Anfrage der Zeitung half

Haus von Lkw beschädigt: Kirchheimer kämpfte jahrelang mit der Versicherung

Das Bild zeigt das Streitobjekt, das Fachwerkhaus an der Kirchheimer Hauptstraße.
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Das Streitobjekt: Dieses Haus an der Kirchheimer Hauptstraße war bei einem Unfall beschädigt worden. Über die Reparaturkosten gab es einen jahrelangen Streit mit der Versicherung.

Jahrelang hat eine Familie aus Kirchheim mit der Versicherung gekämpft, nachdem ein Lkw in ihr Haus gekracht war und mehrere Schäden verursacht hatte.

Kirchheim – Es begann mit einem lauten Knall und einem riesigen Schreck. Kurz vor 4 Uhr am Morgen des 11. Oktober 2018 kam ein Transporter in der Kirchheimer Hauptstraße von der Fahrbahn ab und krachte mit hoher Geschwindigkeit in ein Haus. Die Bewohner hatten Glück im Unglück, weil niemand verletzt wurde. Was folgte, war jedoch jahrelanger Ärger.

Bei dem Unfall wurde nicht nur das Fachwerkhaus beschädigt. Auch das Metalltor zum Hof wurde herausgerissen und gegen ein geparktes Auto geschleudert, das dabei ebenfalls lädiert wurde. Öl lief aus und verpestete ein Stück Garten.

Eigentlich ein klarer Fall: Fatima H.*, die in dem Haus wohnt, und ihr Sohn Abdelmalik A. sind völlig unschuldig an dem Schaden, die Versicherung muss zahlen.

Doch so einfach war es dann doch nicht. Noch immer sind nicht alle Schäden repariert, die Familie war zunächst auf Kosten von 17.000 Euro sitzen geblieben.

Grundlegendes Problem: Haus und Hoftor sind alt und haben einen relativ geringen Zeitwert. Der werde durch eine Reparatur mit neuen Materialien gesteigert, so argumentierte die Versicherung zunächst. Aber natürlich konnte das Haus nicht mit dem Loch in der Wand stehen bleiben. Und auch das alte Hoftor kann nicht durch ein ebenso altes ersetzt werden.

Dass die Sache schwierig werden würde, ahnten wohl schon die Polizisten, die damals zur Unfallaufnahme nach Kirchheim gekommen waren. Sie empfahlen dem Geschädigten, sich einen Anwalt zu nehmen, um seine Ansprüche gegenüber der Versicherung geltend zu machen. Das tat A. dann auch.

Wie gewünscht, holte er von Handwerkern Kostenvoranschläge ein und gab die an seinen Anwalt weiter. Als der das Okay gab, beauftragte A. die Firmen mit den Reparaturarbeiten in der sicheren Überzeugung, die Versicherung werde diese Kosten dann auch übernehmen.

Das war aber nicht der Fall. Die Rechnungen summierten sich auf über 26.000 Euro, die Versicherung zahlte lediglich 8950 Euro. Viel zu wenig, um die Firmen für die geleisteten Arbeiten zu bezahlen.

Die Handwerker wurden ungehalten, Mahnungen und schließlich Zahlungsaufforderungen eines Inkassobüros flatterten der Familie ins Haus und sorgten für Druck und schlaflose Nächte.

Schließlich legten alle Familienmitglieder zusammen, um die Forderungen erst einmal bezahlen zu können. Doch natürlich erwarteten die Angehörigen ihr Geld irgendwann wieder zurück, Auch Fatima H.s Ersparnisse fürs Alter waren in die Bezahlung der offenen Rechnungen geflossen, erzählt ihr Sohn.

Die Auseinandersetzungen mit der Versicherung gestalteten sich jahrelang fruchtlos. Der Vorwurf, die Familie wolle sich bereichern und das Haus auf Kosten der Versicherung aufwerten, fand Abdelmalik A. zutiefst empörend und ehrverletzend.

Der Bad Hersfelder Anwalt, den die Familie verpflichtet hatte, kam bei der Auseinandersetzung mit der Versicherung auch nicht weiter. Er sah als letzte Möglichkeit nur noch eine Klage, doch das wollte die Familie A. nicht. Zu groß erschien das Risiko, auch damit zu scheitern. Der Anwalt legte also sein Mandat nieder, weil er nichts mehr tun konnte. Auch ein zweiter Anwalt gab nach einiger Zeit auf. „Das ist so deprimierend. Wir wollen doch nichts anderes, als dass der Schaden behoben wird, den wir nicht verursacht haben“, sagt Abdelmalik A. In seiner Verzweiflung hatte er sich an die Hersfelder Zeitung gewandt und auch dort um Unterstützung gebeten.

Und siehe da, der Anruf unserer Zeitung brachte plötzlich Bewegung in die Sache. Sei es, dass die Anfrage an Menschen in verantwortlicher Position weitergeleitet wurde, die tatsächlich einen Fehler erkannten, sei es, dass die Versicherung schlechte Presse fürchtete – auf jeden Fall kam nach einigen Tagen die erlösende Antwort: „Wir haben den Fall und das Gutachten noch einmal genau geprüft. Dabei sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass uns hier eine Fehleinschätzung unterlaufen ist. Das tut uns leid – die Kollegen aus dem Fachbereich haben sich bereits mit dem neuen Anwalt von Herrn A. und seiner Mutter in Verbindung gesetzt, um eine einvernehmliche Lösung zu erreichen.“

Die volle Summe hat die Familie A. zwar noch nicht erhalten, aber doch den größten Teil davon, insgesamt 16.000 Euro. Abdelmalik A. schüttelt noch immer den Kopf, wenn er seine Geschichte erzählt. Was er aber daraus gelernt hat: Es lohnt sich, hartnäckig zu bleiben und nicht aufzugeben. (Christine Zacharias)

*Die Familie hat darum gebeten, nicht mit vollem Namen genannt zu werden.

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