Zahlreiche Anrufe

Cornberger schildert mühsamen Weg zu Coronatest-Ergebnis

Wollte Gewissheit: Thomas Hemmenstädt aus Cornberg ist überrascht, dass es auf dem Weg zum Corona-Testergebnis so viele Hürden gibt. Weil seine Eltern mit im Haus der Familie wohnen, fand das Treffen zur Sicherheit in Rotenburg statt.
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Wollte Gewissheit: Thomas Hemmenstädt aus Cornberg ist überrascht, dass es auf dem Weg zum Corona-Testergebnis so viele Hürden gibt. Weil seine Eltern mit im Haus der Familie wohnen, fand das Treffen zur Sicherheit in Rotenburg statt.

Sein Weg zum Testergebnis ist mühsamer, als Thomas Hemmenstädt erwartet hat. Nun sagt er: „Es ist ein grobes Versäumnis, dass es im Landkreis kein eigenes Testzentrum gibt.“

Hersfeld-Rotenburg – Als Anfang Februar der starke und trockene Husten einsetzt, ist für Thomas Hemmenstädt aus Cornberg klar: Er will sich auf Corona testen lassen. „Es hätte eine ganz normale Erkältung sein können“, sagt er. Fieber hatte er nicht. Aber der Familienvater will Gewissheit, auch weil die Eltern zur Risikogruppe gehören und im selben Haus wohnen.

Der 54-Jährige macht vieles richtig – hat aber offenbar Pech Nachdem er nachts durch starken Husten und Kopfschmerzen aufwacht und sich am nächsten Morgen auch noch starkes Unwohlsein einstellt, ruft er zunächst seinen Hausarzt an. „So zur Arbeit zu gehen, wäre verantwortungslos“, sagt er. Der Hausarzt schreibt ihn für eine Woche krank, einen Corona-Testtermin bekommt er nicht. Dafür solle er sich an das Gesundheitsamt oder das Testzentrum in Sontra wenden, heißt es. „Das ist aber gewerblich und nur ein Schnelltest“, sagt Hemmenstädt. Eine Überweisung an die testenden Hausärzte im Kreis – etwa die Schwerpunktpraxis in Philippsthal – bekommt er nicht.

Weil er im Gesundheitsamt niemanden erreicht, ruft der Cornberger als Nächstes beim Bürgertelefon des Landkreises an. „Der Herr war nett, hatte auch Verständnis für meine Situation, konnte aber nicht helfen“, sagt der 54-Jährige. Ihm wird geraten, in den Testzentren in Kassel, Fulda oder Homberg anzurufen. Nur: Hemmenstädt fühlt sich nicht in der Lage, sich stundenlang für die Hin- und Rückfahrt hinter ein Autosteuer zu setzen. „Ich wollte nicht zu einer Gefahr für andere werden“, sagt er.

Nach Auskunft des Bürgertelefons bleibt ihm eine weitere Möglichkeit: ein PCR-Test bei einem Hausarzt. Die Internetseite arzt-auskunft.de der Stiftung Gesundheit gebe beispielsweise einen Überblick über Mediziner im Kreis, die testen. Der Cornberger greift erneut zum Telefon – und bekommt von den Hausärzten die Rückmeldung, es würden nur die eigenen Patienten getestet. „Nach drei erfolglosen Anrufen ist man entmutigt“, sagt Hemmenstädt, vor allem in seinem angeschlagenen Zustand.

Nach einer Stunde gibt er auf und entscheidet sich für einen privaten Schnelltest. Diese sogenannten Antigen-Tests kosten rund 54 Euro. Das Ergebnis nach 30 Minuten Warten: negativ. „Aber die Bedenken bleiben: Wie genau ist der Schnelltest?“, sagt Hemmenstädt. Als er am nächsten Tag auch den Geschmacks- und Geruchssinn verliert, vereinbart er über die Hotline 116 117 einen Termin für einen PCR-Test im Zentrum in Homberg. Zwei Tage später fährt er per Drive-In am Testzelt vorbei. „Für mich ging das, für ältere Menschen eher nicht.“ Geöffnet hat das Zentrum werktags von 9 bis 13 Uhr. Das Zeitfenster sei knapp, die Fahrt lang. „Warum hat der Landkreis sich nicht auch um ein Testzentrum bemüht?“, fragt der 54-Jährige. Er vermutet, dass sich Menschen in Kreisen mit eigenem Zentrum eher testen lassen. „Viele nehmen diese Prozedur doch überhaupt nicht auf sich“, ist er sich sicher. „Aber was sind dann die Infektionszahlen wert, die jeden Tag veröffentlicht werden, wenn sich Menschen mit Symptomen nicht testen lassen?“

