Naturschutzgebiet in Gefahr

„Das wäre Wehrdas Tod“ - Bürgerinitiative will Schnellbahntrasse verhindern

Drei Männer stehen in der grünen Landschaft und halten Zettel mit Unterschriften.
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450 Unterschriften gegen eine Schnellbahntrasse durch Wehrda: Thomas Bevern, Heinz Billing und Klaus Fey (von links) wollen sich wehren und diese Variante verhindern. Etwa dort, wo die drei stehen, würde die Trasse verlaufen.

Mit großem Engagement wehrt sich eine Bürgerinitiative gegen die mögliche Streckenführung der neuen Schnellbahntrasse Fulda-Gerstungen durch Wehrda.

Wehrda – So richtig glauben konnten es Thomas Bevern, Heinz Billing und Klaus Fey nicht, als sie im Herbst 2020 im Zusammenhang mit der geplanten Schnellbahntrasse Fulda-Gerstungen erstmals von der „Wehrda-Variante“ lasen. Doch schnell sei ihnen klar geworden, dass die Pläne real sind und die Variante 001 im festgelegten Suchraum den Haunetaler Ortsteil unmittelbar betreffen würde.

Die Gemeindevertretung hatte damals auf Antrag der GfH-Frakion eine Resolution beschlossen, in der die DB-Netz-AG aufgefordert werden sollte, die Wehrda-Variante zu streichen beziehungsweise weiter östlich eine Tunnelstrecke zu planen. Andernfalls drohe Wehrda „zerschnitten“ zu werden (unsere Zeitung berichtete).

Bevern, Billing und Fey war das allerdings nicht genug. Vor allem vermissten sie in der Folge konkretere und transparente Informationen seitens der Gemeinde und der Kommunalpolitiker, wie sie sagen. Gemeinsam mit Karin Fey, Hans Diehl und Ulrich Heinz haben sie sich zu einer Bürgerinitiative mit dem Namen „Keine Schnellbahntrasse durch Wehrda“ zusammengeschlossen. Vor allem Bevern hat umfangreich recherchiert und versucht alle Raumwiderstände, die gegen die Bauplanung sprechen, herauszuarbeiten.

Die BI sorgt sich um die Zukunft des 600-Einwohner-Dorfes, dessen Attraktivität und Lebensqualität sowie um den Wertverlust der Immobilien und Grundstücke. Darüber hinaus kritisiert sie erhebliche Eingriffe in die Natur, die Pflanzen, Tiere und Trinkwasser beträfen, zumal die Trasse oberirdisch durch das als Naturschutzgebiet ausgewiesene Moor bei Wehrda führen würde.

„Diese Trasse wäre der Tod des Dorfes“, so Heinz Billing, dessen Haus nur 250 Meter von der Trasse entfernt wäre, wie er berichtet. Rund 450 Unterschriften hat die BI nun gesammelt – der Großteil stamme von Wehrader Bürgern, es seien aber auch „externe Unterstützer“ wie Schriftsteller Friedrich Christian Delius dabei, der einst in Wehrda aufgewachsen ist. Wann und wie die Unterschriften übergeben werden sollen, steht noch nicht fest. Ihre Bedenken konnte die BI Vertretern der Bahn indes kürzlich bei einem Vor-Ort-Termin persönlich darlegen.

Überzeugen wollen die Gegner der Variante 001 mit Fakten, nicht mit Emotionen. Man agiere auch nicht nach dem Motto: Verschon mein Haus, zünd" ein anderes an. „Wehrda wäre viel stärker betroffen als andere Orte, da die Bahn dort aus einem Tunnel auch an die Oberfläche käme“, argumentiert Thomas Bevern. „Es ist eigentlich unglaublich, aber wir nehmen die Pläne außerordentlich ernst“, so Heinz Billing.

Nicht betroffen wäre Wehrda bei der von 13 Bürgermeistern aus dem Landkreis favorisierten Hersfeld-Variante. Als weitere Lösung betrachten sie die Neuausweisung des Wasserschutzgebietes Hirschel. „Werbung“ dafür macht aktuell ein großes Schild am Wasserwerk. (Nadine Maaz)

Sichtbarer Protest: Einen sofortigen Stopp der Planung fordert die BI auch auf einem Schild am Ortseingang.

