Montagsinterview

„Eigene Erfahrungen einbringen“: Alisa Wegner gestaltet die zukünftige Europa-Politik mit

Politisch interessiert: Die 22-jährige Alisa Wegner nimmt am Bürgerforum zur Zukunft Europas teil.
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Politisch interessiert: Die 22-jährige Alisa Wegner nimmt am Bürgerforum zur Zukunft Europas teil.

Die Studentin Alisa Wegner nimmt am Bürgerforum zur Zukunft Europas teil. Im Januar geht das Projekt in die dritte und letzte Runde.

Dabei sprechen Vertreter aus allen EU-Mitgliedsstaaten über ausgewählte Themen und bringen Ideen zur Gestaltung der Europapolitik ein. Mit Alisa Wegner sprach Laura Hellwig.

Frau Wegner, Sie sind eine von rund 100 Deutschen, die am Bürgerforum der EU teilnehmen darf. Was kann man sich darunter konkret vorstellen?
Das Bürgerforum ist eine Möglichkeit, bei der alle Bürger*innen aus allen EU-Mitgliedsstaaten an der Arbeit der EU mitarbeiten können. Dabei kann man auch mitentscheiden, wie die EU in die Zukunft gehen soll. Es geht darum, dass man zusammen kommt, über die vorgesehenen Themen redet, in Kleingruppen diskutiert und schließlich Empfehlungen für die Politiker*innen formuliert.
Die Themen sind also vorgegeben?
Genau, es gibt vier Bürgerforen und jedes Forum hat zwei große Themen, die vorher festgelegt werden. Dazu zählen zum Beispiel die Themen Wirtschaft, Bildung, Demokratie, Klimawandel oder Migration.
Wie sind Sie auf diese Initiative aufmerksam geworden?
Ich wurde angerufen. Für jedes der vier Foren wurden 200 Bürger*innen aus den EU-Staaten nach einem Zufallsprinzip ausgewählt und dann über ein Umfrageinstitut kontaktiert. Dabei wurde auch auf eine Ausgewogenheit der Teilnehmenden geachtet, also dass man beispielsweise Menschen mit unterschiedlichen Bildungsabschlüssen dabei hat. Danach musste man sich noch einmal online registrieren und später kam dann die tatsächliche Zusage.
Im Januar findet die dritte und letzte Sitzung der Bürgerforen statt. Was ist bisher schon passiert?
Zwei Sitzungen gab es schon. Die erste fand in Straßburg im Oktober statt. In diesen Tagen haben wir uns kennengelernt und allgemein darüber gesprochen, was uns in der EU interessiert und welche Themen uns wichtig sind. Später sind wir dann konkreter auf die vorgegeben Themen eingegangen. Ende November gab es noch eine zweitägige Onlinesitzung. Jeder spricht immer in seiner eigenen Sprache und es gibt den ganzen Tag Live-Dolmetscher. Das war online noch etwas komplizierter und anstrengender als vor Ort.
Bis nächsten April sollen die Leitlinien der zukünftigen Europa-Politik erarbeitet werden und das Bürgerforum spielt dabei eine wichtige Rolle. Wofür setzen Sie sich dort ein?
Mein Forum hat einmal das Thema Migration und das zweite große Thema ist EU in der Welt. In der ersten Sitzung im Oktober haben wir in kleinen Gruppen besprochen, was uns beim Thema Migration besonders wichtig ist. Das haben wir dann in Themenblöcken zusammengefasst. Bei der Online-Sitzung im November hat meine Gruppe dann konkretere Lösungsansätze für das zweite große Thema gesucht, nämlich EU in der Welt.
An dem Bürgerforum nehmen insgesamt 800 Menschen teil. Wie gestaltet sich eine solche Veranstaltung in Pandemie-Zeiten?
Es sind nicht 800 Leute auf einmal, sondern nur 200 pro Forum. In Straßburg war es relativ einfach umzusetzen, denn da war die Veranstaltung im Europäischen Parlament. Da war genug Platz. Wenn wir alle zusammen waren, waren wir im Plenarsaal, immer mit Abstand und Maske. Die meiste Zeit haben wir dort aber in Kleingruppen mit zehn bis zwölf Personen gearbeitet, das war ganz angenehm. Wie es jetzt im Januar in Maastricht wird, weiß ich noch nicht.
Denken Sie, dass durch das Bürgerforum tatsächlich Einfluss auf die EU-Politik genommen werden kann?
Ich finde, es ist auf jeden Fall gut gestaltet, weil aus jedem der vier Foren noch mal 20 Botschafter*innen ausgewählt werden, die dann vor Ort mit den Politiker*innen diskutieren und das präsentieren, was wir in den Foren ausgearbeitet haben. Es kommt dann aber wahrscheinlich noch einmal auf die Politiker*innen an, welche Vorschläge sie annehmen und wie sie darauf reagieren. Aber so, wie es gestaltet ist, wird schon versucht, das Ganze so inklusiv wie möglich zu machen.
Die dort behandelten Themen sind ja durchaus komplex. Ist es Ihnen schwergefallen, sich da einzuarbeiten?
Ich studiere Politikwissenschaft, deswegen hatte ich vielleicht einen kleinen Vorteil. Aber bei dem Forum geht es eben genau darum, dass man ohne wissenschaftliches oder fachliches Vorwissen an die Sache herangeht. Vielmehr soll man seine eigenen Erfahrungen und Meinungen einbringen. Die Sicht, die jemand aus Deutschland auf Probleme hat, ist beispielsweise ganz anders als bei jemandem aus Ungarn. Diese unterschiedlichen Perspektiven fand ich am spannendsten. Es haben auch immer alle sehr engagiert mitdiskutiert. Es waren aber auch Expert*innen vor Ort, die uns Input zu den Themen gegeben haben, weil man ja nicht davon ausgehen kann, dass sich jeder mit allen Themen auskennt.
Sind Sie denn selbst politisch aktiv?
Ich bin auf jeden Fall politisch interessiert und habe auch schon einmal ein Praktikum in der politischen Arbeit gemacht. Im Moment arbeite ich ehrenamtlich bei der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Mitglied einer Partei bin ich aber nicht.
Zusammenfassend – wie haben Sie sich während dieser Zeit gefühlt?
Ich fand das total spannend nach Straßburg zu fahren und da auch neue Leute kennenzulernen. Es hat auch schnell untereinander harmoniert, man hat immer gute Unterhaltungen geführt, in mehr oder weniger gutem Englisch. Wir haben auch noch Kontakt und ich freue mich, die anderen im Januar wiederzusehen.