Auch der PCR-Test von Thomas Hemmenstädt ist negativ. Das Ergebnis kommt nach 24 Stunden per Corona-Warnapp. Seit fünf Tagen ist er krankgeschrieben. Es war auch eine psychische Belastung: „Die Frage war die ganze Zeit: Bin ich eine Gefahr? Bin ich gefährdet?“

KV Hessen: Testcenter „gut erreichbar“

Für die Organisation der PCR-Tests ist die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen zuständig. „Es war und ist nicht möglich, in jedem Landkreis ein Testcenter zu errichten“, heißt es auf Anfrage. Für die Menschen aus Hersfeld-Rotenburg seien mehrere Testcenter – etwa Fulda, Kassel und Homberg – aber „gut erreichbar“. Die Zahl der testenden Hausärzte in Hersfeld-Rotenburg kann die KV nicht nennen. Jede Praxis organisiere die Tests selbstständig. Daher gebe es auch keine entsprechende nutzerfreundliche Übersicht der KV. Hausärzte seien nicht verpflichtet, Testungen auf das Coronavirus durchzuführen, weder bei ihren eigenen Patienten noch bei Neupatienten. Wer Symptome einer Corona-Infektion zeige, solle sich zuerst an die Hotline 116 117 wenden. Dort werde gegebenenfalls ins nächstgelegene Testcenter vermittelt.

Landkreis: Schnelltests nicht in Statistik

„Die Organisation von PCR-Testungen obliegt der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, die Testkapazitäten über die niedergelassenen Ärzte im Landkreis anbietet“, sagt Kreis-Sprecherin Jasmin Krenz. Sie bestätigt aber, dass Anrufer, die unsicher sind, wie bei Symptomen ein Testtermin organisiert werden kann, das Landratsamt häufiger kontaktierten – etwa über das Bürgertelefon.

Besteht der Verdacht, sich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben, sei die erste telefonische Anlaufstelle der Hausarzt. „Bitte auf keinen Fall direkt in die Praxis gehen“, betont das Gesundheitsamt. Ist die Praxis geschlossen, werde beim Ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117 geholfen. Wer als Corona-Verdachtsfall eingestuft wird, bekommt einen kostenlosen PCR-Test. Der Landkreis verweise dafür an niedergelassene Ärzte und die Testzentren der KV. „Das Gesundheitsamt in Bad Hersfeld testet nicht“, betont Krenz.

Bei immobilen Patienten gebe es die Möglichkeit, über die KV ein mobiles Testteam nach Hause zu schicken. Informationen dazu lieferten die Hausärzte, das Gesundheitsamt oder die Covid-Schwerpunktpraxis in Philippsthal. Krenz weist nachdrücklich darauf hin, dass Getestete ihre Telefonnummer angeben müssen. Andernfalls könne das Gesundheitsamt bei einem positiven Test keinen Kontakt aufnehmen.

Bei den täglichen Corona-Zahlen geht die Behörde von einer Dunkelziffer aus, da Schnelltests nicht in die Statistik aufgenommen werden. „Schnelltest sind zwar anzeigepflichtig beim Gesundheitsamt, aber nicht meldepflichtig für das Robert-Koch-Institut. In die Statistiken fließen demnach nur positive PCR-Tests ein“, so die Kreis-Sprecherin. Wie hoch die Dunkelziffer ausfalle, sei nicht abschätzbar, da private Antigen-Tests nicht in ihrer Gesamtzahl erfasst werden.

Thomas Hemmenstädt habe offenbar Pech gehabt, sagt Dr. Thomas Lepper. Der stellvertretende Sprecher der Hausärzte im Landkreis hat seit gut einem Jahr eine Corona-Schwerpunktpraxis in Philippsthal – es ist die Einzige in Hersfeld-Rotenburg. Getestet werden Menschen mit Symptomen aus dem gesamten Kreisgebiet, die meist vom Gesundheitsamt oder anderen Ärzten nach Philippsthal verwiesen würden. Zu Hochzeiten sind es bis zu 45 Tests täglich. Derzeit sei die Nachfrage gering. „Wir könnten problemlos das achtfache bewältigen. Ich denke, die Abdeckung im Landkreis ist ausreichend.“

Der Hausärzte-Sprecher schätzt, dass zehn Praxen im Kreis PCR-Tests anbieten – meist nur für die eigenen Patienten. Viele Hausärzte hätten aber räumlich nicht die Möglichkeit zu testen, ohne ihre eigentlichen Patienten zu gefährden. (Clemens Herwig)

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