90 Zentimeter Elektrozäune sind kein ausreichender Schutz 

Wölfe in der Region: Mehrere Tiere wurden bereits gerissen - Naturschützer fordern mehr  Unterstützung vom Land

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Stärkere und höhere Zäune zum Schutz vor Wölfen will die Nabu-Landesarbeitsgruppe Wolf. Das Bild zeigt deren Mitglied Karl-Peter Brühl.

Die Risse von Nutztieren, bei denen ein Wolf nachgewiesen oder wahrscheinlich ist, nehmen derzeit vor allem im Gebiet des Stölzinger Gebirges zu. Der Schutz soll besser werden.

Aktualisiert am 5. November um 15.18 Uhr. Die Landesarbeitsgruppe Wolf (LAG) des Naturschutzbundes Hessen macht nun neue Vorschläge, wie das Land die Halter von Schafen und Ziegen angesichts neuer Herausforderungen durch die Rückkehr des Raubtiers unterstützen könnte – und stuft die vom Umweltministerium empfohlenen Zäune als nicht ausreichend ein.

Das Hessische Umweltministerium empfiehlt in einer Wolfsmanagement-Broschüre mindestens 90 Zentimeter hohe Elektrozäune mit mindestens 2000 Volt Spannung – zu wenig, sagt die LAG Wolf. 

Und ein Zaun, der eben diesen Anforderungen entspricht, wurde jüngst auch bei Seifertshausen erstmals in Nordhessen nachweislich von einem Wolf überwunden.

In anderen Fällen läuft noch die DNA-Analyse 

Bei weiteren Fällen bei Niedergude, Herlefeld und Berneburg, bei denen die Zäune ebenfalls die Anforderungen erfüllten, läuft derzeit noch die DNA-Analyse. 

Heike Balk, Sprecherin der LAG Wolf, empfiehlt Elektrozäune von 120 Zentimetern Höhe und mindestens 4.000 Volt Spannung. Um die gestiegenen Kosten und den gestiegenen Aufwand der Weidetierhalter auszugleichen, fordert Balk mehr und unbürokratischere finanzielle Hilfe insbesondere für Hobby- und Nebenerwerbsschäfer. 

Darüber hinaus schlägt die LAG vor, dass das Land neue Jobs schafft für Menschen, die den Landwirten aktiv beim Aufstellen der Zäune helfen. „Das würde Arbeitsplätze schaffen und es wäre sinnvoll investiertes Geld. 

Gesellschaftliche Unterstützung für Weidenhaltung gefordert 

Wenn man sich anschaut, wie viele Millionen Euro in die Massentierhaltung fließen – auf der Weide werden die Tiere artgerecht gehalten. Das muss die Politik und das muss die Gesellschaft unterstützen“, sagt Balks Stellvertreterin Kathrin Jacob. Die Weidetierhalter würden mit ihren Tieren die Landschaft pflegen, im Interesse aller.

Das heben auf Anfrage auch die Landtagsabgeordneten Kaya Kinkel (Grüne), Lena Arnoldt (CDU) und Karina Fissmann sowie Torsten Warnecke (beide SPD) hervor. Kinkel und Arnoldt erteilen den Vorschlägen der Nabu-Gruppe allerdings eine Absage. 

Auch in Herlefeld macht der Wolf einem Schäfer Angst. Seine ganze Herde war panisch.   

Im Kreis Hersfeld-Rotenburg mit die meisten Wolfsnachweise in Hessen

Da der Kreis Hersfeld-Rotenburg neben dem Vogelsbergkreis in Hessen das Gebiet ist, wo es landesweit in diesem Jahr die meisten Wolfsnachweise gibt, haben wir die heimischen Landtagsabgeordneten zu den Vorschlägen der LAG Wolf befragt, Weidetierhalter finanziell stärker zu unterstützen und Hilfskräfte für das Aufstellen von Zäunen einzustellen.

Das sagen heimische Landtagsabgeordnete zu den Vorschlägen des Nabu Hessen:

  • Kaya Kinkel (Wildeck, Grüne): Kaya Kinkel verweist auf die sogenannte Herdenschutzprämie Plus (31 Euro pro Hektar für den Zaunbau), der „ein kleiner erster Schritt“ sei. „Es ist richtig, das gerade für kleine Nebenerwerbsschafhalter diese Prämie zu wenig ist, um die erhöhten Aufwendungen für höhere Zäune auszugleichen. Es ist allerdings auch nicht Aufgabe der Landesregierung alle unternehmerischen Risiken auszugleichen.“ Dennoch müsse das Land mehr tun. 

