„Beim reichsten Chef der Welt muss mehr drin sein“

Fünf Jahre Arbeitskampf bei Amazon: Verdi-Sekretärin Mechthild Middeke im Interview

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Kämpft seit nunmehr fünf Jahren für einen Tarifvertrag bei Amazon: Verdi-Gewerkschaftssekretärin Mechthild Middeke – hier vor dem Eingang zum Logistikzentrum FRA 3 an der Oberen Kühnbach/Amazonstraße in Bad Hersfeld. Das komplette Bild sehen Sie, wenn Sie auf das Kreuzchen oben rechts klicken.

Bad Hersfeld. Vor genau fünf Jahren, am 9. April 2013, hat bei Amazon in Bad Hersfeld mit dem ersten Warnstreik der Kampf um einen Tarifvertrag begonnen. Wir haben mit Gewerkschaftssekretärin und Streikleiterin Mechthild Middeke über das anscheinend aussichtslose Unterfangen und prominente Unterstützung durch Donald Trump gesprochen.

Bei Amazon wird gestreikt und in China fällt ein Sack Reis um. So kommentieren nicht wenige den Arbeitskampf im Internet. Fühlen Sie sich noch ernst- und wahrgenommen?

Mechthild Middeke: Naja, wir gucken auf die Stimmung der streikenden Kollegen und Kolleginnen und die Stimmung dort ist außerordentlich gut, und die Bereitschaft, weiter zu streiken, ist ungebrochen. Das Medieninteresse, das wir anfangs hatten, ist so sicher nicht mehr gegeben. Nichtsdestotrotz ist Amazon immer wieder Thema in den Medien.

Vor fünf Jahren haben wir ein ähnliches Interview geführt. Was haben Sie denn in den vergangenen zwölf Monaten erreicht?

Middeke: Wir haben zwei Zielsetzungen. Natürlich streiken wir, weil wir einen Tarifvertrag mit Amazon vereinbaren wollen und weil wir nach wie vor der Auffassung sind, dass die tariflichen Arbeitsbedingungen – zumindest die, die im Tarifvertrag für den Einzel- und Versandhandel in Hessen dargelegt sind – eine Verbesserung gegenüber der momentanen Bezahlung bedeuten würden.

Hinzukommen Regelungen zu Sonderzahlungen, Freistellungen oder Urlaub. Über einen Tarifvertrag verhandelt Amazon weiterhin nicht, das ist richtig. Wir haben aber einiges angestoßen, was die Verbesserung von Arbeitsbedingungen betrifft, zum Beispiel im Bereich der Gesundheitsförderung.

Ob Weihnachtsgeld oder höhenverstellbare Tische – welche Errungenschaften der jüngsten Vergangenheit schreiben Sie sich konkret auf die Fahne?

Middeke: Der Arbeitskampf vor fünf Jahren ist ja begonnen worden, weil die Beschäftigten sich ein Stück weit abgehängt gefühlt haben von der allgemeinen Lohnentwicklung, denn in den fünf Jahren davor gab es überhaupt keine Lohnerhöhungen. Seitdem wir als Verdi aktiv geworden sind, organisiert und uns im Arbeitskampf aufgestellt haben, hat Amazon jährliche Lohnerhöhungen gewährt – nach ihrem Duktus und aus unserer Sicht viel zu wenig, aber immerhin. Seit 2014 gibt es außerdem die Sonderzahlung vor Weihnachten in Höhe von 400 beziehungsweise 600 Euro je nach Eingruppierung. Diese materiellen Auswirkungen sind da, weil der Druck da ist.

Außerdem will Amazon in der Öffentlichkeit natürlich als guter Arbeitgeber dastehen und hat sich diesbezüglich auch sehr geöffnet. Sie wissen doch selbst, wie spärlich früher etwa Informationen rüberkamen.

Sie glauben also immer noch daran, den Online-Riesen in die Knie zwingen zu können oder wollen Sie schlicht das Gesicht wahren?

Middeke: Ob Amazon jemals einem Tarifvertrag zustimmen wird, hängt einerseits davon ab, wie viel Druck die Beschäftigten ausüben können. Und noch sind die streikenden Beschäftigten in der Minderheit, auch in Bad Hersfeld, wenngleich die Beteiligung mitunter richtig gut ist. In der Summe aber sind es noch zu wenig. Ansprechpartner und Interessenvertreter sind zudem die Betriebsräte. Anfang Mai wird bei Amazon in Bad Hersfeld ein neuer Betriebsrat mit dann 27 Mitgliedern gewählt und die Frage ist, wie sich dieser künftig aufstellt und verhält.

