Feuerzangenbowle verzückt in Bebras altem Rathaus

Dicht am Original: Hagen Möckel rezitierte nicht nur aus der Feuerzangenbowle, er genoss auch ein Tässchen. Foto:  Apel

Bebra. Der Zauber der Erinnerung wurde wach, als Hagen Möckel im alten Rathaus in Bebra aus dem Roman von Heinrich Spoerl und Hans Reimann rezitierte.

Wie auf ein gar nicht gegebenes Zeichen hin sind alle Zuhörer mucksmäuschenstill. Ein schwarz gekleideter Herr mit weißer Fliege betritt die Bühne des alten Bebraer Rathauses und sagt: „Sätzen Sä säch!“ Dabei sitzen doch alle schon längst.

Aber es ist Feuerzangenbowlenzeit und bei der „One-and-Only-Feuerzangenbowle“, die einem seit der Verfilmung mit Heinz Rühmann vor Augen flimmert, ist das eben so. Deshalb ist es für den auf Einladung des Bebraer Kulturzuges aus Halle an der Saale angereisten Rezitator Hagen Möckel auch ein Leichtes, das Publikum mitzunehmen in die Runde der fünf feixenden Honoratioren, die der seligen Schulzeit gedenken und die der ins Gehirn steigende Dunst der dampfenden, blutroten, von einem knisternden, weißen Klumpen gekrönten Flüssigkeit veranlasst, den lieben, aber schulisch völlig unbedarften Dr. Hans Pfeiffer („mit drei F“) auf ein „richtiges“ Gymnasium zu schicken.

Die „Dampfmaschin“

Alles Weitere ist bekannt, und doch macht es dem Auditorium erst stillen, dann immer lauteren Spaß, mitzuerleben, wie Möckel - sehr dicht am „Original“ rezitierend - die Figuren entwickelt: Den Professor Schnauz („Mät dr Schoole äst äs wää mät dr Mädäzän: Sä moss bätter schmäcken, sonst nötzt sää nächts!“), den Bömmel („Wat is en Dampfmaschin?“), den Dr. Brett und den Direktor Knauer, den er am besten trifft. Aber natürlich auch die „Schööler“ und die Mädchenklasse der Frau Direktor, die zur legendären Pfeifferschen Chemiestunde gebeten wird, in die völlig unerwartet auch der weltfremde „Oberschoolrat“ eilt. Wie auch immer: Pfeiffer spielt durch, Direktor Knauer ist überrascht von den hohen Einkünften des echten, seine Tochter Eva verehrenden Schriftstellers Dr. Pfeiffer, und alle sind’s zufrieden.

Wenn da nur nicht die Zeit gewesen wäre, in der der Film gedreht wurde: 1943, kurz nach Stalingrad, mitten im Krieg. Darüber und über weitere Hintergründe des sich ab 1964 zur gesamtdeutschen Kultkomödie entwickelnden Rühmann-Films informiert Möckel zwischen den Szenen, dafür lässt er immer wieder die Klappe fallen. Was in der Pause auch die Gelegenheit eröffnet, sich an richtig guter Feuerzangenbowle und selbst gebackenen Quarkbällchen zu laben.

Bewegender Abend

Dem Kulturzug und Hagen Möckel sei Dank. Es war ein schöner, durchaus bewegender Abend, wenn man bedenkt, wie so mancher an der Front „bespielte“ Wehrmachtssoldat, über den letzten Satz von Film und Rezitation gedacht haben mag: „Wahr sind nur die Erinnerungen, die wir mit uns tragen; die Träume, die wir spinnen; und die Sehnsüchte, die uns treiben. Damit wollen wir uns bescheiden.“

Von Wilfried Apel

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