SOMMERINTERVIEW 2021

Philippsthals Bürgermeister Timo Heusner: „Es wird bei uns nicht langweilig“

Behält die Übersicht: Das Panorama vom Birkenstrauch in Heimboldshausen hat Philippsthals Bürgermeister sich als
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Behält die Übersicht: Das Panorama vom Birkenstrauch in Heimboldshausen hat Philippsthals Bürgermeister sich als

Um die neuen Mehrheitsverhältnisse, Bauprojekte und Finanzen geht es unter anderem im Interview mit Philippsthals Bürgermeister Timo Heusner.

Philippsthal – Vom Rastplatz an der Kleingartenanlage Birkenstrauch in Heimboldshausen bietet sich Wanderern eine spektakuläre Aussicht über das Werratal. Für Philippsthals Bürgermeister Timo Heusner der passende Ort, um sich – auch im übertragenen Sinne – einen Überblick über die Lage der Marktgemeinde zu verschaffen.

Trotz niedriger Fallzahlen und Lockerungen wird auch dieser Sommer von der Pandemie bestimmt. Wie ist Philippsthal bislang durch die Krise gekommen?
Wir hatten in der Gemeinde zwischenzeitlich sehr hohe Inzidenzen und leider sind auch Mitbürger verstorben. Das macht schon betroffen, weil man die Leute ja gekannt hat. Wir als Gemeinde haben immer versucht, die Einschränkungen so gering wie möglich zu halten. Die Bürger konnten auch während der Schließung des Rathauses anrufen oder an der Tür klingeln. Alle Projekte sind weitergelaufen, teilweise aber durch Materialknappheit oder andere Einschränkungen etwas ins Stocken geraten.
Zum Kampf gegen das Virus kommt in einigen Regionen die verheerende Flutkatastrophe. Durch Philippsthal fließt die Werra – wäre die Marktgemeinde für ein solches Hochwasser gerüstet?
Mehr Sorgen als die Werra bereiten mir die kleinen Bäche. Nach dem Unwetter am 4. Juni haben wir begonnen, ein Konzept zu erarbeiten, an welchen Stellen wir nachbessern müssen. Erste Arbeiten wurden bereits erledigt. Die Bilder aus den Überschwemmungsgebieten führen uns vor Augen, wie wichtig das ist. Dabei hoffen wir natürlich auf Bundes- und Landesmittel – eine einzelne Kommune kann diese Aufgabe alleine nicht stemmen.
Seit der Kommunalwahl hat die SPD im Gemeindeparlament die absolute Mehrheit. Erleichtert Ihnen diese eigene Hausmacht die Arbeit?
Ich arbeite mit allen Fraktionen gut zusammen, deshalb habe ich noch keinen Unterschied festgestellt. Die letzten Gemeindevertretersitzungen haben ja auch gezeigt, dass es keine Muskelspiele gibt.
Der Haushaltsausgleich gelingt nur durch den Griff in die Rücklage – die ist allerdings endlich. Wie wollen Sie die Finanzlage langfristig stabilisieren?
Ich bin ein optimistischer Mensch. Auch aus dem Jahr 2020 sind wir besser herausgekommen, als zunächst gedacht. In diesem Jahr lässt es sich ebenfalls schwierig abschätzen, weil viele Steuerzahlungen durch Corona gestundet wurden. Durch den Ausgleich aus der Rücklage müssen wir in dieser Situation die Bürger nicht zusätzlich belasten. Über kurz oder lang hoffe ich auf wieder steigende Einnahmen. Ansonsten wird man darüber nachdenken müssen, die Steuern zu erhöhen. Das spricht man natürlich nicht gerne aus. Wir versuchen, das so lange wie möglich zu vermeiden.
Bei der Vermarktung des Herrmann-Geländes in Heimboldshausen können Sie bereits Erfolge vorweisen. Dennoch: Sind die Sanierung und Vermietung einer Gewerbeimmobilie wirklich Kernaufgaben einer Gemeinde?
Nein. Wir haben das Grundstück ja für unseren Bauhof gekauft, benötigen aber nicht die gesamte Fläche. Wir haben uns dagegen entschieden, die überzähligen Gebäude weiterzuverkaufen. Durch die Vermietung ist es uns in kürzester Zeit gelungen, zwei Firmen anzusiedeln. Eine Dritte wird folgen. Dadurch wurden neue Arbeitsplätze und Einnahmen generiert, die den Haushalt entlasten. Eine kleine Verwaltung kommt bei einem Projekt dieser Größe neben den vielen anderen Projekten und Aufgaben aber schon an ihre Grenzen.
