1. Startseite
  2. Lokales
  3. Rotenburg / Bebra
  4. Heringen

„Abstand halten ist unrealistisch“: Kita-Leiterin berichtet über Auswirkungen von zwei Jahren Corona-Pandemie

Erstellt:

Von: Jan-Christoph Eisenberg

Kommentare

Transparenz an der Tür: Mit Aushängen im Eingangsbereich sowie einer App versuchen Klaudia Wenk-Hoyer, pädagogische Gesamtleiterin der Heringer Kitas, und ihr Team, die Eltern trotz Corona-Beschränkungen ins Geschehen in den Einrichtungen einzubinden.
Transparenz an der Tür: Mit Aushängen im Eingangsbereich sowie einer App versuchen Klaudia Wenk-Hoyer, pädagogische Gesamtleiterin der Heringer Kitas, und ihr Team, die Eltern trotz Corona-Beschränkungen ins Geschehen in den Einrichtungen einzubinden. © Jan-Christoph Eisenberg

Kita-Leiterin Klaudia Wenk-Hoyer spricht im Interivew über die Auswirkungen von zwei Jahren Corona-Pandemie auf Kinder, Eltern und Erzieherinnen.

Zwei Jahre Coronapandemie haben auch in den Kindertagesstätten für tief greifende Veränderungen gesorgt. Über die Auswirkungen auf Kinder, Eltern und Erzieherinnen sprachen wir mit Klaudia Wenk-Hoyer, der pädagogischen Gesamtleiterin der Heringer Betreuungseinrichtungen.

Würden Sie nach zwei Jahren Pandemie Erzieherin noch als ihren Traumberuf bezeichnen?

Ja, das ist nach wie vor eine Herzenssache. Wer diesen Beruf wählt, muss bestimmte charakterliche Voraussetzungen mitbringen. Empathie ist ganz wichtig. Trotz der großen Belastungen und der hohen Ansteckungsgefahr würde ich diesen Beruf wieder ergreifen.

Was war in den vergangenen zwei Jahren die größte Herausforderung?

Der ständige Wechsel der Vorgaben des Ministeriums, die wir kurzfristig umsetzen mussten. Mit der Stadt Heringen hatten wir zum Glück einen ganz tollen Träger an unserer Seite, sodass wir nicht alleine gelassen wurden. Eine Herausforderung war außerdem, die wechselnden Vorgaben den Eltern zu vermitteln.

Haben Sie sich auch von den übergeordneten Stellen und Behörden bei der Umsetzung der Vorgaben ausreichend unterstützt gefühlt?

Die Vorgaben hatten ja grundsätzlich ihre Berechtigung. Stress hat uns vor Ort vor allem der kurzfristige Zeitrahmen für die Umsetzung bereitet.

Sicherheitsabstände und Kontaktbeschränkungen – lässt sich das in der Praxis überhaupt mit der Arbeit in der Kita vereinbaren?

Bei den Vorgaben wurden wir immer mit den Schulen gleichgesetzt. Das ist alles andere als realistisch. Kita- oder Krippenkinder können diese Abstandsregeln nicht einhalten. Wenn ein Kind traurig ist und weint, dann muss es in den Arm genommen und getröstet werden. Da kann man nicht sagen: Stopp, wir müssen Abstand halten.

Wie vermittelt man kleinen Kindern, dass plötzlich alles anders ist und besondere Hygieneregeln gelten?

Kinder haben ein gutes Gespür dafür, wenn die Erwachsenenwelt sich mit Dingen beschäftigt – auch wenn sie es kognitiv noch nicht verstehen. Sie bekommen aber – entsprechend ihres Entwicklungsstandes – immer Teilstücke mit und können sehr gut damit umgehen, wenn man es kindgerecht verpackt. Viele Kinder kamen selbst mit Fragen auf uns zu. Da ist gutes Gespür gefragt, um sie nicht zu überfordern, aber ihre Fragen zu beantworten. Um die Handhygiene zu vermitteln, haben wir spielerische Experimente mit Farbe an den Fingern gemacht. Solche Themen wurden über längere Zeit in den Kinderkonferenzen besprochen.

Wirkt sich das Maskentragen auf die Kommunikation mit den Kindern aus?

