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Die Sirenen sollen auf die Dächer zurückkehren

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Von: Mario Reymond

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Klassiker: Die Sirene des Typs E57 mit dem pilzförmigen Dach – hier in Landershausen – ist das vorherrschende Modell im Landkreis.
Klassiker: Die Sirene des Typs E57 mit dem pilzförmigen Dach – hier in Landershausen – ist das vorherrschende Modell im Landkreis. © Mario Reymond

Nach der Hochwasserkatastrophe im vergangenen Jahr wird wieder darüber diskutiert, Sirenen wieder verstärkt zur akustischen Warnung der Bevölkerung einzusetzen.

Hersfeld-Rotenburg – Das laute Heulen von Sirenen, durch das Feuerwehrleute zu Einsätzen gerufen werden, ist seltener geworden. In Bad Hersfeld bekommen die Einsatzkräfte ihre Alarmierung – still und leise – digital über einen Melder, den sie in der Jacken- oder Hosentasche tragen.

Erst wenn am Einsatzfahrzeug das Martinshorn eingeschaltet wird, wissen die Menschen ringsherum, dass etwas passiert sein muss. „Nur bei größeren Einsätzen wie Bränden in Hochhäusern oder Scheunen und Lagerhallen wird auch per Sirene alarmiert, um auch genügend Feuerwehrleute zu erreichen“, erklärt Kreisbrandinspektor Marco Kauffunger.

Doch jetzt erleben Sirenen eine Renaissance. Nach der Unwetterkatastrophe im Juli des vergangenen Jahres in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, bei dem 184 Menschen in einer Flutnacht starben, wird wieder laut über den Sirenenalarm nachgedacht.

Fachleute sind und waren sich kurz nach dieser Hochwasserkatastrophe einig darüber, dass die Bevölkerung durch lautes Sirenengeheul vor den anrollenden Wassermassen hätte gewarnt werden müssen. Vermutlich wären dann auch weniger Opfer zu beklagen gewesen. Lautes Sirenengeheul zur Warnung der Bevölkerung befürwortet auch Kreisbrandinspektor Marco Kauffunger.

Er spricht sich nicht nur für den Erhalt der noch vorhandenen Sirenen im Landkreis, sondern gar für einen weiteren Ausbau dieser Technik aus: „Sirenen sind schließlich das erste Warnmittel für die Bevölkerung.“

Aktuell gibt es nach Angaben Kauffungers in Hersfeld-Rotenburg noch 215 Sirenen – überwiegend ältere Versionen des Typs E57 – gut erkennbar an dem typischen Pilzdach. „Die funktionieren meist noch analog. 17 bereits digital – sechs in Friedewald und elf in Schenklengsfeld. Bis Oktober werden alle auf digital umgerüstet sein. Denn wenn es um die Weckfunktion im Notfall geht, ist die altbewährte Sirene das Mittel der Wahl, so Kauffunger. Und weil das so ist, wird die Zahl der Sirenen in diesem Jahr kreisweit auf 219 anwachsen, berichtet der Kreisbrandinspektor.

In den meisten Fällen sind die Sirenen Überbleibsel des bis zum Ende des Kalten Krieges vom Bund flächendeckend betriebenen Warnnetzes für den Zivilschutz. Deutschlandweit gab es einst gut 80 000 Sirenen. Mehr als die Hälfte wurde in den vergangenen Jahren abgebaut.

Im Landkreis Hersfeld-Rotenburg ist dieser Rückbau jedoch nicht betrieben worden. Und das stellt sich nun als richtig heraus. Die Zahl der 215 Sirenen wird sogar noch auf 219 anwachsen. In einem ersten Schritt sind nun 17 Sirenen bereits von analog auf digital umgerüstet worden – in Friedewald und Schenklengsfeld. Alle anderen folgen bis Ende Oktober.

Mit der sukzessiven Umstellung des Feuerwehrfunks vom analogen auf den digitalen Betrieb geht auch eine Veränderung bei der Alarmierung einher – und zwar eine akustische: Statt des bisherigen, einschlägig bekannten und eindringlichen Alarmtons, gibt es nach der Umrüstung unterschiedliche Signale für verschiedene Anlässe. Zu unterscheiden ist zwischen echten Notfällen (Warnung), Entwarnung sowie Feuer- und Probealarmen.

Aktuell wird in Hessen die analoge Sirenen-Alarmierung schrittweise zurückgebaut und durch die Alarmierung über den digitalen „Tetra-Standard“ abgelöst („Terrestrial Trunked Radio“; eine Art genormter Bündelfunk).

Für Kreisbrandinspektor Marco Kauffunger ist die Umrüstung der Sirenen eine Herzensangelegenheit: „Im Feuerwehralltag geht mit der digitalen Umrüstung eine deutliche Erleichterung der Prozesse einher, bei der nur noch eine Infrastruktur genutzt wird. Das Ganze ist einer unserer letzten Schritte in einem mehrjährigen Erneuerungsprozess, den wir schnellstmöglich und erfolgreich abschließen wollen.“ Alle Kommunen im Landkreis werden die Umrüstung der Sirenen vollziehen.

Optisch ändert sich an den Sirenen, die meist an exponierter Stelle angebracht sind, um im Notfall von möglichst vielen Personen wahrgenommen zu werden, nichts. Ausgedient hat allerdings die im Innern verkabelte Technik, die teilweise noch aus den 50er- und 60er-Jahren des vorherigen Jahrhunderts stammt.

Die zukünftig rein digitale Alarmierung durch die Zentrale Leitstelle des Landkreises hat für die Einsatzkräfte keine Auswirkungen. Die Umrüstung liegt in der Zuständigkeit der Kommunen, allerdings wird die neu verbaute Hardware zu Teilen vom Land Hessen gefördert. Alle Bürger, die in Zukunft ganz genau hinhören, können unterscheiden, ob es sich um einen Probe- oder Feueralarm, eine Warnung oder Entwarnung handelt.

Die Reichweite der überwiegend vorhandenen alten Motorsirenen des Typs E57 – das sind die mit dem Pilzdach – gibt ein Hersteller für städtische Gebiete mit 350 bis 500 Meter an. Eine flächendeckende Warnung ist also nur mit einem entsprechend ausgebauten oder modernisierten Sirenennetz möglich. Und das kann schnell ins Geld gehen, kostet eine moderne elektronische Sirene doch bis zu 25 000 Euro. (Mario Reymond)

Verschiedene Arten der Alarmierung

Warnung (z.B. Austritt von Gefahrstoff in einer Ortslage mit der Aufforderung, Fenster und Türen geschlossen zu halten; Signal für die Bevölkerung, sich über Radio/TV/Internet über der Grund der Warnung zu informieren): 1 Minute Heulton (auf- und abschwellend) . Entwarnung: 1 Minute Dauerton

Feueralarm: 1 Minute Dauerton, zweimal unterbrochen

Probealarm: Kurzanlauf (mit einer Dauer von 12 Sekunden)

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