Die Physiotherapeutin Heike John lebte 20 Jahre im Osten und ist jetzt schon seit 20 Jahren im Westen

Die Gewinnerin der deutschen Einheit

Heike John packt es an: Die 40-jährige Physiotherapeutin, hier in ihrer Praxis in Reilos, sagt von sich selbst, sie sei eine Gewinnerin der Einheit. Foto: Kai A. Struthoff

Reilos. Als Heike John vor ein paar Monaten 40 wurde, liefen noch einmal die Bilder ihres Lebens vor ihr ab. Freunde hatten die Fotoschau zusammengestellt. Zunächst war da das kleine Mädchen vor tristen Plattenbauten, in der Buddelkiste, am Strand, vorm Trabi, mit Pionieruniform. Eine typische Jugend in der DDR.

Doch plötzlich wurden die Bilder farbiger: Südafrika, Brasilien, die USA oder Costa Rica – Reisen, neue Freunde, eine neue Heimat, die eigene Praxis. Heike John lebte 20 Jahre in der DDR und seit 20 Jahren im Kreis Hersfeld-Rotenburg. „Ich bin eine Gewinnerin der Einheit“, sagt sie heute.

Ihr Leben ändert sich am 9. November 1989: Heike ist damals 20 Jahre alt und lebt in Gotha, in Thüringen. Ihre Mutter hat sie allein groß gezogen, der Vater hatte die Familie früh verlassen. Mit acht Wochen kommt die Kleine in die Krippe, die Mutter muss in der Metallwarenfabrik arbeiten. „Mich hat das nicht gestört, so konnte ich mich früh abnabeln“, sagt Heike John.

In der Schule trägt sie stolz das Pionierhemd mit Halstuch. „Seid bereit – immer bereit“, den alten Spruch zum Fahnenappell beherrscht sie noch heute. „Wir haben darüber gelächelt, aber es war halt normal.“ Gibt es mal Apfelsinen, dann werden die für Weihnachten aufgehoben, ein seltener Genuss ist West-Schokolade.

Ein wenig neidisch sieht Heike den Überfluss, den das West-Fernsehen zeigt, „aber was man nicht kennt, vermisst man nicht“. Wie so viele DDR-Bürger hat auch Heike zwei Meinungen – „die öffentliche und die private“. Die Partei umwirbt sie, aber sie tritt nicht ein – „die waren mir immer suspekt“. Doch ganz kommt sie an den Lehren des Sozialismus nicht vorbei. Bei ihrer Ausbildung zur Physiotherapeutin an der Poliklinik in Nordhausen stehen auch Marxismus-Leninismus und Russisch auf dem Lehrplan.

Die Sprachkenntnisse helfen, als sie ihr Fernweh bei Reisen nach Bulgarien oder Sotschi auslebt. Doch nicht alle Ferienerinnerungen sind schön. „Die Wessis am Nebentisch im Hotel bekamen Coca-Cola, wir nur Wasser“, erinnert sie sich. „Da habe ich mich schon minderwertig gefühlt.“

Am 9. November sitzt sie vorm Fernseher auf der Couch und will nicht glauben, was sie sieht. „Aufgeregt, wie vor einen Rendezvous“ ist sie damals. Ihr Freund war bereits über die Tschechei in den Westen abgehauen, doch Heike bleibt zurück, der Mutter wegen.

Erstes Ziel: Fulda

Doch dann ist die Grenze plötzlich offen. Heike und ihre Mutter beladen den Trabbi und fahren gen Westen. Fulda ist ihr Ziel. Doch ein allzu menschliches Bedürfnis zwingt die beiden Frauen schon in Bad Hersfeld von der Autobahn. Eine Fügung des Schicksals, denn diese „Pinkelpause“ entscheidet über ihre Zukunft.

Der Zufall hilft

Es dunkelt bereits, so dass die beiden Frauen gern die spontane Notunterkunft bei einer Familie auf dem Petersberg annehmen. Daraus wird Freundschaft. Dank dieser Kontakte erfährt sie auch von der freien Stelle als Physiotherapeutin am Johannesberg. Heike zieht nach Bad Hersfeld. „Ich wollte nicht zurück nach Gotha“, erzählt sie rückblickend, „vielleicht fiel es mir auch leichter, mich hier im Westen als Einzelperson in das neue System zu integrieren.“

Über sechs Jahre arbeitet sie in der Praxis von Dr. Koch, betreut nebenbei noch die Kicker von Hessen Hersfeld. „Ich musste mich durchbeißen, aber das wollte ich auch.“ Sie findet neue Freunde und Bekannte, man hilft sich gegenseitig. Schließlich macht sich Heike John mit einer kleinen Praxis im Seniorenheim Reilos selbstständig. „Ich bin ein Denke-Typ“, sagt Heike John – sie suche immer nach einer Lösung. „Ich muss ein Ziel haben, um es zu erreichen.“ Inzwischen ist Heike John seit 14 Jahren selbstständig. Sie hat ein großes Haus am Ortsrand von Reilos mit einer lichtdurchfluteten Praxis und modernen Fitness-Geräten. Und sie ist Chefin von fünf Angestellten.

Vor- und Nachteile

Gewiss, im Westen kämpften die Menschen mehr, zur Not auch mit dem Ellenbogen. Im Osten sei man „aufgefangener“ gewesen, „man ist geführt worden“. Hier muss jeder allein seinen Weg finden und mancher kommt auch davon ab.

Heike John aber hat ihr Leben in die Hand genommen. „Ich glaube nicht, dass ich diese Karriere im Osten gemacht hätte,“ sagt sie und stellt fest: „Ich habe alles richtig gemacht“ – eine Gewinnerin der Einheit.

Von Kai A. Struthoff

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