Montagsinterview mit Point-Alpha-Direktor: „Die Einheit braucht Zeit“

Er will die Erinnerung wach halten: Der Direktor der Gedenkstätte Point Alpha, Volker Bausch, vor einem Modell des Aufmarschplanes für den Fulda-Gap im US-Camp in Rasdorf. Foto: Struthoff

Rasdorf. Point Alpha galt lange Zeit als der heißeste Ort des Kalten Krieges. Hier standen sich die Weltmächte Aug’ in Aug’ gegenüber. Aus Anlass des Mauerfalls vor 25 Jahren sprach Kai A. Struthoff mit dem Direktor der heutigen Gedenkstätte, Volker Bausch.

Herr Bausch, wo waren Sie am 9. November 1989?

Volker Bausch: Ich war damals in Temuco in Süd-Chile und habe dort als Lehrer an der Deutschen Schule gearbeitet. Die berühmte Schabowski-Rede habe ich zeitversetzt im Fernsehen gesehen. Ich konnte das zunächst gar nicht glauben. Natürlich war ich auch etwas unglücklich, nicht dabei sein zu können. Aber dafür bin ich aus einem Land ausgereist und in ein ganz anderes wieder zurückgekehrt.

Und jetzt sind Sie am einst heißesten Punkt des Kalten Krieges. Rückblickend gesehen, war es hier wirklich so „heiß“?

Bausch: Point Alpha war ein Brennpunkt des Kalten Krieges, aber es gab noch andere. Die Besonderheit dieses Ortes ist, dass er so nah am Rhein-Main-Gebiet liegt. Damit hatte er für beide Militärblöcke eine extrem hohe strategische Bedeutung. Geisa war die westlichste Stadt des Warschauer Paktes und ragte weit in den westlichen Bündnisbereich. Deshalb war Point Alpha schon einer der bedeutendsten Orte des Kalten Krieges. Die Point- Alpha-Stiftung stellt am 17. November übrigens ein Buch zum „Schlachtfeld Fulda Gap“ mit neuen Forschungsergebnissen vor.

25 Jahre nach dem Mauerfall haben Todesstreifen und Stacheldraht ein wenig von ihrem Schrecken verloren. Wissen die Nachgeborenen noch genug über die Zeit der Teilung?

Bausch: Ich glaube nicht. Deshalb sind unsere Schülerprojekttage mit Zeitzeugen oder auch Film- und Diskussionsabende so wichtig. Wir stellen immer wieder fest - bei Schülern, aber auch bei Lehrern - dass die Kenntnisse von der deutschen Nachkriegsgeschichte sehr lückenhaft sind. Das ist kein Vorwurf an die jungen Menschen, sondern ein Fehler in der Gestaltung von Lehrplänen und Studiengängen. Diese Vermittlung dieser Epoche ist völlig unzureichend. Daran müssen wir arbeiten, und wir sind deshalb auch im ständigen Austausch mit den Kultusbehörden.

Heute hört man oft, dass ja nicht alles schlecht war in der DDR. Ist das eine Verklärung der Geschichte?

Bausch: Die menschliche Psyche neigt dazu, die Vergangenheit zu verklären. Die DDR war ein Unrechtsstaat – darum dreht sich ja auch die aktuelle Debatte. Ein bisschen zu spät, finde ich. Ein Staat, der systemisch angelegt Unrecht produzierte, ohne Gewaltenteilung, ohne freie Wahlen, ohne Grundrechte wie Reisefreiheit, ist ein Unrechtsstaat. Das ist aber keine Aussage über das individuelle Leben der Menschen, die in der DDR gelebt, geliebt und geheiratet haben. Das waren auch „normale Leben“ mit allem, was dazugehörte. Und natürlich neigt man dann dazu, die Vergangenheit durch eine rosa Brille zu sehen. Das war bei der Generation unserer Eltern mit der Nazi-Zeit ja auch zu beobachten.

Haben Sie das Gefühl, dass es immer noch die „Mauer in den Köpfen“ gibt, oder sind wir jetzt wirklich ein Volk?

Bausch: Das ist gemischt. Es gibt schon noch unterschiedliche Einschätzungen in West und Ost zu bestimmten Phänomenen. Ich glaube daher nicht, dass die Einheit schon komplett vollzogen ist. Dazu sind vielleicht 25 Jahre auch nicht genug. Aber dennoch ist in diesen 25 Jahren unglaublich viel erreicht worden. Man muss sich doch nur anschauen, wie positiv sich beispielsweise Geisa seit der Wende entwickelt hat. Aber das innere Zusammenwachsen, das dauert noch etwas länger.

Dann bleibt Point Alpha wohl weiter ein wichtiger Lernort. Bekommen Sie für Ihre Arbeit genug Unterstützung – auch in Form von Geld?

Bausch: Wir sind mit Stiftungskapital ausgestattet, das wir aber nicht antasten können, sondern nur die erwirtschafteten Zinsen. Und das ist derzeit ein Problem: Bei einer Verzinsung von maximal zwei Prozent kann man keine allzu großen Sprünge machen. Deshalb bitten wir die Besucher auch immer um Verständnis, dass wir Eintrittspreise erheben müssen. Wir sind eben nicht staatlich subventioniert, sondern müssen uns wirtschaftlich selbst tragen. Wir freuen uns daher über jeden Besucher, und in diesem Jahr waren das ganz besonders viele.

Wir feiern jetzt 25 Jahre Mauerfall, 2015 dann 25 Jahre Deutsche Einheit. Und was dann? Befürchten Sie nicht, dass das Thema bis zum 50. Jubiläum in Vergessenheit gerät?

Bausch: Diese Befürchtung kann man haben. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass Point Alpha einen permanenten Platz in der Erinnerungslandschaft erhält. Aber wir haben ja auch ein vielfältiges Angebot mit den Gedenkstätten West und Ost und unserer neuen Dauerausstellung; es gibt den Weg der Hoffnung als Kunstwerk, es gibt die Point- Alpha-Akademie als Bildungsstätte. Zudem kooperieren wir mit den Amerikanern, denn hier ist ja auch ein wichtiges Stück US-Geschichte. Eben dieses vielfältige Angebot ist unsere Stärke.

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