(Alisa Wegner verwendet im Alltag eine gendergerechte Sprache. Das haben wir im Interview in Form des * gekennzeichnet. Dadurch sollen alle Geschlechter gleichermaßen angesprochen werden.)

Ort des Bürgerforums: Das Europäische Parlament in Straßburg.

Das Bürgerforum zur Zukunft Europas

Das Bürgerforum ist eine gemeinsame Initiative des Europäischen Parlaments, des Europäischen Rats und der Europäischen Kommission. Es besteht aus vier Foren, die sich jeweils mit anderen Themen befassen: Wirtschaft, Bildung und Kultur; Demokratie und Rechtsstaatlichkeit; Klima, Umwelt und Gesundheit; EU in der Welt und Migration. Die Teilnehmer werden zufällig, aber repräsentativ ausgewählt, um die Vielfalt der EU widerzuspiegeln. Dabei werden verschiedene Merkmale berücksichtigt, zum Beispiel Alter, Geschlecht, Bildungsniveau und sozioökonomischer Hintergrund. Die Teilnehmer werden den Foren zugeteilt.  lah

Zur Person

Alisa Wegner (22) wohnt in Kerspenhausen. Sie macht aktuell ihren Master in Politikwissenschaften an der Universität Kassel. Ihren Bachelor in Soziologie hat sie in Dresden abgeschlossen. Wegner hat zwei Hunde und ein Pferd. Ihre Tiere sind ein großer Teil ihres Lebens, sie reitet bereits seit 17 Jahren. Außerdem interessiert sich die junge Frau für Literatur, hauptsächlich für Fantasy- oder Science-Fiction-Romane. Aktuell liest sie den Klassiker „Der Hobbit“ von J. R. R. Tolkien. 

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