SOMMERINTERVIEW mit Ludwigsaus Bürgermeister Wilfried Hagemann

„Es fehlt der Dialog mit der Bahn“

Einladung zur Rast in Ludwigsau: Bürgermeister Wilfried Hagemann an der neuen Schutzhütte am R1-Radweg.
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Einladung zur Rast in Ludwigsau: Bürgermeister Wilfried Hagemann an der neuen Schutzhütte am R1-Radweg.

Ludwigsaus Bürgermeister Wilfried Hagemann kommt mit seinem E-Bike zum Sommerinterview mit Kai A. Struthoff am Radweg R1 und der neuen Schutzhütte, die dort gerade erst errichtet wurde.

Herr Bürgermeister Hagemann, wie schon im vergangenen Jahr beginnen wir das Sommerinterview mit der Frage, wie die Gemeinde durch die Corona-Zeit gekommen ist?

Bisher relativ gut. Das vorherrschende Thema seit über 15 Monaten ist natürlich Corona – aber bislang sind wir immer noch ganz gut durch diese schwere Zeit gekommen. Das laufende Verwaltungsgeschäft und einzelne Projektierungen mussten ja trotzdem weiterverfolgt werden. Genauso wie im Kindergarten, der unter den Rahmenbedingungen weiterlief. Dort gab es glücklicherweise keine Corona-Ausfälle. Auch finanziell hat die Pandemie für uns keine größeren Einbußen gebracht, denn vieles wurde ja vom Land kompensiert. Die legendäre schwarze Null im Haushalt steht. Dennoch hätte ich mir für meine Amtszeit gewünscht, manches etwas ungezwungener angehen zu können.

Trotzdem hat man das Gefühl, dass coronabedingt manches nur schleppend vorangeht. Zum Beispiel im Gewerbegebiet ...

Trotz Corona haben wir dort Riesen-Schritte nach vorn getan. Nach der Absage des Elektro-Riesen Hager wurde sehr viel konstruktiver diskutiert, und wir freuen uns über die Ansiedlung der Frische-Logistiker der Pfennig-Group. Die Arbeiten dafür gehen gut voran, auch wenn sich einige Anwohner darüber geärgert haben, dass der Schotter für die Baufläche über die kleinen Orte angefahren wurde. Sonst ist alles im grünen Bereich. Auch bei der Vermarktung der restlichen Flächen im Gewerbegebiet sehen wir Licht am Ende des Tunnels, das hoffentlich bald heller wird. Ich bin jedenfalls zuversichtlich und guter Dinge.

Trifft das auch auf das Besengrund-Center zu? Dort will ja Thomas-Philipps wiedereröffnen, aber wann ist es soweit?

Es gab ja zunächst etwas Schwierigkeiten mit dem sehr restriktiven Bebauungsplan, der ein Hemmnis war. Aber wir haben die entsprechenden Änderungen auf den Weg gebracht. Das Ziel ist daher immer noch, in diesem Jahr zu eröffnen. Da spricht auch nichts dagegen.

Und was ist mit dem restlichen Komplex? Der Tegut etwa ist ja etwas in die Jahre gekommen ...

Das ist auch dem neuen Eigentümer nicht entgangen. Da könnte sicher einiges verbessert werden. Aber noch läuft dort der Mietvertrag. Über Neuerungen und bauliche Investitionen muss letztlich der Eigentümer entscheiden, da sind wir als Gemeinde außen vor.

Ludwigsau hat im vergangenen Jahr zwei neue Fahrrad-Strecken eingeweiht. Merken Sie dadurch eine Belebung durch Radtouristen?

Diese Belebung ist sogar deutlich spürbar, vor allem am Pump-Track in Rohrbach. Es kommen auch viele auswärtige Besucher mit Auto und Fahrradträger, um diese Strecke zu nutzen. Der Fahrradtourismus wird aber noch ein wenig durch den fehlenden Lückenschluss des Radwegs im Rohrbachtal in Gerterode behindert. Wir sind da aber dran, der Förderantrag liegt zurzeit in Wiesbaden.