Deshalb setze sich die Landesregierung im Bund dafür ein, eine Weidetierprämie in Höhe von 30 Euro pro Mutterschaf und Mutterziege einzuführen. Das würde die wirtschaftliche Situation der Weidetierhalter nachhaltig verbessern „und sie in die Lage versetzen, aus eigenem Antrieb geeignete Maßnahmen zur Wolfsabwehr zu ergreifen“. Kinkel will sich aber auch dafür einsetzen, dass Schafhalter durch fachkundige Beratung unterstützt werden. Dem Einstellen von Hilfskräften erteilt die Abgeordnete aus Wildeck gleichwohl eine Absage.

  • Lena Arnoldt (Meißner, CDU): Lena Arnoldt, deren Partei ebenfalls zur Regierungskoalition gehört, sagt: „Wir sind gern für den Dialog darüber bereit, wie wir die Rahmenbedingungen für unsere Schäfer weiter verbessern können, damit auch in Zukunft viele Schaf- und Ziegenherden unsere Landschaft bereichern. Die Aufstellung von Zäunen durch Mitarbeiter des Landes scheint mir allerdings kein effizienter und gangbarer Weg zu sein, dieses Ziel zu unterstützen.“ Der Vorwurf, dass Hessen zu spät reagiert habe und zu wenig Hilfen bietet, sei „sicherlich diskussionswürdig“. 

Ein verantwortungsvoller Umgang mit Steuergeldern bedeute aber eben auch, dass finanzielle Mittel für den Wolfsschutz erst dann bereitgestellt würden, wenn sie tatsächlich benötigt würden. Fakt sei, dass Hessen bislang kein Wolfs-Territorium sei. „Schäfer und Landespolitik haben gleichsam damit begonnen, sich um den Schutz der Nutztiere zu bemühen. Das bedeutet jedoch nicht, dass hier bereits das Ende der Fahnenstange erreicht ist.“

  • Torsten Warnecke (Bad Hersfeld, SPD): und Karina Fissmann (Ringgau, SPD) Die SPD-Abgeordneten Karina Fissmann und Torsten Warnecke kritisieren die Regierungsparteien in ihrer gemeinsamen Antwort auf unsere Anfrage. „Das Bundesland Hessen ist mit einem vernünftigen Wolfsmanagement immer noch nicht in Erscheinung getreten.“ Um den neusten Stand des Wolfsmanagements der Öffentlichkeit bekannt zu machen, habe die SPD-Fraktion eine Kleine Anfrage eingereicht. 

„Die deutliche Erhöhung des Aufwands bei der Schafhaltung, die die Schafhalter über die Preise nicht ausgleichen können, sollte ersetzt werden. Und zwar nicht irgendwie, sondern tatsächlich.“ Dazu gehöre auch, dass der hohe Aufwand, der auch mit der Haltung von nur wenigen Schafen verbunden ist, beglichen wird. „Das ist derzeit offenbar nicht vorgesehen.“ Ob das Land Stellen schaffe oder die Arbeitskraft der Schäfer für den Mehraufwand angemessen bezahle, sei dabei nicht entscheidend.

Der AfD-Abgeordnete Gerhard Schenk aus Bebra reagierte nicht auf die Anfrage unserer Zeitung.

Update: Nach Erscheinen des Artikels hat sich Gerhard Schenk gemeldet. Er habe die E-Mail unserer Zeitung nicht gesehen. 

Der AfD-Mann, der auch landwirtschaftspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion im Hessischen Landtag ist, hält den Vorschlag von neuen Stellen für das Aufstellen von Zäunen für "wenig praktikabel". Klar sei aber: Die Weidetierhalter dürfen nicht „für den politischen Wunsch der Ausbreitung von Wolfsrudeln zu Kasse gebeten werden“. 

Deutschland biete aufgrund seiner dichten Besiedlung und kleinen Waldflächen keinen artgerechten Lebensraum für Wolfsrudel. Daraus müssten Konsequenzen gezogen werden – die finanzielle Unterstützung von Landwirten sei ein erster notwendiger Schritt. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Wolfsrisse von Landesregierung und Behörden wirkten bislang aber „eher planlos“. 

Er befürchtet außerdem auf „erhebliche Risiken für Leib und Leben unserer Kinder, Wanderer und Waldarbeiter“, unter anderem in Waldkindergärten, und erinnert in dem Zusammenhang an eine 2017 in Grichenland getötete Wanderin. 

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