Auch nachts keine Pause

Corona: Mitarbeiter der Telefonseelsorge in Hersfeld-Rotenburg sind im Dauerstress

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Viele Anrufer beschäftigt das Thema Corona: Salome Möhrer-Nolte, Geschäftsführerin der Seelsorge Nordhessen, schätzt, dass dies in Zukunft noch zunehmen wird. 

Das spüren auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Telefonseelsorge, an die sich jeder anonym mit seinen Problemen wenden kann.

„Wir sind rund um die Uhr besetzt. Im Gegensatz zu der Zeit vor Corona gibt es jetzt keine Pausen mehr, auch nachts nicht“, erklärt Salome Möhrer-Nolte, Geschäftsführerin der Telefonseelsorge Nordhessen. Sie verzeichnete schon im März 20 Prozent mehr Gespräche als sonst – bundesweit sehen die Zahlen ähnlich aus.

War zunächst die Gefahr durch das Virus Hauptthema der Anrufe, so ginge es mittlerweile hauptsächlich um Ängste, hat Möhrer-Nolte registriert: „Angst vor eigener Erkrankung oder der nahestehender Menschen, vor Isoliertsein, dem Wegbrechen sozialer Kontakte, Existenzängste“ – diese Themen hätten am deutlichsten zugenommen. Weiterhin gehe es in vielen Gesprächen um Einsamkeit, familiäre Beziehungen und Überforderung.

Sie hat registriert, dass die Altersgruppe der 40- bis 70-Jährigen am häufigsten zum Telefonhörer greift. In der E-Mail-Seelsorge, die über die Homepage der Telefonseelsorge im Angebot ist, seien die meisten Ratsuchenden zwischen 20 und 40 Jahren, im Chat zwischen 15 und 30.

Ihnen helfen bei der Telefonseelsorge Nordhessen mehr als 70 ausgebildete ehrenamtliche Mitarbeitende. Einzige hauptamtliche pädagogische Kraft ist Möhrer-Nolte selbst. Personell aufstocken konnte die Telefonseelsorge nicht, wie sie erklärt. Vor der Mitarbeit ist eine einjährige Ausbildung erforderlich, die für den Dienst am Telefon qualifiziert.

Trotz dieser Schulung sei die Belastung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zurzeit enorm hoch. Supervisions-Gruppentreffen sind momentan nicht möglich, nur Einzelgespräche gibt es. Und aus dem Homeoffice zu arbeiten, ist für die Mitarbeiter der Telefonseelsorge nicht möglich. Eben wegen der seelischen Belastung, die Mitarbeiter durch die Gesprächsthemen ausgesetzt sind, wird streng darauf geachtet, dass Arbeitsplatz und Wohnung getrennt sind und bleiben.

Die Telefonseelsorge ist ein unentgeltliches Seelsorgeangebot der evangelischen und der katholischen Kirche. Sie ist rund um die Uhr an allen Tagen erreichbar (evangelisch: 0800/1110111, katholisch: 0800/1110222 sowie im Internet unter telefonseelsorge.de, über E-Mail und Webchat). Alle Beratungen finden anonym statt, die aus- und weitergebildeten Mitarbeiter unterliegen der Schweigepflicht. Die Telefonseelsorge ist für alle Themenbereiche offen. Es gibt in Deutschland 105 regionale Stellen mit 350 hauptamtlichen und 8000 ehrenamtlichen Mitarbeitern.

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