Manfred Koch, Bürgermeister von Kirchheim, im Interview

Demokratie muss erlebbar sein

Ohne Ehrenamt geht’s nicht: Bürgermeister Manfred Koch aus Kirchheim legt großen Wert darauf, für das
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Ohne Ehrenamt geht’s nicht: Bürgermeister Manfred Koch aus Kirchheim legt großen Wert darauf, für das

Große Baufirmen und die Autobahn prägen die Gemeinde Kirchheim. Dort will man trotzdem attraktiv für junge Familien sein. Darüber sprachen wir mit Bürgermeister Manfred Koch.

Herr Koch, wie ist denn die Gemeinde Kirchheim bisher durch die Corona-Pandemie gekommen?

Wirtschaftlich hat die Gemeinde Kirchheim das Glück, dass unsere großen Gewerbesteuerzahler hauptsächlich aus dem Baugewerbe kommen. Das Baugewerbe hatte ja durch Corona keine großen Einbrüche. Ganz anders war es bei Tankstellen und Gastronomie. Aber im Großen und Ganzen hat das Eine das Andere aufgehoben, sodass wir sehr gut durchgekommen sind. In der Verwaltung haben wir den Kundenverkehr immer aufrechterhalten können, indem wir eine Art Corona-Schalter eingerichtet haben. Je nach Inzidenzzahlen haben wir das Rathaus geöffnet.

Es gab in den letzten Jahren teilweise scharfe Kritik an fehlenden Jahresrechnungen und undurchsichtigen Finanzen. Ist das Problem inzwischen gelöst?

Undurchsichtige Finanzen haben wir nie gehabt, weil immer die Vierteljahresrechnungen vorgelegt wurden. Das Einzige, was gefehlt hat, waren die Jahresrechnungen. Das hing auch ein bisschen mit dem Abgleich Eigenbetrieb und Gemeinde zusammen. Wir haben jetzt einen genehmigten Haushalt, haben alle erforderlichen Jahresrechnungen vorgelegt und sind gerade mit der Jahresrechnung 2020 beschäftigt, die auch bald fertig ist. Ich denke, da sind wir jetzt auf einem guten Weg. Um zu prüfen, wo bei den Betriebsabläufen noch Optimierungen erfolgen können soll die Verwaltung von außen durchleuchtet werden. Das finde ich auch richtig, denn es hat große Veränderungen durch die Doppik gegeben und das ist für eine Kommune unserer Größenordnung eine Herausforderung. Da ist die Prüfung, ob es Abläufe gibt, die man optimieren kann und vor allem die Frage, ob es vielleicht noch zusätzlichen Personalbedarf gibt, was ich mir durchaus vorstellen kann, hilfreich.

Haben Sie da ein Büro beschäftigt?

Wir werden die ganze Verwaltung anschauen lassen, weil ja das eine mit dem anderen zu tun hat. Es gibt Kommunalberatungen, zum Beispiel auch eine, die dem Hessischen Städte- und Gemeindebund angegliedert ist, wo Menschen beschäftigt sind, die viel Berufserfahrung haben und das Ganze aus der fachlichen Brille betrachten können.

Ist an irgendeine Form der Intensivierung der interkommunalen Zusammenarbeit gedacht?

Wir sind da immer mit Niederaula, Breitenbach und sogar über die Grenze unseres Landkreises hinweg mit Oberaula im Gespräch und versuchen, in gewissem Rahmen zusammenzuarbeiten. Wir haben zum Beispiel eine Vertretung bei den Standesämtern oder teure Messgeräte gemeinsam beschafft. Auch das Rotkäppchenland ist eine interkommunale Zusammenarbeit zur Unterstützung unserer touristischen Anbieter. Auch im Bereich Kassenwesen könnte man durchaus drüber reden. Allerdings laufen unsere Programme über unterschiedliche Anbieter. Das könnte Probleme bereiten. Ich könnte mir auch ein gemeinsames Personalwesen vorstellen. Das ist allerdings gerade im Bereich Kindertagesstätten enorm aufwendig. Ich denke, dass alle Kommunen eine mögliche interkommunale Zusammenarbeit in allen möglichen Bereichen im Blick haben. Einer weiteren Gebietsreform stehe ich allerdings kritisch gegenüber. Ich sage immer, dass Demokratie für die Menschen erlebbar sein muss, deshalb muss man aufpassen, dass man nicht zu große Einheiten macht, wo dann alles ganz weit weg ist.

Das politische Klima in Kirchheim war jahrelang vergiftet. Hat sich das seit der Kommunalwahl verbessert?

Ich denke, es ist besser geworden, aber man könnte da durchaus noch optimieren. Es hat in beiden Fraktionen eine starke Verjüngung gegeben und man ist sehr bemüht, miteinander im Gespräch zu bleiben. Außerdem steht das Rathaus für alle offen und jeder weiß, wo der Bürgermeister sitzt oder welchen Sachbearbeiter man fragen kann. Als Bürgermeister bemühe ich mich, auf der sachlichen Ebene zu bleiben und lieber Zusammenhänge zu erklären anstatt auf unsachliche Polemik einzugehen. Ich hole lieber zweimal tief Luft und atme durch, bevor ich gereizt reagiere. Verbal zurückzuschlagen bringt keinen weiter.

Der Seepark ist an die Religionsgemeinschaft Bhakti Marga verkauft worden. Wie ist die aktuelle Lage?

