Eine ungewöhnliche Gaststätte

Der Käpt’n vom Alheimer Schlachtschiff: Schausteller Christian Pahlke ist Wahl-Sterkelshäuser

Sie sind längst fester Bestandteil von Alheim: Käpt’n Christian Pahlke und sein Schlachtschiff.
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Sie sind längst fester Bestandteil von Alheim: Käpt’n Christian Pahlke und sein Schlachtschiff.

Das Alheimer Schlachtschiff ist wohl die ungewöhnlichste Gaststätte entlang des Fulda-Radwegs R 1 zwischen Wasserkuppe und Wesermündung. Es gehört dem Sterkelshäuser Christian Pahlke.

Heinebach - Er kommt aus einer Schaustellerfamilie aus Essen, in vierter Generation. Der Käpt’n, wie er von seinen Gästen genannt wird, ist mit Autoscooter, Imbissen und Schiffsschaukel aufgewachsen. Eine Berufsausbildung hat er nie absolviert, dafür machte er sich schon mit Anfang 20 selbstständig – und zog mit seiner Frau aufs Land. „In Essen waren uns die Mieten zu hoch. Wir wollten ein Haus kaufen. Sterkelshausen kannte ich schon über die Korbflechterei“, erzählt Pahlke. Jahrelang tourte er an den Wochenenden über Mittelaltermärkte und grillte dort in ganz Deutschland und Europa nordhessisches Fleisch.

Gerade weil er so viel unterwegs war, fühlte sich der „bunte Hund außerhalb jeglicher Norm“, wie er sich selbst beschreibt, im ruhigen Sterkelshausen so wohl. Dort verbrachte er neben den Wintermonaten fast immer seine „Wochenenden“, während der Saison in der Regel dienstags und mittwochs. „Wir haben hier unsere Insel gefunden. Hier gehen wir nicht mehr weg.“

Nicht mehr so viel Freude hatte er irgendwann an den Mittelaltermärkten. Zu Mainstream. Unterwegs war Pahlke natürlich trotzdem noch. Zum Beispiel auf einem Bremer Weihnachtsmarkt, der aber, wie sollte es anders sein, ein ungewöhnlicher ist. Dort sind Weihnachtsmusik und -schmuck verboten. Genehmigungsrechtlich ist neben den anderen Weihnachtsmärkten in Bremen nur ein Spezialmarkt möglich. Das Motto wechselte vor gut zehn Jahren von „Maritim-Mittelalter“ zu „Maritim-Piraten“. „Ich hatte eine große Klappe und hab gesagt, dann baue ich eben ein Piratenschiff“, sagt der Sterkelshäuser. Gesagt, getan. Mit einer Kinderzeichnung, wie er selbst sagt, machte er sich ans Werk. Vorgegeben waren nur Länge, Breite und Höhe des Gesamtkonstrukts – ansonsten ging Pahlke, der in seiner Freizeit schon immer gern gebastelt hat, frei Schnauze ans Werk. Immer zwischendurch, während der laufenden Saison.

Das Schlachtschiff wurde rechtzeitig zum nächsten Weihnachtsmarkt fertig und hält bis heute – mit zwei Lkw-Fahrten wird es Jahr für Jahr in der Weihnachtszeit nach Bremen transportiert. Dort war es von Anfang an eine Erfolgsgeschichte. Für einen Besuch auf dem Markt ist „Am Schiff“ als Treffpunkt gängig. Angefangen hat Pahlke in Bremen, lange vor dem Schiffsbau, auf drei mal drei Metern. Mittlerweile hat er dort 15 Angestellte und verdient einen Großteil seines jährlichen Einkommens.

Mit einer sporadischen Zeichnung begann alles.

Bei der Gemeinde Alheim bekam man schon während des Schiffsbaus mit, dass da in Sterkelshausen etwas Ungewöhnliches passiert. Der Käpt’n war schnell überzeugt, dass er auch an dem kleinen See bei Heinebach vor Anker gehen kann. Dort ist das Schlachtschiff seit 2011 in der Sommersaison ein Biergarten mit mittlerweile vier Angestellten. Zum ersten Mal bot Pahlke neben Speisen auch Getränke an – und es lief von Anfang an prächtig.

„Die Lage ist einfach überragend. Zur goldenen Stunde zwischen 18 und 20 Uhr springen selbst alteingesessene Heinebacher auf und fotografieren den Sonnenuntergang über dem See.“ Am Schlachtschiff sind im Sommer auch viele Autos mit Kasseler oder Fuldaer Kennzeichen zu sehen. Über 70 Prozent der Gäste sind allerdings Radfahrer. Der Biergarten ist mit 150 Sitzplätzen der größte zwischen Rotenburg und Melsungen. Auch Hochzeiten wurden hier schon gefeiert.

In der Corona-Zeit ist allerdings auch der Käpt’n in schweres Fahrwasser geraten. Als der Markt in Bremen abgesagt wurde, öffnete Pahlke sein Schiff das erste Mal auch in der Wintersaison in Heinebach. Dafür investierte er in zwei Zelte und verlegte Boden. „Zwei Wochen lang lief das großartig. Ich musste sogar Gäste nach Hause schicken, weil nicht genügend Platz war. Mit dem Komplettlockdown habe ich aber nicht gerechnet.“ Dann kam alles auf einmal: Hochwasser, Extremfrost und Rekordschneefall. Die Schäden haben Pahlke einige Tausend Euro gekostet. „Im Winter gehöre ich hier einfach nicht her“, meint er.

Doch der Vater von zwei Söhnen – den 29-jährigen Pierre kennt man vom Bratwurststand auf dem Rotenburger Weihnachtsmarkt – lässt sich nicht unterkriegen und hat schon wieder große Pläne: Irgendwann will er seine Gäste auch auf einer schwimmenden Terrasse auf dem See bewirten. Bevor das Großprojekt umgesetzt werden kann, „darf aber erst mal zwei Jahre nichts schiefgehen“, meint er. Nun hofft er erst mal, dass Corona es zulässt, dass er seiner Berufung als Käpt’n möglichst bald wieder nachgehen kann. (Christopher Ziermann)

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