HNA-Interview mit Jörn Rüsen, Präsident der Sommerakademie

Der Hamlet kann jeder sein

Bad Hersfeld. Was heißt es, europäisch zu sein? Mit dieser Frage haben sich vergangene Woche 50 Jugendliche aus ganz Europa während der ersten Bad Hersfelder Sommerakademie befasst. Die Akademie bildete den Auftakt des europäischen Jugendaustauschprogramms Europolis 2050, das noch bis zum Jahr 2013 zeitgleich mit den Festspielen stattfindet. Sonja Broy sprach mit Jörn Rüsen, der der Sommerakademie als Präsident vorsteht.

Herr Rüsen, ich bin Mitte 20 und lebe in Bad Hersfeld. Was bedeutet es aus der Sicht eines Historikers für mich, Europäerin zu sein?

Rüsen: Es bedeutet für Sie, in einer Gesellschaft zu leben, in der es ein hohes Maß an rechtlich verbürgter Freiheit gibt. Die Spielräume Ihrer Lebensmöglichkeiten sind viel größer, als in zahlreichen anderen Teilen der Welt.

...und was bedeutet es für meine Großmutter, Europäerin zu sein?

Rüsen: Die europäische Einheit bedeutet für die Großmutter langfristig eine Verbesserung des Lebensstandards. Grund ist der wirtschaftliche wie gesellschaftliche Aufschwung. Außerdem bedeutet das Gebilde Europa für die innere Einstellung der älteren Generation den Abbau von Vorurteilen gegenüber unseren europäischen Nachbarn. In den Franzosen wird wohl kaum noch jemand den dubiosen Nachbarn sehen, so wie das lange Zeit der Fall war. Es hieß immer „die anderen“ oder „der Erbfeind“. Das ist vorbei. Nationalistische Abgrenzungen sind schwächer geworden.

Woran liegt das?

Rüsen: Die europäische Friedensordnung ist in die Mentalität der Menschen übergegangen. Für die jungen Leute ist Frieden so selbstverständlich geworden, dass man ihnen mühsam erklären muss, wie es zu kriegerischen Auseinandersetzungen in Europa kam.

Steckt Europa eigentlich durch die Griechenland-Pleite gerade in der Krise?

Rüsen: Und wie. Aus historischer Sicht steckt Europa aber ständig in der Krise. Ich sehe in der heutigen Krise das, was das Wort ursprünglich bedeutet. Eine Krise ist nämlich der Zustand einer Krankheit, in dem sich entscheidet, ob man stirbt oder gesund wird. Eine Krise soll der Beginn einer Gesundung sein. Wenn wir die Einigung Europas weiter vorantreiben, werden wir auch wieder gesund.

Die Sommerakademie hat sich mit europäischem Theater befasst. Was hat denn Europa mit Theater zu tun?

Rüsen: Das Theater , ist eine europäische Erfindung. Es stammt von den alten Griechen und dann gibt es eine ungebrochene Tradition bis zum „Wilhelm Tell“ in Bad Hersfeld. Die zivile Kultur, in der Menschen ohne Angst ihren Unterschied leben können, ist zuerst auf der Bühne dargestellt worden und wurde erst allmählich in die Wirklichkeit übertragen. Das ist natürlich jetzt abgekürzt gesagt.

Das Theater als Vorläufer der europäischen Einheit?

Rüsen: Vereinfacht gesagt, ja. Im Theater haben sich die Sehnsüchte nach individueller Lebensführung gebildet. Das Theater ist ein Ort der Utopie, in dem alles überboten wird, was das reale Leben begrenzt. Man kann mit der Freiheit spielen, das ist die Kunst des Theaters. Die kann man nutzen, um ein Stück an der Kultur weiterzuarbeiten.

Gibt es ein Theaterstück, das Sie ein Vorzeigestück im Sinne Europas nennen würden?

Rüsen: Das können Sie gerade vor Ort erleben, „Wilhelm Tell“ nämlich. Die Freiheit, von der hier die Rede ist, ist die europäische, auch wenn das Stück ursprünglich in der Schweiz spielt. Und Shakespeare. Shakespeare ist so europäisch, wie Sie ihn haben wollen. Hamlet ist doch nicht nur ein Engländer.

Sein oder nicht sein: Kann denn Hamlet auch ein Bad Hersfelder sein?

Rüsen: Dazu kenne ich die Bad Hersfelder nicht gut genug. Aber diejenigen, die hier die Festspiele organisieren, die haben alle einen kleinen Hamlet in sich. Sonst würden die Aufführungen nicht mehr zu Nachdenklichkeit führen. Die Leute vergessen hier nicht einfach nur für drei Stunden mal alles Bedrückende und Bedrängende, sondern gehen in den Alltag hinein mit dem Gedanken „Da ließe sich doch das ein oder andere zum Besseren verändern.“

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