„Gewaltfrei für den Frieden“

Arzt Lucas Sichardt spricht über das „Forum 169“

Lucas Sichardt (33) wurde in Erfurt geboren und ist in Bad Hersfeld aufgewachsen. Er hat die Geistalschule und die Modellschule Obersberg besucht und hat nach dem Abitur in Göttingen Medizin studiert. Er arbeitet als Kinderarzt am Klinikum Bad Hersfeld. Lucas Sichardt ist ledig und lebt in Heenes. In seiner Freizeit ist er viel mit dem Fahrrad unterwegs.
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Lucas Sichardt (33) wurde in Erfurt geboren und ist in Bad Hersfeld aufgewachsen. Er hat die Geistalschule und die Modellschule Obersberg besucht und hat nach dem Abitur in Göttingen Medizin studiert. Er arbeitet als Kinderarzt am Klinikum Bad Hersfeld. Lucas Sichardt ist ledig und lebt in Heenes. In seiner Freizeit ist er viel mit dem Fahrrad unterwegs.

Die Friedensinitiativen aus Hersfeld-Rotenburg und dem Werra-Meißner-Kreis haben sich vor der Bundestagswahl zusammengeschlossen.

Mit dem Kinderarzt Lucas Sichardt, einem der Mitinitiatoren des Bündnisses, sprach Kai A. Struthoff.

Herr Sichardt, warum haben sich die Friedensinitiativen der beiden Kreise zusammengeschlossen?

Wir wollen mit unserer Arbeit direkt Bezug auf die Bundestagswahl nehmen. Da Werra-Meißner und Hersfeld-Rotenburg den gemeinsamen Wahlkreis 169 bilden, bot sich dieser Zusammenschluss an. Denn hier stehen dieselben Kandidaten zur Wahl. Natürlich geht es uns auch um eine personelle Verstärkung, denn die Aktivisten sind ja doch begrenzt.

Welche Parteien oder Kandidaten unterstützen Sie bei der Bundestagswahl?

Keine(n). Uns geht es um den Dialog. Wir wollen das Thema Frieden vor der Wahl wieder stärker in die Öffentlichkeit bringen. Denn wir haben den Eindruck, dass der Wahlkampf eher an innenpolitischen Themen ausgerichtet wird. Deshalb wollen wir wissen, wie die Kandidaten zur Friedenspolitik stehen – also dem Atomwaffenverbotsvertrag, Abrüstung, Völkerverständigung und ziviles Konfliktmanagement.

Einer der Mitinitiatoren des Forums 169, Andreas Heine, tritt selbst für die DKP bei der Bundestagswahl an. Ist das nicht ein Zielkonflikt?

Eigentlich nicht, obwohl wir darüber natürlich diskutiert haben. Aber auch andere unserer Unterstützer sind in Parteien aktiv und haben politische Präferenzen. Wir haben aber ganz bewusst eine breite, überparteiliche Aufstellung gesucht mit den Gewerkschaften und den Kirchenvertretern.

Für welche überparteilichen Ziele setzen Sie sich also ein?

Es geht uns um friedliche Außenpolitik und das Ziel der Gewaltfreiheit. Dabei muss man natürlich Schwerpunkte setzen. Dazu gehört für uns der Atomwaffenverbotsvertrag, der im Januar in Kraft getreten ist, wo Deutschland aber nicht dabei ist. Dabei wollen Umfragen zufolge 93 Prozent der Deutschen keine Atomwaffen. Dazu müssen sich die Bundestagskandidaten äußern. Genauso wie auch zur Frage der Drohnenbewaffnung der Bundeswehr. Das sind Themen, die die Wähler beschäftigen.

Ist das so? Die örtlichen Friedensinitiativen gibt es zwar, aber man hört kaum etwas von ihnen. Zu den Veranstaltungen kommt nur eine Handvoll Leute.

Wenn wir Aktionen machen und in den Fußgängerzonen stehen, dann interessieren sich die Menschen schon für unsere Ziele. Und es gibt regelmäßige Veranstaltungen, wie unsere Mahnwachen zum Hiroshima-Gedenken ...

