Doktor mit Knätterkiste

Bewegende Erinnerungen an Bebras ersten Arzt Carl Niemeyer

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Der Arzt und sein Auto: Dr. Carl Niemeyer aus Bebra (kleines Bild) und die im Volksmund so genannte „Knätterkiste“, mit der der Mediziner ab den 20er-Jahren in und um Bebra unterwegs war. Die genaue Herkunft des Fotos ist ebenso unklar wie das Aufnahmedatum, doch es hat auch für Heimatforscher Günter Eckhardt seine eigene Geschichte: Erst vor einigen Monaten, so erzählt Eckhardt, entdeckte ein Bekannter das Bild auf einem Flohmarkt in Sontra und gab es ihm weiter.

Breitenbach. Günter Eckhardt hat schon so manches entdeckt, was sonst in Vergessenheit geraten wäre. Dazu gehört auch die Geschichte von Carl Niemeyer, dem ersten Arzt in Bebra. 

Günter Eckhardt war im rechten Moment am richtigen Ort. Gerade noch. Als der alte Friedhof im Bebraer Breitenbach im vergangenen Jahr eingeebnet wurde, war er zur Stelle und bat darum, einen Grabstein zu erhalten: den der Grabstätte Niemeyer und Ruckert.

Auf dem Stein stehen die Geburts- und Sterbedaten von Dr. Carl Niemeyer: 6. Februar 1878 in Ronshausen und 1. März 1959 in Kassel. „Niemeyer war der erste Arzt in Bebra“, erzählt Eckhardt, dessen Hobby die Geschichte und das Sammeln alter Bilder und Dokumente aus seinem Heimatort Breitenbach ist. In dieser Eigenschaft hat er für unsere Zeitung schon so manches entdeckt, was ansonsten vielleicht in Vergessenheit geraten wäre. Wie auch die Geschichte von Carl Wilhelm Ludwig Ferdinand Niemeyer.

Geboren als Pfarrersohn in Ronshausen, studierte Niemeyer Medizin und heiratete die Breitenbacherin Sophie Anna Ernestine Hedwig Möller. Mit ihr hatte er drei Töchter: Helene, Marianne und Hilde. Im Ersten Weltkrieg rückte er als Stabsarzt ein und kehrte schwer verwundet zurück.

Unzählige Anekdoten

Nach dem Krieg jedoch, in der 20er-Jahren, baute er in Bebra ein Haus, in dem er seine Praxis einrichtete. Um die Tätigkeit des bald sehr beliebten Arztes ranken sich unzählige Anekdoten, wie Günter Eckhardt andeutet. Niemeyer war zudem stolzer Besitzer eines der ersten Autos in der Stadt, im Volksmund die „Knätterkiste“ genannt. Diese kam oft zum Einsatz.

Der Meckbacher Ernst Willing beschreibt in einem Erinnerungsbuch 2014, wie Dr. Niemeyer bei seiner Geburt, bei der es zu Komplikationen kam, nach Meckbach gerufen wurde – vom einzigen öffentlichen Telefon, das es im Dorf gab. Der Arzt musste mit seiner „Knätterkiste“ die Straße nach Meckbach bewältigen, die aus Pflastersteinen und Schotter bestand und mit Schlaglöchern übersät war. Doch der Mediziner kam rechtzeitig und half.

OP auf dem Küchentisch

Eine Blinddarmoperation nahm er im Notfall auch schon mal auf dem Küchentisch vor, heißt es in einer weiteren Episode aus dem Wirken des Mediziners. Hintergrund: Der Patient lebte in Solz; er hätte erst mit dem Pferdewagen nach Bebra und von dort mit der Eisenbahn nach Bad Hersfeld ins Krankenhaus gebracht werden müssen – ein Transport, den er möglicherweise nicht überlebt hätte.

„Es ist nur anständig, den Grabstein dieses Mannes zu erhalten, er hat sich um den Kreis Rotenburg verdient gemacht“, findet Günter Eckhardt, der nicht verstehen kann, „dass so etwas heute kaum jemanden noch interessiert“. Die älteren Bebraner, ist er sich sicher, erinnern sich noch an Dr. Carl Niemeyer, dessen Tochter Helene im elterlichen Haus später eine Zahnarztpraxis hatte. Das Niemeyersche Haus wurde 2010 im Zug der Bauarbeiten am Röse-Kreisel abgerissen. Der Grabstein wird zurzeit in Ronshausen aufgearbeitet und soll einen Platz auf dem neuen Breitenbacher Friedhof erhalten.

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