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Schafhalter warnen: Höhere Zäune lösen Problem mit Wolfsangriffen nicht

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Von: Christopher Ziermann

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Der Hund von Schäfer Anton Göbel überspringt in Herlefeld einen 145 Zentimeter hohe Weidetierzaun mit Flatterband, der auch vor Wolfsangriffen schützen soll, mühelos.
Ein 145 Zentimeter hoher Schutzzaun ist kein Problem: Der Hund von Schäfer Anton Göbel überspringt das Flatterband mühelos. Selbst wenn es stromführend ist, bekommt das Tier dabei keinen Schlag, weil durch den fehlenden Bodenkontakt der Stromkreislauf nicht geschlossen ist. Dass auch Wölfe zu solchen Sprüngen körperlich in der Lage sind, ist unstrittig – Behörden und Naturschutzverbände verweisen aber darauf, dass das Raubtier eher zum Graben als zum Springen neigt. © Christopher Ziermann

Mehrere Schäfer warnen erneut davor, höhere Schutzzäune als Lösung vor Wolfsangriffen auf ihre Tiere zu präsentieren. Das aufwändigere Einzäunen sei nicht zumutbar.

Rockensüß/Witzenhausen/Herlefeld – Wie können Weidetierhalter den Nutztierangriffen der Stölzinger Wölfin begegnen? Mehrere Schäfer warnen nun erneut eindringlich davor, als vermeintliche Lösung höhere Zäune zu etablieren. „Hinter den Kulissen hört man schon, dass das hessische Wolfsmanagement genau das tun will“, erklärt Burkhard Ernst, Pressesprecher des Hessischen Verbands für Schafzucht und -haltung, den Vorstoß der Schäfer. Für den Protest gibt es mehrere Gründe.

Geplant sei, dass das Land Hessen Schaf- und Ziegenhaltern im Territorium der Wölfin Flatterbänder und Pfähle kostenlos zur Verfügung stellen möchte, mit denen Zäune auf bis zu 145 Zentimeter erhöht werden können. „Das Entscheidende sind nicht die Anschaffungskosten. Das Entscheidende ist der doppelte Zeitaufwand, der nicht kompensiert wird“, sagt Helfried Berger.

Drei Männer stehen mit Abstand vor einem mit Flatterband erhöhten Weidezaun. 
Zäune, die zum Schutz vor Wölfen mit einem Flatterband auf 145 Zentimeter erhöht werden können: Flächendeckend ist das nicht umsetzbar, meinen (von links) Helfried Berger, Anton Göbel und Burkhard Ernst. Göbel nutzt diese Variante bereits – aber nur für zwei Flächen, wo er den zusätzlichen Zeitaufwand bezahlt bekommt. © Christopher Ziermann

Der Witzenhäuser ist Sprecher der am Projekt „Schaf schafft Landschaft“ beteiligten Schäfereien und hat im Nebenerwerb 50 Schafe und Ziegen, die stets in mehrere Herden unterteilt sind. „Wenn ich von der Arbeit komme, bin ich fast jeden Tag von 18 bis 20 Uhr damit beschäftigt, Zäune zu stellen. Wenn es so trocken ist wie im Moment, reicht das Gras auf einer Weide oft nur einen Tag als Futter. Dann müssen die Zäune abgebaut und auf der nächsten Wiese wieder aufgebaut werden“, erklärt Berger. Die doppelte Zeit würde bedeuten, dass das Zäunen von 18 bis 22 Uhr dauert. Das sei nicht umzusetzen.

Wolfsangriffe: Landesbetrieb bestätigt hohen Zeitaufwand

Bei dem Zeitaufwand beziehen sich Ernst, Berger und der Herlefelder Berufsschäfer Anton Göbel auf Tests, die mehrere Schäfer und die Untere Naturschutzbehörde des Kreises Hersfeld-Rotenburg im Frühjahr initiiert haben. Dort wurden Praktikabilität und Zeitaufwand von höheren Zäunen unter verschiedenen Bedingungen untersucht, dokumentiert vom Landesbetrieb Landwirtschaft (LLH). Mit dabei war unter anderem Arnd Ritter vom LLH-Beratungsteam Tierzucht. Das Ergebnis: Der Zeitaufwand stieg um rund 150 Prozent, in steilem Gelände sogar um 200 Prozent. Die Daten wurden gestern im Internet unter llh.hessen.de veröffentlicht. Der LLH ist, ebenso wie das Wolfsmanagement, dem Umweltministerium unterstellt.

Schäfer Göbel: Der Nabru beteiligt sich nicht an einer Lösung des Problems

Die Erhebung über den Aufwand für das Stellen von höheren Zäunen kam unter anderem zustande, weil Schäfer Anton Göbel Lösungen für den Schutz vor Wölfen auf zwei für den Artenschutz besonders wertvollen Flächen bei Rockensüß verlangte: am Eschkopf, der dem Naturschutzbund Nabu gehört, und der Doline, wo Göbel einen Vertrag mit dem Kreis Hersfeld-Rotenburg hat. Er lobt ausdrücklich dessen Naturschutzbehörde. Über den Nabu sagt er aber: „Der Nabu betreibt Öffentlichkeitsarbeit für die Rückkehr des Wolfes, beteiligt sich aber nicht an der Lösung des Problems.“

Der Nabu widerspricht Göbel: Man habe mehrfach im Austausch gestanden und auch angeboten, finanziell zu helfen. „Das war aber wegen der Lösung, die der Landkreis vorgeschlagen hat, nicht notwendig. Wir sind sehr bemüht, Herrn Göbel bei den Herausforderungen zu unterstützen“, heißt es vom Nabu.