... bei denen Sie meist mit Abstand der jüngste Teilnehmer sind. Woran liegt es, dass nicht mehr jungen Leute dabei sind?

Diese Frage stellen wir uns auch. Ich glaube, dass sich junge Leute in den vergangenen zwei Jahrzehnten ohnehin wenig mit Politik beschäftigt haben. Dann kam Fridays for Future auf. Das gibt uns Hoffnung, und wir gewinnen dadurch auch wieder jüngere Leute für Aktionen und Veranstaltungen. In einer kleinen Stadt wie Bad Hersfeld sind es aber meist immer dieselben Aktiven, die sich engagieren.

Welche Aktionen planen Sie konkret, um sich bekannter zu machen?

Die Mahnwache zum Hiroshimatag wird wieder stattfinden. Auch den Weltfriedenstag im September wollen wir nutzen. Außerdem haben wir im letzten Jahr erstmals ein Projekt mit Schülern am Obersberg durchgeführt und wollen das fortsetzen..

Die große Zeit der Friedensbewegung war in den 1980er Jahren. Besonders aktiv waren damals die Grünen. Heute diskutieren sie selbst den Einsatz von Drohnen. Und die Linken machen es sich einfach, indem sie Auslandseinsätze generell ablehnen ...

Es ist eine Frage der Einstellung, ob das einfach ist. Denn wir wissen doch, dass das gegenwärtige Konzept der Auslandseinsätze zwar Sicherheit suggerieren soll, aber eigentlich nicht funktioniert. Das sehen wir in Afghanistan. Der Bundeswehreinsatz dort hat dem Land nicht viel genutzt. Dabei gibt es Alternativen, wie etwa die Kampagne der Kirche „Sicherheit neu denken“. Dort wird ein Szenario aufgezeigt, wie man auch auf anderen Wegen Sicherheit schaffen kann – und vielleicht sogar nachhaltiger.

Meinen Sie wirklich, dass sich Terroristen, religiöse Fanatiker oder machtgierige Diktatoren von Worten und bunten Fähnchen beeindrucken lassen?

Vermutlich nicht. Aber Aggression erzeugt meist nur Gegenaggression. Oft provoziert man sich damit gegenseitig – zum Beispiel im Krim-Konflikt. Es stellt sich immer die Frage, welche Ziele wirklich hinter bewaffneten Konflikten stehen – etwa von der Rüstungsindustrie oder auch wirtschaftliche und territoriale Interessen. Hier muss man ins Gespräch kommen. Ziviler Widerstand oder wirtschaftliche Zusammenarbeit nutzen auf lange Sicht mehr als militärische Intervention.

Dafür braucht man eine Menge Idealismus, denn die täglichen Nachrichten zeigen eine andere Welt.

Natürlich kommen einem oft Zweifel, aber die Forschung zeigt, dass friedliche Lösungen erfolgreicher sind als eine Gewalteskalation. Die Anzahl der bewaffneten Konflikte ist – entgegen der öffentlichen Wahrnehmung – sogar gesunken.

Was hat Sie persönlich veranlasst, sich für die Friedensarbeit zu engagieren?

Mein Beruf als Kinderarzt allein würde schon ausreichen, alle Motivation in dieses Thema zu stecken. Wenn sich jeder zurücklehnen würde, dann sehe ich schwarz. Wir brauchen Idealisten – auch wenn sie oft erst Anerkennung erhalten, wenn sie Erfolg haben. Mich hat zum Beispiel Michael Held hier in Bad Hersfeld mit seinem unermüdlichen Einsatz für die Friedensbewegung inspiriert. Außerdem bin ich gläubig. Für mich ist das Leben Jesu das größte Vorbild. Er hat Dinge gepredigt, die er auch gelebt hat. Das fängt mit der absoluten Gewaltfreiheit an und geht weiter mit Vergebung, ohne die Frieden nicht möglich ist.

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