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Geschichten, die das Leben schreibt

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Kai A. Struthoff, HZ-Redaktionsleiter, Autorenfoto, Kolumnenfoto,
Kai A. Struthoff, HZ-Redaktionsleiter © Ludger Konopka

Von großen und kleinen Dramen am Rande der Bad Hersfelder Festspiele und anderen Geschichten, die das Leben schrieb, handelt die Wochenkolumne von Kai A. Struthoff.

So langsam neigen sich unsere Festspiele dem Ende zu und warten doch noch mit einer Premiere auf: Zum ersten Mal in der über 70-jährigen Geschichte des Ruinentheaters musste am Donnerstagabend eine Vorstellung ausfallen, weil der Hauptdarsteller erkrankt war. Auch die drei Darsteller, die hätten einspringen können, waren an diesem Abend anderweitig verpflichtet. Schade für die Besucher, aber eigentlich ein Wunder, dass das erst jetzt passiert ist.

Denn Intendant Joern Hinkel hatte schon bei der Sponsorenpressekonferenz berichtet, welch ein Kraftakt es in diesem Jahr sei, jeden Abend zu spielen – Corona lässt immer noch grüßen. Die Absage zeigt, wie ernst die Lage ist. Denn kein Schauspieler lässt eine Vorstellung ohne größere Not ausfallen.

Ich habe gestern mit Hans Jürgen Dietz, dem „lebenden Gedächtnis der Festspiele“, telefoniert. Er stand ja bekanntlich seit Beginn des Ruinentheaters jedes Jahr als Statist auf der Bühne. Auch er erinnert sich nicht daran, dass je ein Stück ausfallen musste. Wohl aber an andere dramatische Situationen.

So wurde das Stück „Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller im Sommer 1971 abgesetzt, weil der Hauptdarsteller, Hansgeorg Laubenthal, kurz nach der Premiere im Alter von nur 60 Jahren überraschend verstarb. Unvergessen ist auch, wie die Schauspielerin Eva Kotthaus 1987 kurzerhand für die erkrankte Hauptdarstellerin Heidemarie Hatheyer in Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ einsprang, weil sie gerade zu Gast im damaligen Hotel Wenzel war, und die Rolle gut kannte. Sie spielte mit Knopf im Ohr, um die Regieanweisungen zu bekommen. Und natürlich erinnern wir uns alle, wie Christian Nickel kurz vor der Premiere von „Luther“ auch noch den Part von Paulus Manker übernahm, den Intendant Dieter Wedel gefeuert hatte. All das sind Dramen, die das Leben schreibt und die lebendiges Theater vom Fernsehen unterscheiden. Wir wünschen allen Darstellern gute Gesundheit.

Kleine Dramen spielen sich auch am Eichhof ab. So war eine Theaterbesucherin aus Eppstein im Taunus in diesem Jahr mit dem 9-Euro-Ticket angereist, um „Volpone“ zu sehen. Nach der Vorstellung fuhr allerdings kein Bus mehr, und auch beim Taxiruf war kein Durchkommen. Glücklicherweise konnte die Dame dann doch noch ein vorbeifahrendes Taxi anhalten und ersparte sich den nächtlichen Fußmarsch in die Stadt. Trotzdem schrieb sie eine Mail an die HZ, um auf diesen Missstand hinzuweisen, die ich an Meik Ebert, den Sprecher der Stadt, weitergeleitet habe. Und tatsächlich: Die Dame aus Eppstein hatte eine Fahrplanlücke beim Anrufsammeltaxi entdeckt, die nun unverzüglich geschlossen werden soll. Zusammen mit einem sehr netten Schreiben und einem kleinen Präsent wurde die Dame versöhnt und wird den Festspielen auch im kommenden Jahr hoffentlich treu bleiben.

Ein Happy-End gibt es auch in der süßen Love-Story von Festspiel-Intendant Joern Hinkel und Nadja Hügle, die sich eigentlich nur verwählt hatte, und aus deren Telefonat Liebe wurde. An diesem Wochenende werden die beiden in Bad Hersfeld heiraten. Auch so eine schöne Geschichte, die das Leben schrieb. Wir gratulieren den beiden von Herzen und wünschen lebenslanges Glück. (Kai A. Struthoff)

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