Verteidiger plädiert auf Totschlag

Prozess Bosserode: Für die Staatsanwältin war es Mord

Für den Beilangriff muss ein Mann 4,5 Jahre ins Gefängnis.(Symbolbild)
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Das Gericht entscheidet, ob es Mord oder Totschlag war.(Symbolbild)

Der Angeklagte im Bosseröder Mordprozess soll lebenslang hinter Gitter – das hat Oberstaatsanwältin Dr. Christine Seban beantragt.

Wildeck - In ihrem Plädoyer vor dem Landgericht Fulda ging die Staatsanwältin zwar nicht mehr, wie noch in der Anklage, davon aus, dass die 79-Jährige zu Beginn des Angriffs durch ihren Sohn geschlafen hat – trotzdem sieht sie das Mordmerkmal der Heimtücke als gegeben an.

Verteidiger Artak Gaspar (Niederaula) plädierte hingegen auf Totschlag und beantragte eine sechsjährige Haftstrafe. Auch er sagte klar, die Messerstiche seien absichtlich und „keinesfalls aus Versehen“ gesetzt worden. Das Urteil wird heute gesprochen.

Streit zu Beginn

Staatsanwältin Seban folgt nach der Beweisaufnahme der Aussage des Angeklagten, dass es vor dem Messerangriff zwischen dem damals 60-Jährigen und seiner Mutter, in deren Haus der durch Krankheit gezeichnete Arbeitslose lebte, zu einem Streit gekommen ist. „Ich habe mich schwergetan, den Sachverhalt so anzunehmen“, sagte Seban. Für einen Außenstehenden erscheine es schlicht unglaubhaft, dass der Sohn sich nachts um halb 3 bei seiner Mutter vergewissern wollte, dass er am nächsten Tag wirklich, wie verabredet, ihr Auto benutzen dürfe – weil naheliegend sei, dass das Aufwecken für sein Ansinnen eher negativ sei. Für dieses Streitgespräch gebe es keine Beweise. Man könne aber auch das Gegenteil nicht beweisen.

Frage nach Heimtücke

Entscheidend für den Unterschied zwischen Mord und Totschlag und damit für das Strafmaß wird sein, ob die Strafkammer der Argumentation von Staatsanwältin Seban folgt, dass der Bosseröder heimtückisch gehandelt hat, sein Opfer also arg- und wehrlos war. Der körperlich schwache 60-Jährige habe gegen seine „fitte“ Mutter einen Überraschungsmoment für seinen Angriff nutzen müssen – die Frau sei zu Beginn der Messerattacke wehrlos gewesen, so Seban.

Für die Mutter sei auch dann, als der Sohn im Laufe des Streites mit dem Fleischermesser vor ihr stand, nicht ersichtlich gewesen, dass es zum Angriff kommt. Der Angeklagte war von allen Zeugen als friedlicher und sympathischer Mensch beschrieben worden – aggressives Verhalten hatte es noch nie gegeben. „Er hat ihr nicht gedroht, er hielt das Messer schlicht in der Hand.“ Außerdem wäre eine normale Reaktion der Mutter sonst gewesen, durch die Seitentür zu flüchten oder ihren Sohn zu beschwichtigen. Dass sie im Bett sitzen geblieben sei, belege ihre Arglosigkeit.

Genau andersherum bewertete Verteidiger Gaspar die Situation. Eben weil der Täter sich noch nie als aggressiver Mensch gezeigt habe, sei für die Mutter in dem Moment, als er mit dem Messer vor ihr stand, der Schluss naheliegend gewesen: „Heute ist irgendwas anders.“ Für Gaspar waren Arg- und Wehrlosigkeit in dem Moment nicht mehr gegeben, als das Streitgespräch begann. „Es gibt keine objektiven Beweismittel für einen Mord.“

Das letzte Wort

Nach den Plädoyers sagte der Angeklagte, während er seinen Bruder, der als Nebenkläger auftritt, anblickte: „Ich möchte mich noch mal entschuldigen. Ich kann nicht ungeschehen machen, was passiert ist. Ich wünschte, ich hätte mich von meiner Mutter lösen können.“ Verteidiger Gaspar hatte gesagt, er habe den Mandanten gefragt, warum er aufgrund seiner Unzufriedenheit mit der Lebenssituation bei der Mutter nicht ausgezogen sei. Der habe darauf geantwortet, dass er keinen Ort gehabt hätte, wo er hätte hingehen können. „Ich möchte bei meinen Geschwistern um Vergebung bitten und hoffe, dass mir auch vergeben wird“, sagte der Bosseröder abschließend.

Die Nebenklage

Das Leid der Familie und der Mutter in den Momenten des Todeskampfes stellte Nebenklageanwalt Knut Hillebrand (Fulda) in den Mittelpunkt. „Die Mutter hat minutenlang mit dem eigenen Sohn gekämpft, den sie 20 Jahre lang versorgt hat. Das ist ein schrecklicher Tod.“ Er betonte auch, dass an dem angespannten Verhältnis zwischen Täter und Opfer beide Seiten ihren Anteil gehabt haben müssten. Mehrere Zeugen hatten ausgesagt, dass die 79-Jährige ihren Sohn gegängelt habe. Die gesamte Familie sei durch die Tat erschüttert und werde noch lange darunter leiden. Die Erklärungen des Verteidigers, warum der Täter mitten in der Nacht seine Mutter aufgeweckt haben soll, seien „fernab jeglicher Lebensrealität“. Er ging davon aus, dass der Mann von vornherein in das Zimmer der 79-Jährigen ging, um sie umzubringen. „Es gibt kaum eine Situation, in der jemand arg- und wehrloser ist.“ Der Anwalt beantragte Lebenslänglich.

Christopher Ziermann

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