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Friederike vergessen lassen: Im Wald ist die Wiederaufforstung in vollem Gange

Im Hintergrund stand mal ein Fichtenwald: Dr. Hans-Werner Führer (links) und Heinrich Peitzmeier von Hessen-Forst haben im Revier Cornberg 60 000 Eichen gepflanzt. Brombeeren dienen als Begleit-Vegetation.
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Im Hintergrund stand mal ein Fichtenwald: Dr. Hans-Werner Führer (links) und Heinrich Peitzmeier von Hessen-Forst haben im Revier Cornberg 60 000 Eichen gepflanzt. Brombeeren dienen als Begleit-Vegetation.

In Waldhessen ist die Wiederaufforstung in vollem Gange. Das Orkantief Friederike hatte 2018 immensen Schaden in den heimischen Wäldern angerichtet. Die Förster setzen jetzt auf Baumarten, die Stürmen und Dürre besser standzuhalten versprechen.

Hersfeld-Rotenburg - „Wäre der Sommer 2018 wie der diesjährige gewesen, würden wir hier nicht stehen“, sagt Dr. Hans-Werner Führer, Forstamtsleiter von Rotenburg. Damit meint er die Zerstörung fast der gesamten Fichtenpopulation.

Durch die extreme Dürre konnten sich die Fichten nicht gegen den Borkenkäfer wehren. „Die Fichten litten unter Trockenstress“, sagt Andreas Siegel, Stadtförster von Rotenburg. So konnten sie den Käfer nicht mit Harz aus ihrer Rinde spülen.

Im Revier Cornberg, das zum Staatsforst gehört, wurden allein in den dreieinhalb Jahren nach der Katastrophe 175 000 Kubikmeter Schadholz entnommen. Normal seien pro Jahr 12 000 Kubikmeter. „Die Ereignisse von 2018 verfolgen uns bis heute“, sagt Heinrich Peitzmeier, Revierförster von Cornberg. Die Beseitigung der Schäden mache 95 Prozent der Arbeit aus.

Im gesamten Staatswald Rotenburg waren durch Friederike 1700 Hektar kahl gefallen. Der gesamte Wald ist 14 000 Hektar groß. Im Stadtwald Rotenburg waren rund 30 Prozent der 1240 Hektar großen Betriebsfläche geschädigt. Im Forstamt Hersfeld seien von 18 000 Hektar Waldfäche 1500 Hektar geschädigt worden. Besonders betroffen seien die Bereiche um und südöstlich des Eisenbergs, sagt Forstamtsleiter Andreas Scholz.

Eichensetzling im Revier Cornberg: Hessen-Forst ist überzeugt, dass die Eiche dem Klima besser standhält.

Bei der Wiederaufforstung werden Bestände mit mindestens vier Baumarten angestrebt. Etwas mehr als die Hälfte des Bestands soll durch Naturverjüngung entstehen. Der Rest wird angepflanzt. Im Revier Cornberg wurden im Frühjahr auf zwölf Hektar 60 000 Eichen gepflanzt. Der Nadelholzanteil soll jedoch beibehalten werden. Im Stadtwald Rotenburg setzt Förster Andreas Siegel auch auf die Buche, die sich selbst ausbreitet, und die Kiefer, bei der menschliche Hilfe nötig ist. Auch die Douglasie sei eine Option.

Am 18. Januar 2018 fegte Friederike über den Landkreis

Friederike ist das Orkantief, das am 18. Januar 2018 über Waldhessen fegte – und dabei erheblichen Schaden anrichtete. Unzählige Bäume wurden vom Wind „geworfen“, wie es in der Fachsprache heißt. Betroffen waren vor allem Fichten, deren Bestand beispielsweise im staatlichen Revier Cornberg rund 60 Jahre alt war, wie Revierförster Heinrich Peitzmeier sagt. Fichten wachsen eigentlich rund 100 Jahre, ehe sie gefällt werden.

Der Baum hat sich als nicht zukunftsfähig erwiesen im Hinblick auf die Klimaveränderung. Andere Baumarten wie die Eiche haben Stürme und Hitze wesentlich besser überstanden. Damit soll die Wiederaufforstung gelingen. Die durch den Sturm und den anschließenden Hitzesommer beschädigten Fichtenstämme lockten den Borkenkäfer an. „Dessen Brutstätten konnten nicht sofort abtransportiert werden“, erklärt Dr. Andreas Siegel, Stadtförster von Rotenburg, unter anderem zuständig für den Wendegrund bei Mündershausen. „Der allergrößte Teil des Fichtenbestands wurde dabei zerstört“, ergänzt Heinrich Peitzmeier, Revierförster von Cornberg. „Diese Menge hat alle Kapazitäten an Personal und Material beansprucht“, sagt Peitzmeier, immer noch stünden abgestorbene Fichten im Wald.

Im Rotenburger Stadtwald und auch im Staatswald steht jetzt bei der Wiederaufforstung ein Baumartenwechsel bevor. Die Fichte wird im Revier Cornberg vor allem durch die Eiche ersetzt. Sie steht stabil im Wind und ist nicht schädlingsanfällig. Es hänge jedoch vom Standort ab, welche Baumarten gepflanzt werden, sagt Peitzmeier. „Angestrebt sind Bestände mit mindestens vier Baumarten – besser mehr“, ergänzt er. Mehr als die Hälfte der neuen Baumbestände sollen durch Naturverjüngung entstehen. Die Bäume pflanzen sich dabei praktisch selbst fort – mit ihren eigenen Samen.

Im Forstamt Hersfeld seien zwar ebenfalls vornehmlich Fichten geschädigt worden. „In diesem Jahr sorgen wir uns jedoch besonders um die Buchen“, sagt Forstamtsleiter Andreas Scholz. Viele dieser Laubbäume litten an den Spätfolgen der Trockenheit und sterben ab. Trotz der höheren Niederschläge in diesem Jahr seien die Wasserspeicher in den tieferen Bodenschichten noch nicht wieder vollständig gefüllt.

Die Überreste der Fichten: Entlang der Waldwege liegen zuhauf Stämme, so wie hier im Revier Alheimer.

Um die Mini-Bäume zu schützen, sei die Jagd ein wichtiger Faktor, sagt Heinrich Peitzmeier. „Wir kommen aber auch um Zäune nicht herum“, sagt Andreas Siegel. Allein durch die Jagd könnten die Bäume nicht vor Wild geschützt werden. Gerade bei größeren Flächen, die größer als ein Hektar sind, führe an einem Zaun daher kein Weg vorbei.

Insgesamt ist die Wiederaufforstung mit großer Unsicherheit behaftet. Noch könne niemand absehen, wie sich das Klima in den kommenden Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten wandeln werde. Möglich sei, so Siegel, der die Klimaforschung aufmerksam verfolgt, dass der Golfstrom versiegt und das Wetter in Mitteleuropa wechselhafter und im Schnitt kühler werde – mit unabsehbaren Folgen für den heimischen Wald.

Von Paul Bröker

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