Darüber hinaus sehe ich die Politik gefragt, entsprechende Grundlagen zu schaffen. Aktuell sind nur noch etwa 30 Prozent der Unternehmen im Handel tarifgebunden, im Osten noch weniger. Tarifverträge haben allgemein abnehmende Bedeutung. In anderen Ländern hingegen sind Tarifverträge sozusagen Mindeststandard und die Grundlage aller Arbeitsverträge.

Aus dieser Sache kommen Sie ohnehin nicht so einfach wieder raus, oder?

Middeke: (lacht) Solange die Beschäftigten den Arbeitskampf weiterführen wollen, sowohl hier vor Ort als auch auf Bundesebene, und die Streikleitung gleicher Meinung ist, werden wir das auch tun. Das ist ja auch nicht meine alleinige Entscheidung. Momentan haben wir jedenfalls die Tendenz, dass sogar Neue hinzukommen.

Die einen verweisen auf die gute Bezahlung für ungelernte Kräfte, die anderen fürchten den Niedergang des Bad Hersfelder Standorts aufgrund der Streiks. Was setzen Sie dem entgegen?

Middeke: Diese Drohung beziehungsweise dieses Szenario gab es von Anfang an, seit es den Standort in Bad Hersfeld gibt. Im Moment sehen wir den Trend, dass Amazon expandiert und immer neue Standorte eröffnet. Da sehe ich keine Gefahr, auch der geografischen Lage wegen.

Der Lohn befindet sich im oberen Level für vergleichbare Tätigkeiten in der Region, klar. Aber unser Maßstab ist: Amazon ist der größte Onlinehändler der Welt, mit dem reichsten Chef der Welt – da kann und muss mehr drin sein. Und ohne die vielen Mitarbeiter würde das Imperium nicht funktionieren.

Jüngst hat auch US-Präsident Donald Trump Amazon attackiert. Unter anderem ging es um die umstrittene Steuerpolitik des Unternehmens und die Verdrängung lokaler Geschäfte. Freuen Sie sich über so eine prominente Unterstützung?

Middeke: (schmunzelt) Man weiß natürlich nicht so recht, was er damit bezweckt, welche Retourkutsche möglicherweise dahintersteckt. Aufmerksamkeit für das Thema ist immer gut. Andererseits ist in der Folge zum Beispiel der Aktienkurs gesunken, was sich ja auch negativ auf die Aktienpakete der Beschäftigten auswirkt. Hier zeigt sich zudem wieder, dass Aktien nicht fester Bestandteil des Gehalts sein können.

Den Überraschungsmoment nutzen oder groß angelegte Gemeinschaftsaktionen – wie soll es 2018 weitergehen?

Middeke: Sowohl als auch. Wir wollen auch in diesem Jahr bewusst Nadelstiche setzen und überraschen, aber auch ganz bewusst gemeinsame Aktionen auf europäischer oder internationaler Ebene organisieren und die Kontakte untereinander weiter ausbauen. Das ist ein vielversprechendes Feld.

Wir sprechen uns also im April 2019 wieder?

Middeke: Mit Sicherheit.

Zur Person: Mechthild Middeke

Mechthild Middeke (61 Jahre) ist seit 2002 für die Gewerkschaft Verdi im Fachbereich Handel tätig. Vorher war sie als Jugendbildungsreferentin beim DGB beschäftigt. Sie hat ein Studium der Sozialwissenschaften absolviert und ist Diplom-Sozialwirtin. Middeke wohnt in Kassel, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Amazon: Forum in der Stadthalle

Unter dem Motto „Taktgeber des digitalen Kapitalismus“ lädt die Partei Die Linke im Bundestag in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung zum Amazon-Forum am Freitag, 13. April, von 17 bis 21 Uhr in der Bad Hersfelder Stadthalle ein. Zu Gast sind diverse Referenten sowie die Bundestagsabgeordneten Sabine Leidig und Bernd Riexinger. Die Veranstaltung ist öffentlich, der Eintritt frei. Anmeldungen werden noch bis einschließlich heute unter www.linksfraktion.de/termine oder veranstaltung@linksfraktion.de (Betreff: Amazon) angenommen. (nm)

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