Die Verheerung nach der Flut: Hotelier Markus Göbel hat im Hochwassergebiet geholfen

Mit der Kraft des Wassers: Wie von Zauberhand wurde diese Limousine auf ein Geländer gehoben und hängt nun bedrohlich in der Luft.
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Mit der Kraft des Wassers: Wie von Zauberhand wurde diese Limousine auf ein Geländer gehoben und hängt nun bedrohlich in der Luft.

Auch zwei Tage nach seiner Rückkehr aus dem Katastrophengebiet ist Hotelier Markus Göbel aus Friedewald die Erschütterung über das Erlebte anzumerken. Er war zum Hilfseinsatz in Ahrweiler.

Friedewald/Ahrweiler – Der Hilferuf seines Cousins Dirk Hempen aus Ahrweiler kommt per WhatsApp, kurz nachdem die Flutwelle der Ahr durch die idyllische Stadt in Rheinland-Pfalz mit ihren knapp 30 000 Einwohnern gerauscht ist. Die Familie Hempen betreibt dort das Hotel „Rodderhof“. Fotos aus glücklichen Tagen auf der Webseite des Hotels zeigen ein gemütliches Haus mit 60 Zimmern voll gediegener Gastlichkeit. Dann kommt die Verheerung.

„Schon nach den ersten Bildern, die mein Cousin geschickt hat, wusste ich, dass wir helfen müssen“, sagt Markus Göbel, der mehrere Hotels im Kreis Hersfeld-Rotenburg – darunter das Schlosshotel in Friedewald und das Posthotel in Rotenburg – betreibt. Schnell organisiert Göbel Notstromaggregate und Schlammpumpen. Sogar ein Radlader aus dem hoteleigenen Fuhrpark wird aufgeladen. „Als wir in Ahrweiler ankamen, wussten wir zunächst gar nicht, wo wir anfangen sollen“, erzählt Göbel.

Bis zum Bauch im Wasser: Markus Göbel hilft im Hotel seines Cousins in Ahrweiler.

Wenigstens die Zimmer in den oberen Stockwerken des Hotels Rodderhof sind noch bewohnbar, aber es gibt kein Wasser, keinen Strom, kein Handynetz. „Wir haben uns mit Mineralwasser die Zähne geputzt, mit Brackwasser die Toilette gespült und drei Tage nicht geduscht.“

Doch das ist nichts gegen das Leid und die Verzweiflung ringsum. „Ich habe Menschen gesehen, die im Schlamm auf der Treppe vor ihren zerstörten Häusern saßen und einfach nur weinten“. Markus Göbel und unzählige andere Helfer aber packen an. In der Tiefgarage des Hotels haben die Wassermassen Autos in die Decke gedrückt, alles ist schlammverkrustet. Auf einem nahe gelegenen Weingut hat die Flut die Barrique-Fässer fortgespült. Der Wein, die Arbeit von Jahren, ist verloren. „Sogar die Grabsteine auf dem Friedhof im Ort sind in den Wassermassen“, berichtet Markus Göbel fassungslos.

Kein Ort zum Bummeln: In der Fußgängerzone von Ahrweiler stapelt sich der Müll. Über der Stadt liegt ein Geruch aus Fäulnis und Abgasen der Notstromaggregate.

In Ahrweiler habe das Vorwarnsystem versagt, meint er. „Angekündigt war Hochwasser von 1,50 Metern über normal – doch es kamen 5.50 Meter.“ Die Stadt sei von der Flut völlig überrascht worden. Der Kreis Hersfeld-Rotenburg sei besser aufgestellt, sagt Markus Göbel, dessen Rotenburger Post-Hotel auch direkt an der Fulda liegt. „Wir bekommen die Pegelstandsmeldungen immer drei Stunden im Voraus und können dann das Hotel sichern“. So gebe es beispielsweise im Keller Rückschlagklappen, die ein Eindringen von Wasser verhindern sollen. „Hochwasser sind wir aus Rotenburg ja gewohnt, deshalb wusste ich jetzt auch genau, was in Ahrweiler gebraucht wird“, sagt Markus Göbel.

Immerhin – das Hotel seines Cousins in Ahrweiler ist versichert. Die Privatleute aber, die zum Teil direkt am Flüsschen Ahr leben, haben alles verloren, aber zumeist keine Hochwasserversicherung. Schlimmer noch: Mindestens 110 Menschen sind allein in und um Ahrweiler ums Leben gekommen. Auch eine Bekannte seines Cousins wird noch vermisst, erzählt Markus Göbel. Er wird am kommenden Wochenende noch mal zum Helfen nach Ahrweiler fahren, auch wenn er weiß, dass freiwillige Helfer wie er im Moment nicht mehr allzu viel tun können.

Schlammschlacht an der Hotelbar: Statt gediegener Gastlichkeit nur Schmutz und Dreck.

Jetzt müssen die Profis ran, um die Strom-, Gas- und Wasserversorgung wieder herzustellen. In Ahrweiler und den anderen Hochwassergebieten gibt es noch viele Monate lang viel zu tun. (Kai A. Struthoff)

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