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Fast 29 Prozent weniger Schwangerschaftsabbrüche gegenüber dem Jahr 2000

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Von: Lea-Sophie Mollus

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Wer ungewollt schwanger ist und die Schwangerschaft abbrechen möchte, muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Dazu gehört auch die Beratungsbescheinigung von einer anerkannten Beratungsstelle.
Wer ungewollt schwanger ist und die Schwangerschaft abbrechen möchte, muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Dazu gehört auch die Beratungsbescheinigung von einer anerkannten Beratungsstelle. ©  imago/suedraumfoto

So wenige Schwangerschaftsabbrüche wie seit der Jahrtausendwende nicht mehr: Wie die AOK Hessen auf Grundlage von Zahlen des Statistischen Landesamtes in Hessen mitteilt, sinkt die Anzahl an Abtreibungen kontinuierlich. Während es 2000 noch 10 796 waren, haben 2021 nur 7688 Frauen ihre Schwangerschaft abgebrochen. Es handelt sich um eine Reduktion um 28,79 Prozent.

Hersfeld-Rotenburg – Laut Geburtenstatistik des Statistischen Bundesamtes haben die Geburten im gleichen Zeitraum zugenommen: Vergleicht man die Zahlen in Deutschland geborener Babys von 2000 und 2021 erhält man ein Plus von 3,72 Prozent. Auf allgemein weniger Geburten ist die sinkende Zahl an Abtreibungen also nicht zurückzuführen. Frauenarzt Dr. Kai Fischer vom Bad Hersfelder Klinikum begründet diese Entwicklung unter anderem mit „Aufklärung in Verbindung mit effektiver Verhütung“.

Als einen der Hauptgründe dafür, dass weniger Frauen ihre Schwangerschaften beenden, führt Maren Colton, Leiterin der Beratungsstelle Pro Familia mit Sitz in Bad Hersfeld und Alsfeld, die großen Hürden an, mit denen die Frauen zu kämpfen haben. Dabei bezieht sie sich unter anderem darauf, dass weniger Ärzte Abtreibungen vornehmen und die Wege zur nächsten Klinik somit zum Teil weit sein können.

Dass immer weniger Frauen in Hessen abtreiben, ist für Colton trotzdem überraschend. Einerseits, weil das Interesse am Beratungsangebot von Pro Familia leicht gestiegen sei. Andererseits, weil sich Frauen oder Paare ihrer Erfahrung nach in der aktuellen „krisengeschüttelten“ Situation mit Corona, Krieg, Inflation und Klimawandel eher fragten, ob sie überhaupt Kinder in diese Welt setzen wollen.

Die bundesweiten Zahlen bestätigen ihre Einschätzung: Laut Statistischem Bundesamt wurden in Deutschland im zweiten Quartal dieses Jahres insgesamt 25 600 Schwangerschaftsabbrüche gemeldet – das sind 11,5 Prozent mehr als im zweiten Quartal des Vorjahres. In den Vorjahren hingegen sind die Zahlen auch bundesweit gesunken: 2021 um minus 5,4 Prozent, 2020 um minus 0,9 Prozent.

Hintergrund: 18- bis 30-Jährige am häufigsten betroffen

Die meisten Schwangerschaften wurden im vergangenen Jahr laut AOK Hessen mit 3651 bei den 18- bis 30-Jährigen abgebrochen. Bei den unter 18-Jährigen waren es 224 und bei den über 40-Jährigen 661. Ob weniger Frauen ungewollt schwanger werden oder sich weniger für einen Abbruch entscheiden, geht aus den Daten des Hessischen Statistischen Landesamtes nicht hervor, heißt es von der AOK. 

Kommentar: Verlierer des Systems

Mein Körper gehört mir! Eine Forderung, die die Frauenbewegung schon seit Jahrzehnten stellt, die jedoch selbst im Jahr 2022 offenbar nicht überall angekommen ist. Frauen als Sexobjekte, Frauen als unterwürfige Wesen, Frauen als Gebärmaschinen. Das alles haben wir doch längst hinter uns gelassen – oder nicht? Warum werden Frauen, die sich bewusst mit sich, ihrer Lebenssituation und ihrem Körper auseinandersetzen und sich für eine Abtreibung oder eine Sterilisation entscheiden, dann so an den Pranger gestellt? Frauen verletzen sich selbst und dringen mit einem Gegenstand in ihre Gebärmutter ein, um das Baby in ihrem Bauch loszuwerden. Und warum? Weil sie sich nicht anders zu helfen wissen. Weil sie nicht gehört werden. Weil sie durch äußere Einflüsse dazu getrieben werden. Sie bringen sich zudem nicht nur selbst in Lebensgefahr, sondern machen sich auch noch strafbar. Auch 2022 sind Frauen auf vielen Ebenen die Verlierer des Systems. lea@hna.de

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