Das Geld für den neuen Zaun und auch für den zeitlichen Mehraufwand Göbels stammt aus Ersatzgeldern. Sie müssen gezahlt werden, wenn jemand zum Beispiel für ein Bauvorhaben ein Stück Natur in Anspruch nimmt und keine Ausgleichsmaßnahme möglich ist.

„Wenn das im Stölzinger Gebirge alle Schäfer und Ziegenhalter umsetzen würden, könnte das Resultat nur sein: Jeder schafft nur noch halb so viel Weidefläche, kann also nur noch halb so viele Tiere halten – und bräuchte gleichzeitig 50 Prozent mehr Wertschöpfung“, rechnet Verbandssprecher Ernst vor. Das sei in der Theorie, wenn es plötzlich entgegen dem Trend wieder mehr Weidetierhalter gäbe, machbar. „In der Praxis wird es niemals funktionieren.“ All das könne nicht im Sinne von Politik und Gesellschaft sein – schließlich herrsche Einigkeit über die Verdienste der Weidetierhaltung für die Artenvielfalt und die Offenhaltung von Flächen.

Der Begriff zumutbar spielt bei der Frage um den Abschuss der Wölfin eine Rolle

„Wie man es dreht und wendet: Der doppelte Zeitaufwand bei der Einzäunung ist nicht zumutbar. Weder für Berufsschäfer noch für solche mit 20 oder 30 Tieren“, sagt Ernst. Das Wort „zumutbar“ spielt eine wichtige Rolle bei der Frage, ob ein Abschuss der Wölfin rechtlich möglich ist – das ist der Fall, wenn die Alternativen zur Abwendung von Nutztierrissen eben nicht „zumutbar“ sind.

Bei der Stölzinger Wölfin ist der Zug abgefahren. Sie muss geschossen werden.

Burkhard Ernst, Sprecher des Hessischen Verbands für Schafzucht und -haltung

Laut Burkhard Ernst glaubt man im Verband auch nicht daran, dass die Erhöhung der Zäune die Wolfsübergriffe stoppt. Fast jeder Halter von Schafen, Ziegen und Rindern wisse aus Erfahrung: Es gebe immer einzelne Tiere, die wieder und wieder von der Weide ausbrechen, trotz ordnungsgemäßer Zäune. „Man probiert es dann mit höheren Zäunen oder mit zwei Zäunen hintereinander – aber wenn ein Tier einmal gelernt hat, dass es den Zaun überwinden kann, wird es das immer wieder tun. Da bleibt nur der Weg zum Schlachter, was insbesondere Hobbyhaltern natürlich wehtut. Aber es geht nicht anders.“ Dass man ausgerechnet bei Wölfen, die als besonders intelligent gelten, damit Erfolg haben könnte, sei nicht plausibel zu erklären. „Bei der Stölzinger Wölfin ist der Zug abgefahren. Sie muss geschossen werden“, sagt Ernst.

Schafhalter: Helfer beim Bau der Wolfsschutzzäune sind auch keine Option

Die Zaunvariante mit zusätzlichem Flatterband wäre laut Burkhard Ernst, Anton Göbel und Helfried Berger auch mit mehr Geld nicht zu stemmen. Nebenerwerbsschäfer müssten theoretisch für zwei Stunden am Tag einen Minijobber beschäftigen, der immer kurzfristig bereitstünde, wenn umgezäunt werden muss, so Berger. „Der Zaun darf keine Schwachstellen haben – das ist etwas für Fachleute, nicht für Hilfskräfte. Die Leute, die das Können und die Ausdauer haben, und das bei jedem Wetter, gibt es nicht“, sagt er. Berufsschäfer wie Göbel und Ernst müssten bei doppelter Zeitbelastung eine Vollzeitkraft einstellen, meinen sie. Da Schafe weder Feiertage noch Urlaub kennen, rechne man stets mit anderthalb Stellen.

Vier statt zwei Schritte: Einzäunen mit Flatterband ist aufwendiger

Beim Zaunaufstellen umrundet ein Schäfer die Herde mehrfach. Zunächst muss er alle 50 Meter ein Netz ablegen. Im zweiten Schritt werden diese dann aufgestellt. Für das Flatterband wäre es als dritter Schritt nötig, die 145 Zentimeter hohen Pfähle entlang des Zaunes zu verteilen. Von diesen kann man maximal zehn tragen, sagen die Schäfer – und muss also mehrfach zum Auto zurücklaufen. Als vierter Schritt muss die Breitbandlitze, oft als Flatterband bezeichnet, gespannt werden. Dessen Abbau nimmt zudem noch weitaus mehr Zeit in Anspruch – so wie auch das Einrollen einer Kabeltrommel mehr Zeit kostet als das Abrollen.

Und wenn mehrere Betriebe einen gemeinsamen Zaunbauhelfer anstellen? Auch das sei nicht umsetzbar. Einerseits habe die Branche schon heute große Nachwuchsprobleme, was wesentlich damit zusammenhänge, dass in dem Beruf unter Mindestlohnniveau gearbeitet wird. Das sei in mehreren Studien nachgewiesen worden, so Ernst. „Nun müsste man noch zusätzliche Leute suchen, die bei Hitze, Starkregen und Minusgraden schwere körperliche Arbeit mit schlechter Bezahlung verrichten. Das ist illusorisch.“ Ein Pendeln zwischen verschiedenen Betrieben mit verschiedenen Herden sei außerdem nur unter großen Hygieneauflagen möglich, da man keine Keime von der einen zur anderen Schafherde tragen darf.

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