Der Betrieb des Recyclinghofes wurde hingegen in private Hände gegeben. Warum kann ein Unternehmer ihn rentabel betreiben, während es der Kommune nicht gelungen ist?
Wir hätten das ganze Konstrukt komplett umkrempeln, vielleicht eine Fahrzeugwaage einbauen und wahrscheinlich die Kosten stark erhöhen müssen, um den Betrieb rentabel zu machen. Das Unternehmen kann Synergien nutzen, weil es ohnehin über Fahrzeuge, Container und Personal verfügt. Die Verpachtung ist für mich die beste Lösung, um diese Entsorgungsmöglichkeit, die vom AZV in den einzelnen Gemeinden so ja gar nicht vorgesehen ist, für die Bürger vor Ort zu erhalten und vielleicht sogar auszubauen.
Im Neubaugebiet Krumme Äcker rollen inzwischen die Bagger, mit der Kita-Erweiterung und dem Neubau des Feuerwehrhauses wurde noch nicht begonnen. Wie ist dort der Sachstand?
Für die Feuerwehr laufen die Ausschreibungsverfahren. Dort sollen dieses Jahr noch die Bagger rollen. Meine Sorge ist, dass die Kosten wegen der aktuellen Preissteigerung in die Höhe schießen. Deshalb nicht in den Brandschutz zu investieren, wäre aber ein Fehler. Bei der Kita-Erweiterung sind wir nicht ins Förderprogramm aufgenommen worden, was für mich nicht nachvollziehbar ist. Voraussichtlich ab August 2022 kommen wir in der Kita an die Kapazitätsgrenze. Wir suchen mit der Kirche als Träger eine Lösung und haben den Antrag an den Landkreis gestellt, zwei Schulräume zu nutzen. Das würde uns den Druck nehmen, muss aber noch geprüft werden.
Handlungsbedarf besteht auch beim Technik-Gebäude des Sportbades und beim DGH Röhrigshof. Wie lange lassen sich diese Investitionen noch schieben, ohne dass der Betrieb darunter leidet?
Wir müssen unsere Projekte Schritt für Schritt abarbeiten. Wir bereiten gerade einen Beschlussvorschlag zur Schwimmbad-Sanierung vor, der noch in diesem Jahr beraten werden soll. Wir erarbeiten ein Konzept für Wohnmobil-Stellplätze. Es wird Elektro-Ladesäulen geben, die wir schon beantragt haben. Auch für den Ortsteil Röhrigshof, der in der Vergangenheit manchmal zu kurz gekommen ist, haben wir uns schon Gedanken gemacht. Das alles hängt natürlich von der finanziellen Lage und den Kapazitäten der Verwaltung ab. Wir planen ja auch für Hessen Mobil die Ampelkreuzung am Zollhaus und die Sanierung der Ortsdurchfahrt Harnrode – uns wird also nicht langweilig.
Für die Wahl des Ersten Kreisbeigeordneten hat die SPD noch keinen Kandidaten aufgestellt. Sie sind in der Kreispolitik aktiv – wäre dieser Posten nichts für Sie?
(lacht) Ich bin gerne Bürgermeister unserer schönen Marktgemeinde und würde mir wünschen, es zu bleiben. Deshalb gibt es bei mir keine anderen Überlegungen.
Jetzt hat die Kommunalpolitik ohnehin erst mal Sommerpause. Wie verbringen Sie Ihren Urlaub?
Ich fahre mit einer Familie zwei Wochen an die Nordsee. Meine Söhne fragen mich schon ständig, wann es endlich losgeht. Das ist auch wirklich nötig, weil ich ein Jahr fast ohne Urlaub durchgearbeitet habe. Deshalb wollen wir jetzt die Chance nutzen, dass die aktuelle Corona-Lage einen Sommerurlaub zulässt.

Interview: Jan-Christoph Eisenberg

Zur Person

Timo Heusner (41) ist im Schenklengsfelder Ortsteil Wüstfeld aufgewachsen. Nach dem Realschulabschluss absolvierte er eine Ausbildung zum Forstwirt und war bis 2006 in diesem Beruf tätig. Danach schulte er um zum Finanzwirt und arbeitete seit 2008 als Finanzbeamter in Bad Hersfeld. Als Kandidat der SPD setzte sich Heusner bei der Bürgermeisterwahl im Mai 2019 mit 55,65 Prozent der Stimmen gegen zwei Mitbewerber durch. Seine Amtszeit begann am 1. Januar 2020. Zur Kommunalwahl im März zog er für die SPD in den Kreistag Hersfeld-Rotenburg ein. Timo Heusner ist verheiratet und hat zwei Söhne. Die Familie lebt in Philippsthal. Seit Kurzem ist der 41-Jährige wieder als Fußballcoach aktiv: Er trainiert die Bambini-Mannschaft des VfL Philippsthal. jce

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