Beratungsstelle kritisiert Legalisierung

Online-Glücksspiel: Die Illusion vom schnellen Geld

Gefährliches Vergnügen: Glücksspiele können süchtig machen. Die Suchtberaterin der Diakonie warnt deshalb vor der Legalisierung von Online-Spielen.
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Gefährliches Vergnügen: Glücksspiele können süchtig machen. Die Suchtberaterin der Diakonie warnt deshalb vor der Legalisierung von Online-Spielen.

Online-Glücksspiele legalisiert werden. Christina Heimeroth von der Fachberatung für Glücksspielsucht des Diakonischen Werks Hersfeld-Rotenburg sieht darin eine große Gefahr.

Hersfeld-Rotenburg - „Eine allumfassende Verfügbarkeit von Online-Glücksspiel wird nicht nur folgenschwere Auswirkungen auf die Menschen mit einer Glücksspielproblematik haben. Sie könnte auch internetaffine junge Altersgruppen zur erstmaligen Spielteilnahme animieren“, fürchtet sie. „Glücksspiele haben potenzielle negative und gesundheitliche Folgen und können zu einer gefährlichen Abhängigkeit führen.“

Automatenspiel, Roulette, Sportwetten oder Poker im Internet – der Glücksspielmarkt entwickelt sich weiter. Damit steigt aber auch die Zahl der Menschen, die ihr Spielverhalten wenig oder gar nicht mehr kontrollieren können. Die in Hessen bestehenden Angebote mit laut Heimeroth 2000 staatlichen Lotterieannahmestellen, vier Spielbanken, über 18 000 Geldspielgeräten in Spielhallen und Gaststätten sowie zahlreiche Sportwettbüros bekommen durch die geplante Zulassung von Online-Glücksspielen Verstärkung. Auch die in Deutschland illegalen 4000 Websites mit Angeboten zu Online-Glücksspielen sollen legalisiert werden und stehen dann rund um die Uhr zur Verfügung.

„Aus suchtfachlicher und gesundheitspolitischer Sicht ist es daher dringend erforderlich, den Jugend- und Spielerschutz ins Gespräch zu bringen und die Politik zu überzeugen, Präventionsmaßnahmen zu beschließen“, sagt Christina Heimeroth. Sie kritisiert in Bezug auf den neuen Staatsvertrag, dass eine gemeinsame Aufsichtsbehörde der Länder erst bis zum 31. Dezember 2022 entstehen soll. Besser wäre, wenn diese schon arbeitsbereit sei, bevor der Markt liberalisiert wird. Außerdem mahnt sie an, dass die neue Obergrenze von 1000 Euro, die man im Monat verspielen darf, viel zu hoch sei. Sie ermögliche ein exzessives Spielverhalten, das mit einer massiven Suchtgefährdung einhergeht. Ebenso sollte Werbung schon jetzt auf ein Minimum reduziert werden, da diese häufig Jugendliche und junge Erwachsene, und somit eine besonders gefährdete Gruppe, anspreche und die Illusion vom schnellen Gewinnen impliziere.

Der Corona- Lockdown hat das Glücksspielen nicht minimiert, auch wenn die Spielhallen geschlossen sind. Eine Verlagerung in den Online-Bereich oder an geöffnete Tankstellen ist erkennbar. Auch der Sportwetten-Markt boomt weiterhin. Die Anreize und Aufforderungen, sich an Sportwetten zu beteiligen, sind allgegenwärtig. Sportwettanbieter verpflichten mittlerweile namhafte Sportler als Markenbotschafter, die Millionen von Sportfans animierten, ihr Wissen zu nutzen und Wetteinsätze zu tätigen. „Durch Sportkenntnisse Geld machen zu können, ist ein Irrglaube, dem vor allem viele junge Männer ausgesetzt sind“, betont Christina Heimeroth. Laut einer aktuellen Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung liegt die Teilnahmequote an Sportwetten der 18- bis 20-jährigen Männer bei 6,8 Prozent. Auch aktive Sportler gelten als gefährdet.

Gerade Sportwetten werden zunehmend online per Smartphone abgeschlossen. Dabei ist das Umgehen der Alterskontrolle besonders einfach. Der Jugendschutz, der Minderjährigen die Spielteilnahme untersagt, muss seitens der Anbieter sichergestellt und durch Kontrollen der Behörden überprüft werden, fordert die Fachberaterin. „Gerade junge Menschen zwischen 14 und 16 Jahren sind für die Risiken des Glücksspielens besonders empfänglich. Das Erzielen eines kurzzeitigen Erfolges führt zu einer Überschätzung der eigenen Fähigkeiten, riskante Folgen werden nicht bedacht“, mahnt Heimeroth. Aus diesem Grund versucht sie mit Präventionsangeboten gezielt in die höheren Schulklassen zu gehen, um dort über die Gefahren von Glücksspielen aufzuklären. In Hessen hätten bereits mehr als 31 000 Menschen massive Probleme mit Glücksspielen. Hinzu kommen zahlreiche Angehörige, die mit betroffen sind. Glücksspielsucht ist eine ernsthafte Erkrankung und dominiert den Alltag der Betroffenen. Die Folgen – wie Verschuldung, zerstörte Familien und Suizid(-versuche) – können für Betroffene wie Angehörige verheerend sein.

Von Jakim Leipold

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