Ein Held, der nicht aus seiner Haut kann

Bundespolizist aus Cornberg rettet Mann aus brennendem Auto und erhält zweite Medaille

Nur noch ein Wrack: Der ausgebrannte Corsa vom Unfall bei Iba.
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Nur noch ein Wrack: Der ausgebrannte Corsa vom Unfall bei Iba.

Jürgen Gutwein erzählt bereitwillig von dem Sommernachmittag im Jahr 2019, als er zum Lebensretter wird.

Cornberg - Von der Verwunderung, als ihm auf einer kleinen Kreisstraße bei Iba ein Opel Corsa entgegenkommt, der ganz gemächlich von der Straße abdriftet. Davon, wie er noch denkt: „Der wird ja wohl gleich gegenlenken.“ Und, bevor der Gedanke so richtig zu Ende ist, wie das Auto gegen einen Baum kracht und vor seinen Augen Feuer fängt. Von den drei Sekunden, die er braucht, um zu begreifen, was überhaupt passiert ist. Von seinem Sprint zum brennenden Corsa, wo der Bundespolizist ein Menschenleben rettet.

Ein Lebensretter: Der Cornberger Jürgen Gutwein bei der Verleihung seiner zweiten Rettungsmedaille.

Dafür hat der Cornberger jetzt die hessische Rettungsmedaille bekommen. Wovon der 55-Jährige in dem gesamten Gespräch kein Wort sagt, ist, dass er bereits zum zweiten Mal als Lebensretter ausgezeichnet wird. Und das wiederum sagt mehr über ihn aus, als alles andere. „Faszinierend ist, wie man in solchen Situationen einfach funktioniert“, beschreibt Jürgen Gutwein seinen außerdienstlichen Einsatz – er sitzt privat im Auto, ist unterwegs zu einem Freund. „Bis zu diesem Zeitpunkt war ich völlig entspannt“, sagt er.

Das ändert sich, als sich der Baum am Straßenrand in die Motorhaube des anderen Autos frisst. Noch bevor er sein Fahrzeug zum Stehen bringen kann, brennt bereits die Front des verunfallten Corsa. Viel schießt dem Cornberger in den Sekunden, die er zum Sammeln braucht, nicht durch den Kopf. Das Wichtigste: „Ich muss helfen“. An die Gefahr für sein eigenes Leben denkt er nicht. Mit Gewalt stemmt er die Beifahrertür auf, der 52-jährige Fahrer aus Gerstungen ist bewusstlos. Mit dem Rautek-Rettungsgriff (der jedem zumindest entfernt von der Führerscheinvorbereitung bekannt sein sollte) schafft er es, den Schwerverletzten zu befreien. „Vorne brannte es, ich musste also Asche geben“, erinnert er sich. Gutwein zieht den Bewusstlosen sechs Meter vom Fahrzeug weg, setzt einen Notruf ab und verpflichtet den nächsten Autofahrer, der an der Unfallstelle vorbeikommt, zum Mithelfen.

Noch bevor die Rettungskräfte eintreffen, tut es Schläge, Autoscheiben platzen: Der Corsa brennt völlig aus. Erst nach dem Bericht an die Kollegen legt sich beim Retter der Adrenalinpegel: „Da hat dann so langsam das Schlottern angefangen.“

Es ist nicht das erste Mal, dass Jürgen Gutwein für seinen Einsatz in einer Ausnahmesituation geehrt wird: Schon 2016 erhielt er die Rettungsmedaille. Er hatte gemeinsam mit einem Kollegen einen betrunkenen 17-Jährigen von den Gleisen der Bahnstrecke Fulda-Frankfurt in Flieden geholt.

Natürlich hilft der berufliche Hintergrund des Polizeioberkommissars. Angefangen hat er beim Grenzschutz. „Es ist ein stückweit das Helfersyndrom, das in unserem Job sicher noch einmal ausgeprägter ist“, sagt er. Der 55-Jährige geht stark auf sein 40-jähriges Dienstjubiläum zu. Er kennt Unfälle und Stresssituationen, auch Suizide auf den Gleisen. Die Erfahrung hilft ihm dabei, zu handeln. Aber auch, das Erlebte zu verarbeiten. Der Unfall bei Iba begleitet ihn noch Tage, er spielt das „Was wäre wenn“ durch. Einen Kontakt mit dem geretteten Fahrer gibt es nie.

Von Clemens Herwig

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