Das sagt die Bahn: „Prüfen alle machbaren Möglichkeiten“

Die Bahn nehme die Sorgen und Ängste der Menschen sehr ernst, heißt es in einer Stellungnahme zur Wehrda-Variante. „Derzeit suchen wir ergebnisoffen nach der bestmöglichen Trassenführung für die neue Bahnstrecke und prüfen dafür grundsätzlich alle technisch machbaren Möglichkeiten“, so eine Sprecherin. Sämtliche Teilabschnitte würden im Detail im Segmentvergleich, mit Blick auf ihre Auswirkungen auf Mensch, Umwelt, Raum sowie bezogen auf technische und wirtschaftliche Aspekte betrachtet. Die, die im Vergleich zu anderen am besten abschneiden, werden weiterverfolgt. Über den aktuellen Stand soll im nächsten Beteiligungsforum am 2. Juli informiert werden, zu dem die BI eingeladen sei. (nm)

Eine weitere Resolution ist in Arbeit

Eine weitere den Trassenverlauf 001 der Neubaustrecke Fulda-Gerstungen ablehnende Resolution soll in der Gemeindevertretersitzung am Dienstag verabschiedet werden. Der Ortsbeirat Wehrda und der Gemeindevorstand haben diese laut Bürgermeister Timo Lübeck bereits beschlossen. Die Bahn wird darin unter anderem aufgefordert, das Moor bei Wehrda zu berücksichtigen, das nicht nur Naturschutz- und FFH-Gebiet mit höchster Priorität sei, das dem Schutz von Pflanzen (Flora), Tieren (Fauna) und Lebensraumtypen (Habitaten) diene. Es sei auch bekannt, dass das Moor durch Salzauswaschungen entstanden sei, was erhebliche Auswirkungen auf die Errichtung von Bauwerken habe. Zudem seien dort bereits zahlreiche Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen etwa für den Kaliberbau realisiert worden und weitere geplant. Weitere Argumente sind der Wasser- und Trinkwasserschutz, die Nähe zum Friedhof sowie die besondere Schlösser-Dichte und die exponierte Tallage.

Mit Blick auf die Kritik der BI sagt Lübeck: „Die Wehrdaer wissen, dass sie sich auf die gemeindlichen Gremien und mich verlassen können. Es gibt kein Thema, in das ich zuletzt so viel Zeit und Engagement investiert habe. Was die Informationspolitik angeht, ist die Bahn als Vorhabenträger in der Pflicht. Dass es ein paar ganz Wenige im Ort gibt, die anstatt mit der Bahn, lieber die Auseinandersetzung mit der Gemeinde suchen, hilft der gemeinsamen Sache nicht. Wir haben jedenfalls unsere Hausaufgaben sowohl was den Einsatz für die Hersfeld-Variante, die Ermittlung der Raumwiderstände, als auch die Wasserschutzgebiete angeht, erledigt. Mit Ortsbeirat und BI haben wir uns dazu ausgetauscht.“ (nm)

BI Bahntrasse Haunetal unterstützt Wehrdaer

Von der schon länger existierenden BI Bahntrasse Haunetal werden die Wehrdaer bei ihrer Ablehnung der geplanten Variante 001 unterstützt. „Wird dieses Trassensegment in der geplanten Form umgesetzt, wird einer der letzten intakten Taleinschnitte Haunetals mitsamt des Naturschutzgebiets Wehrdaer Moor unwiederbringlich zerstört“, sagt Sprecher Klaus Renschler, der für die GfH-Fraktion im November 2020 auch die erste Resolution angestoßen hatte. In diesem Trassenabschnitt können zudem die geforderten Abstände zur Ortslage nicht eingehalten werden, was zu einer nicht hinnehmbaren Lärmbelastung führe. Auch die Trinkwasserversorgung von Teilen Haunetals sei möglicherweise gefährdet.

Allerdings sieht die BI laut Renschler auch, dass niemand die neue Bahntrasse vor der Haustür haben möchte. Seit Beginn der Planungen arbeite man daher im Bahn-Dialog-Forum mit und fordere seit jeher die Bahn AG auf, unbedingt und nur eine Trassenführung zu suchen, die den geringsten Schaden für Mensch, Natur und Landschaft verursacht. Der politische Aspekt dürfe dabei jedoch keine Rolle spielen. Aus diesem Grund sieht die BI auch die Forderung von Politik und „Aktivbündnis Waldhessen“ nach einem ICE-Halt in Bad Hersfeld kritisch, da diese Vorfestlegung eine offene Suche nach der bestmöglichen Trassenführung ausschließe. Gefordert sei die Politik gleichwohl: und zwar in Sachen Lärmschutz. (red/nm)

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