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Ein neues Leben nach der Flucht: Wie Geflüchtete aus der Ukraine sich nach zwei Monaten in Alheim fühlen

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Von: Carolin Eberth

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Aus dem Krieg Richtung Frieden: Nathalia Schevchenko (zweite von rechts) ist mit ihrer Familie aus Butscha geflohen. Nach fünf Tagen und über 1600 Kilometern im Auto, erreichten sie ihr Ziel und lernten Sina Elsässer-Ungefug (rechts) kennen. Sie engagiert sich ehrenamtlich für die Flüchtlingshilfe Alheim.
Aus dem Krieg Richtung Frieden: Nathalia Schevchenko (zweite von rechts) ist mit ihrer Familie aus Butscha geflohen. Nach fünf Tagen und über 1600 Kilometern im Auto, erreichten sie ihr Ziel und lernten Sina Elsässer-Ungefug (rechts) kennen. Sie engagiert sich ehrenamtlich für die Flüchtlingshilfe Alheim. © Carolin Eberth

Sie haben ihr Zuhause zurückgelassen, sich unter Tränen von ihren Männern verabschiedet, sind dem Krieg in der Ukraine entkommen:

Heinebach – Nathalia Schevchenko und Sergej Tsilke sind mit ihren Kindern, Enkeln, der Großmutter und Haustieren geflüchtet und leben seit zwei Monaten im Familienzentrum Heinebach. Wie geht es diesen beiden Familien? Wie meistern sie den Alltag fern der Heimat? Wir haben sie besucht:

„Als wir in Heinebach ankamen, lautete die erste Frage meiner Kinder, wo sie sich bei Alarm verstecken sollen“, erzählt Nathalia Schevchenko. Ihre Kinder könnten auch nach zwei Monaten in Sicherheit nicht ohne Angst leben und rechnen ständig mit Anschlägen. „Immer wieder fragen sie, ob wir Sandsäcke vor die Fenster legen müssen und fühlen sich unwohl, weil es in unserer Unterkunft so viele Fenster gibt.“

Die Mutter flüchtete mit ihren vier Kindern, der Großmutter und zwei Hunden aus Butscha. Die Stadt liegt etwa 25 Kilometer nordwestlich von Kiew und gehört zum schwer umkämpftem Gebiet. Als es Anfang März dort nicht mehr auszuhalten war, verließ die Familie die Stadt mit ihrem Auto. Sie ließen den Ehemann und Vater zurück und kämpften sich über 1600 Kilometer durch, bis sie nach fünf Tagen erst Berlin, dann Rotenburg und schließlich Alheim erreichten.

„Der Druck der Explosionen war in unserem Haus so hoch, dass die Bilder von den Wänden gefallen sind.“

„Der Druck der Explosionen war in unserem Haus so hoch, dass die Bilder von den Wänden gefallen sind. Aber egal wie detailliert ich aus dem Krieg berichten würde, keiner der es nicht miterlebt hat, könnte sich vorstellen, wie schrecklich es wirklich war“, sagt Nathalia Schevchenko.

Ähnlich erging es auch Sergej Tsilke, der mit seiner Tochter und seinen beiden Enkelkindern aus Horodok, einer Stadt 24 Kilometer südwestlich von Lwiw, geflohen ist und seit zwei Monaten ebenfalls im Familienzentrum lebt. „Wir mussten immer wieder in den Keller fliehen, ständig hörte man die Sirenen und Schüsse, sah die Panzer durch die Stadt rollen. Die Lage war so ungewiss, ob es uns auch treffen wird, deshalb haben wir unsere Heimat verlassen“, erzählt Sergej Tsilke.

Im Gegensatz zur Ukraine ist es in Heinebach nun ruhig und friedlich. Doch auch hier gibt es Sirenen, die ab und an Alarm schlagen. „Wir waren am vergangenen Wochenende in Rotenburg. Plötzlich ging die Sirene an. Meine vierjährige Enkelin ist sofort losgerannt und wollte sich verstecken“, erzählt Tsilke.

Die Sehnsucht nach der Heimat ist den Geflüchteten ins Gesicht geschrieben

Deutsch versteht von den Geflüchteten fast niemand, die wenigsten können ein bisschen Englisch. Dabei gibt es so viele Fragen. „Wir haben ständig Angst, etwas falsch zu machen. Viele alltägliche Dinge sind hier anders. Das fängt bei der Mülltrennung an und reicht bis zu den Öffnungszeiten der Läden. Denn in der Ukraine haben auch sonntags alle Geschäfte geöffnet“, sagt Nathalia Schevchenko. „Auch die Mentalität der Menschen und ihr Lebensstil unterscheiden sich, sogar der Geruch der Wäsche“, fügt Sergej Tsilke hinzu. Die Sehnsucht nach der Heimat ist beiden ins Gesicht geschrieben.

Und dennoch sind sie sich einig, dass das Leben hier in Alheim eigentlich perfekt wäre, sofern sie unter anderen Umständen gekommen wären und es keinen Krieg gäbe. „Nur besseres Internet wäre nicht schlecht“, scherzt Schevchenko.

Beide drücken mehrmals aus, wie dankbar sie Deutschland und der Gemeinde Alheim für ihre Hilfsbereitschaft und Unterstützung sind. Das hätten sie vorher niemals erwartet. Der Dank gilt dabei auch besonders Sina Elsässer-Ungefug, die sich ehrenamtlich rührend um die Flüchtlinge kümmert und ihnen als Dolmetscherin die Kommunikation erleichtert.

„Ich befürchte, dass die Ukraine am Ende auseinandergerissen wird.“

Sie richtete auch eine Whatsapp-Gruppe für alle Geflüchteten in Alheim ein und organisiert jeden Freitag mit ihnen ein gemeinsames Zusammenkommen. „Wir wurden sehr nett aufgenommen, haben schon einige Einwohner beispielsweise beim Tag der Heimatpflege kennengelernt. Auch unsere Kinder fühlen sich wohl. Mein ältester Sohn spielt beispielsweise jetzt Tennis in Heinebach“, erzählt Nathalia Schevchenko. Sie versucht trotz der schrecklichen Umstände, die Zeit in Deutschland ein wenig zu genießen. Sie hat Rotenburg und Bad Hersfeld erkundet und ist sogar schon nach Düsseldorf und Berlin gereist. „Sobald es geht, wollen wir aber zurück nach Hause.“

Wann das sein mag, mögen die beiden Geflüchteten noch nicht abschätzen. „Ich denke aber, dass der Krieg noch lange dauern wird. Vielleicht hören irgendwann die Bombardierungen auf, aber der Krieg im Land wird noch lange nicht enden. Ich befürchte, dass die Ukraine am Ende auseinandergerissen wird.“ (Carolin Eberth)

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