Die Übernahme hat stattgefunden. Das Zentrum ist auch in Betrieb. Die Bhakti Marga AG ist seit gut einem Jahr da. Kürzlich war die Eröffnung mit vielen Gästen, bei der ich auch eingeladen war und alles gezeigt bekam. Die Gemeinschaft hat mir versichert, dass man sehr interessiert daran sei, dass die Einrichtung weiterhin touristisch genutzt wird. Man wolle sich auch nicht einigeln. Zurzeit arbeiten wir an der Lösung des Problems, dass mehr Mitglieder dort einen festen Wohnsitz anmelden wollen, als das bei einer im Bebauungsplan vorgesehenen touristischen Nutzung zulässig ist. Eine entsprechende Änderung des Bebauungsplans wird jetzt auf den Weg gebracht. Bhakti Marga trägt die Kosten des Verfahrens. Es soll ein schlankes Verfahren bleiben.

Wie ist die Stimmung in der Gemeinde den Leuten von Bhakti Marga gegenüber?

Viele sind neugierig. Viele sind da auch schon mal spazieren gegangen und sagen: Die sind nett. Ich kann das auch bestätigen. Die sind nett und offen, da ist keine Geheimniskrämerei. Die Gastronomie soll allgemein geöffnet werden.

Und was ist mit den Ferienhäusern?

Ich habe zu einer Versammlung der Hauseigentümer eingeladen, um zu besprechen, wie man die Pflege der Anlage gemeinsam bewältigen kann. Dafür habe ich die Halle kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen. Durch die Insolvenz und Fehler des Betreibers ist da vieles liegen geblieben. Die Flächen zwischen den Häusern sind oft ungepflegt. Der derzeitige Eigentümer kann das nicht alles alleine bewältigen. Nun soll darüber nachgedacht werden, ob nicht jeder einen gewissen Obolus einzahlt, damit entweder jemand angestellt oder eine Firma mit der Pflege beauftragt wird. So könnten auch die Müllentsorgung und das Mähen der Badebucht organisiert werden. Im Moment gibt es auch eine Initiative, dort wieder einen Spielplatz einzurichten. Einige Hauseigentümer sammeln Spenden. 12 080 Euro sind schon zusammengekommen. Wir würden diesen als Kommune aufstellen und in unseren Bestand übernehmen, sodass dann auch Pflege und Haftung gewährleistet sind.

Es gibt ja eine ganze Reihe von Projekten, die in Kirchheim geplant sind. Was ist mit dem geplanten Lkw-Stützpunkt und Rasthof?

Der ist noch aktuell. Holger Schade hat mir gesagt, dass die gesamte Planung, die schon weitgehend fertig war, noch mal verändert werden musste. Die Transporterlogistik wird zukünftig zumindest im Nahlieferbereich elektrisch werden, auch Brennstoffzellen werden kommen. Deswegen müssen die Werkstatt und die Tankstelle umgeplant werden. Außerdem wird drüber nachgedacht, weitere Stellplätze für Lkws und Übernachtungsmöglichkeiten für die Fahrer einzurichten. Spätestens 2023 soll der Spatenstich erfolgen, vielleicht sogar schon früher.

Wie sieht’s mit den Planungen für den neuen Kindergarten aus?

Die Aufträge für eine Voruntersuchung sind vergeben. Dabei sollen die Flächen Hauptstraße 33, Langer Garten und zur Sicherheit auch nochmals der bestehende Standort an der Schule auf eine Eignung und zügige Umsetzung des Vorhabens untersucht werden. Bei der Fläche „Langer Garten“ bereiten wir gerade den Grunderwerb vor. Wir hatten auch schon mit Fachbüros Kontakt, die erste Planungen machen. Auch das Gebiet am Taubengraben wird untersucht. Wichtiges Thema ist die Entwässerung.

Was ist mit den Bedenken beim Kindergartenstandort Hauptstraße?

Wir haben früher mal davon gesprochen, nur eine Krippe neu zu bauen. Aber dann müssten die Kinder mit dem dritten Geburtstag die Einrichtung wechseln. Also wird es Einrichtungen geben, die altersübergreifend arbeiten. So könnte dann auch vermieden werden, dass Eltern zwei Standorte anfahren müssen. Die Zufahrtsmöglichkeit wird vom Architekten im Rahmen der Voruntersuchung geklärt. Wenn das alte Stallgebäude weg ist, dürfte das reichen. Da sehe ich keine Schwierigkeiten, es entsteht eine über neun Meter breite Passage. Auch das Hochwasserabflussgebiet ist weit genug entfernt.

Ist es grundsätzlich mit Blick auf die jüngste Hochwasserkatstrophe noch zeitgemäß, neue Wohngebiete auszuweisen und Flächen zu versiegeln?

Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Sünden der Städte auf dem Land bereinigt werden sollen. Kirchheim hat sehr viel für den Hochwasserschutz getan und wird das auch weiterhin tun. Wir haben in Reckerode das Regenrückhaltebecken. Wir haben in Goßmannsrode versucht, durch Mäandrierung des Bachlaufes die Gefahr zu verringern, und prüfen dort weitere Maßnahmen. Uns ist sehr bewusst, dass man auf die Hochwassergefahr ein besonderes Auge haben muss. Aber ich sehe auch, dass zurzeit das Interesse am Wohnen auf dem Land zunimmt. Wenn Corona irgendetwas Gutes gebracht hat, dann ist es das. Dafür brauchen wir aber Bauplätze. Und dann natürlich einen Glasfaseranschluss für jedes Haus.

Sie sind der dienstälteste Bürgermeister im Kreis. Ihre Amtszeit endet im Oktober 2022. Wollen Sie noch mal antreten?

Ja, ich werde noch mal antreten. Mir macht’s Spaß. Ich bin jetzt 60 geworden, da hat jeder Arbeitnehmer noch ein paar Jahre Berufsleben vor sich. Ich sehe hier noch viele Herausforderungen, die ich gerne anpacken möchte. Dass jetzt so viele junge Leute in der Gemeindepolitik nachgerückt sind, ist ein echter Ansporn.

Von Christine Zacharias

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