Im Gemeindeparlament herrschen seit der Kommunalwahl „nord-koreanische“ Verhältnisse, wie einige Beobachter spotten. Die SPD ist übermächtig, die FDP hat nur zwei Stimmen. Macht das Ihre Arbeit leichter?

Ich merke eigentlich keine Veränderung. Wir versuchen seit jeher, gemeinsam das Optimale für die Bürgerinnen und Bürger auf den Weg zu bringen – und das geht eben nun mal nur partnerschaftlich. Der Wählerwille ist in dem Wahlergebnis zum Ausdruck gekommen, und den gilt es zu respektieren.

Einige erfahrene Gemeindevertreter sind aus dem Parlament ausgeschieden, dafür sind einige „junge Wilde“ neu dabei. Bringt das den erhofften frischen Wind?

Ja, natürlich, denn die neuen Gemeindevertreter kommen ja aus einer anderen Generation und haben deshalb auch einen anderen Blickwinkel auf die Gemeinde und ihre Probleme. Ich nehme neue Ideen jedenfalls gern auf, aber es gilt auch immer abzuwägen, was geht, und was vielleicht noch etwas warten muss. Ich fühle mich jedenfalls nicht irgendwie getrieben, sondern kann von der Denke her vieles nachvollziehen. (Lacht) So alt bin ich ja auch noch nicht ...

Bei der Bahn AG scheinen viele Weichen in Richtung ICE-Halt in Bad Hersfeld gestellt zu sein. Trotzdem ist der Bahnhof auf der grünen Wiese in Ludwigsau noch nicht ganz vom Tisch, oder ist die Gefahr gebannt?

Beim letzten Beteiligungsforum im Juli ging es ja vor allem um einen möglichen Haltepunkt in Bebra, der nun außen vor ist. Außerdem ging es um geologische Fachgutachten, was wiederum die östliche Achse aus dem Rennen genommen hat. Jetzt bleibt nur noch die Mittelachse mit der Schleife Hauneck. Eigentlich bleibt also nur noch der Bahnhof in Bad Hersfeld, was ich auch sehr begrüßen würde, um die Attraktivität der Kreisstadt zu bewahren. Bei einem Bahnhof auf der grünen Wiese in Ludwigsau wäre vieles zu beachten, was bislang nicht berücksichtigt wurde: Zum Beispiel das Gewerbegebiet, die Naturschutzgebiete – all das wurde noch nicht ausreichend von der Bahn gewürdigt.

Sie hatten seinerzeit kritisiert, dass die Bahn Corona nutzt, um die Beteiligungsprozesse auszuhebeln. Bleiben Sie bei dieser Kritik?

Ich kann da keine Änderung erkennen. Die Bahn ist bis heute nicht offen auf uns zugekommen, obwohl unser Gemeindegebiet ein Hauptbestandteil jeder neuen Trassenführung ist. Ich erwarte deshalb eigentlich persönliche Gespräche, um einen offenen Dialog zu führen. Das ist bis heute nicht erfolgt, und das bedauere ich sehr.

Wo sehen Sie weitere Herausforderungen für die kommenden Monate?

Ich bedauere es sehr, dass uns die Mono-Thematik Corona so beschäftigt. Wir müssen uns dringend auch um den Klimawandel und die Digitalisierung kümmern, das betrifft jede Gemeinde und jeden Bürger. Irgendwie sind diese Themen aber etwas ins Hintertreffen geraten.

Sie selbst waren schon im Sommerurlaub, wieder mal auf Sylt. Zieht es Sie nach Corona denn auch mal weiter weg?

Da sind meine Frau und ich wohl sehr bodenständig. Wir waren jetzt zum 13. Mal im hohen Norden, vielleicht fahren wir auch noch mal in den Süden, zum Hopfensee im Allgäu, aber wir bleiben den deutschen Gefilden treu. Schauen wir mal, was die Zukunft bringt. Corona wird uns jedenfalls noch eine Weile begleiten.

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