Aktuell müssen wir in den Einrichtungen keine Masken tragen und tun das in der Regel auch nicht – außer eine Kollegin oder ein Kollege möchte das zum eigenen Schutz. Kinder brauchen die Mimik und Gestik. Sie können anhand der Stimmlage noch nicht einordnen, ob das Gesagte ironisch, lustig oder ernst gemeint ist. 

Wie war es bei den Eltern um das Verständnis für Auflagen und Einschränkungen bestellt – beispielsweise dafür, dass sie ihr Kind an der Tür abliefern mussten?

Das ist für die Eltern weiterhin eine Herausforderung. Eltern vertrauen uns ihre Kinder an. Tür auf, Kind rein, Tür zu – das ist kein gutes Gefühl für sie. Um Transparenz zu schaffen, haben wir verstärkt am Eingang mit Aktionsfotos dokumentiert, womit sich die Kinder gerade beschäftigen. Dort werden auch der Elternbeirat, der Essensplan und die Coronaregeln präsentiert. Seit Anfang des Jahres nutzen wir eine App, die die Kommunikationsmöglichkeiten noch mal erweitert. Wenn Eltern Sorgen oder Fragen hatten, wurde immer die Bezugserzieherin an die Tür geholt und es gab immer die Möglichkeit für Gesprächstermine.

Hatten Sie Probleme mit Test- oder Impfverweigerern?

Nein, da hatten wir keine Probleme. 

Schon vor der Pandemie wurden Erzieherinnen händeringend gesucht. Hat Corona die Situation weiter verschärft?

Ja. Träger dürfen nicht die Ausbildung aus dem Blick verlieren. Trotz Corona müssen Schulpraktika möglich sein. Auch die weiterführenden Praktika aus den Fachschulen sind wichtig. Ansonsten wird das ohnehin schon große Loch noch größer. Wir stehen in Heringen noch vergleichsweise gut da und uns erreichen verhältnismäßig viele Bewerbungen – allerdings meist nur, wenn die Berufspraktikanten im Sommer ins Arbeitsfeld wechseln. In der restlichen Zeit gibt es keinen Bewerberpool, auf den wir zurückgreifen können.

Derzeit scheinen vor allem Kinder und junge Leute das Virus zu verbreiten. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage ein?

In letzter Zeit nehmen die positiven Selbsttests bei Kindern zu. Wir bieten den Eltern in den Einrichtungen Tests für die Kinder an, die auch gut in Anspruch genommen werden. Das verhindert zwar nicht die Infektion, hilft aber, schnell zu reagieren. Vor einem Jahr mussten die Einrichtungen teilweise noch bis zu zwei Wochen schließen. Jetzt werden die Kinder zwar nach Hause geschickt, können aber bis zum nächsten Tag mit einem zertifizierten Nachweis freigetestet werden. Das war auch dringend nötig und eine Erleichterung für berufstätige Eltern, die sonst große Not haben, die Betreuung ihres Kindes zu gewährleisten.

Wird Corona bei der heutigen Kinder-Generation dauerhafte Spuren hinterlassen?

Gerade am Anfang der Pandemie waren Kinder in ihrem sozialen Umfeld sehr isoliert. Kinder brauchen aber andere Kinder, um sich weiterzuentwickeln und miteinander zu lernen. Den Kindern, die jetzt neu in unsere Einrichtungen kommen, fällt der Start in der Gruppe oft deutlich schwerer als vor Beginn der Pandemie. Wenn die Leichtigkeit in der Erwachsenenwelt fehlt, fehlt sie auch in der Welt der Kinder. Wie stark sich das auf lange Sicht auswirkt, wird sich zeigen. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass diese nicht immer guten Erfahrungen etwas bei den Kindern zurücklassen. 

Interview: Jan-Christoph Eisenberg

Zur Person

Klaudia Wenk-Hoyer (59) hat nach der Ausbildung zunächst in Frankfurt als Erzieherin gearbeitet, bevor sie 1994 die Leitung der kommunalen Kindertagesstätte im Heringer Stadtteil Wölfershausen übernahm. Seit 2008 ist sie außerdem pädagogische Gesamtleiterin aller sechs Kindereinrichtungen der Werrastadt. Klaudia Wenk-Hoyer hat einen erwachsenen Sohn und lebt im Stadtteil Lengers. Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten in der Natur. Außerdem mag sie Musik und besucht gerne Konzerte. 

Auch interessant

Kommentare