schon vor drei Wochen ihre Hamsterkäufe erledigt. „Unser Sohn wohnt in Italien. Als von dort die ersten Schreckensmeldungen kamen, haben wir uns gleich eingedeckt“, gibt eine Rotenburgerin unumwunden zu. Auf dem Parkplatz bittet eine alte Dame einen fremden Mann, ihr die Wasserflaschen ins Auto zu heben. Er zögert eine Sekunde länger als sonst, bevor er nach den Flaschen greift. Ein älterer Herr hat die Einkäufe verstaut, steigt in sein Auto und reibt sich die Hände gründlich mit Desinfektionsmittel ein. Eine junge Frau streift sich Gummihandschuhe über, bevor sie den Einkaufswagen berührt. Und das Verrückte ist – sie werden von niemandem belächelt. Sicherheit ist alles, was zählt, in diesen Tagen.

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