„Dem Corona-Frieden traue ich nicht“

Sommerinterview mit Heringens Bürgermeister Daniel Iliev

Wo einst die freie Welt endete: Heringens Bürgermeister Daniel Iliev auf dem Aussichtsturm am Mahnmal Bodesruh, das an die deutsche Teilung erinnert. Von dort blickt man weit hinein nach Thüringen und über die frühere Grenze, im Hintergrund die Kali-Halde.
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Wo einst die freie Welt endete: Heringens Bürgermeister Daniel Iliev auf dem Aussichtsturm am Mahnmal Bodesruh, das an die deutsche Teilung erinnert. Von dort blickt man weit hinein nach Thüringen und über die frühere Grenze, im Hintergrund die Kali-Halde.

Im Sommerinterview spricht Heringens Bürgermeister Daniel Iliev über Politik, Projekte und die Folgen der Pandemie.

Das Mahnmal Bodesruh hat sich Heringens Bürgermeister Daniel Iliev für das HZ-Sommerinterview ausgesucht. Auch 30 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs findet es der 36-Jährige wichtig, die Erinnerung an die Zeit der Teilung wachzuhalten. Mit Daniel Iliev sprach Kai A. Struthoff.

Herr Bürgermeister, wie ist Heringen bislang durch die Corona-Krise gekommen?

Soweit man das überblicken kann, ganz gut. Wir haben zumindest aktuell nichts über Corona-Infektionen in Heringen gehört. Toi, toi, toi, dass das so bleibt. Ich bin auch froh, dass die Inzidenz im Kreis sinkt. Hoffentlich kommen wir auch gut durch die Ferienzeit.

Alle Gemeinden bangen um ihre Steuereinnahmen. Heringen ist besonders von K+S abhängig. Wie werden sich die Finanzen entwickeln?

Wir haben das große Glück, dass unsere großen Betriebe durchproduziert haben. Nicht nur K+S, sondern auch Schwabenhaus und das Müllheizkraftwerk. Das lässt mich vorsichtig optimistisch verbleiben. Natürlich gibt es gerade bei K+S viele externe Einflussfaktoren, aber ich glaube, was Corona anbelangt, kommen wir einigermaßen gut durch.

Was hören Sie von K+S?

Ich bin froh, dass es momentan so ruhig ist. Das hatten wir schon lange nicht im Werratal. Man muss den Hut vor den Kumpeln ziehen, unter welchen schwierigen Bedingungen sie in den letzten Monaten unser „weißes Gold“ produzieren. Davor habe ich großen Respekt. Natürlich stößt die geplante Haldenerweiterung nicht bei allen auf Gegenliebe. Außerdem wünscht sich K+S, höhere Mengen von Salzabwasser in die Werra einleiten zu dürfen. Wie das ausgeht, ist derzeit noch offen. Heringen und das ganze Kali-Revier jedenfalls steht fest zu K+S.

Was hat Corona für die geplanten Projekte in Heringen bedeutet?

Wir haben sehr früh in den städtischen Gremien ein Zeichen gesetzt, und viele der im Haushalt geplanten Investitionen auf den Weg gebracht. Das ist auch dringend nötig – zum Beispiel die Sportplatzsanierung, wir investieren weiterhin eine Million Euro in die Sanierung städtischer Bauten, wir müssen unsere Hausarbeiten aus verschiedenen Sicherheitsbegehungen erledigen. Wir wollen eine starke Wirtschaft vor Ort haben, also müssen wir hier auch weiter investieren.

Das politische Klima im sonst stets ruppigen Heringen scheint mir Corona-bedingt etwas milder geworden zu sein. Täuscht dieser Eindruck?

Spannende Frage. Im Magistrat stimmt das zum Teil. Es wurde versucht, die Corona-Krise für politische Spielchen auszunutzen. Das ist mir übel aufgestoßen. Ein Beispiel: Es wurde kein Widerspruch gegen die Telefonkonferenzen erhoben, die übrigens überall im Kreis so üblich waren. Nach acht Wochen wurden dann aber angebliche Widersprüche bei der Kommunalaufsicht angezeigt. Im schlimmsten Fall hätten wir alle telefonisch gefassten Beschlüsse aufheben müssen, was einen finanziellen Schaden bedeutet hätte. Der Umgang ist aber nicht mehr so konfrontativ, an den Corona-Frieden glaube ich aber noch nicht.

Der Dauerbrenner in Heringen ist die Kraftwerkstraße, die nun geöffnet werden soll. Wie geht das?

Konkret ist noch nichts, aber wir haben starke Verbündete. Hessen Mobil kann sich jetzt eine testweise Öffnung vorstellen, um zu sehen, ob es zum befürchteten Verkehrschaos kommt. Auch K+S und EEW unterstützen uns dabei. Momentan liegt der Ball bei der Deutschen Bahn. Ich hoffe, auf einen Testversuch noch in diesem Jahr.

Die Einkaufsmöglichkeiten in Heringen werden von vielen Bürgern kritisiert, die mangels geeigneter Angebote, lieber nach Wildeck gehen?

Ich habe zunächst mal Respekt vor den Nachbargemeinden, dass die sich vor Jahren so gut aufgestellt haben. Dort war der Wille vorhanden, gemeinsam konstruktiv zu arbeiten. Wegen der vielen Querelen in Heringen haben wir jetzt leider nur noch zwei Einkaufsmöglichkeiten. Es ist schwer, jemanden zurückzuholen, der vergrault wurde. Und wer bereits in zwei umliegenden Gemeinden ansässig ist, wird nicht auch noch in Heringen investieren. Trotzdem sind wir weiterhin in guten Gesprächen und ich bleibe optimistisch. Aber man muss ehrlicherweise sagen, dass uns in zentraler Lage die geeigneten Flächen fehlen.

Das Trinkwasser in Heringen wird knapp. Wie ernst ist die Lage?

Wir leiden unter den klimatischen Bedingungen. Nach zwei Hitzesommern sprudeln unsere Quellen nicht mehr in ausreichendem Maß. Wir sind am Limit, was den Zukauf aus Hersfeld-Rotenburg angeht. Deshalb versuchen wir jetzt, Wasser aus Thüringen einzukaufen. Diese Möglichkeit gab es bis vor 30 Jahren nicht. Diese Chance müssen wir nutzen, um die Trinkwasserversorgung auch für unsere Enkel und Urenkel zu sichern.

Die Corona-Krise hat bei vielen eine große Nachdenklichkeit ausgelöst. Wie ist das bei Ihnen?

Ich bin in Sorge, was das gesellschaftliche politische Klima in Deutschland anbelangt. Gerade hier, an diesem historischen Ort in Bodesruh wird so deutlich, wie es hier vor 30 Jahren noch aussah. Die Ausbreitung von rechtem Gedankengut gibt es auch bei uns in Heringen. Ich sage: Wehret den Anfängen! Wir Demokraten im Werratal müssen aufstehen, um uns rechtsnationalen Tendenzen entgegenzustellen. Ansonsten haben wir Bürgermeister und auch der Landrat uns gar nicht lange mit dem Hinterfragen aufhalten können, sondern unsere Arbeit gemacht. Wir haben Verantwortung übernommen und das Beste daraus gemacht. Sonst wären wir im Landkreis und auch in ganz Deutschland bislang nicht so gut durchgekommen.

Sommerzeit ist auch Urlaubszeit: Wie verbringt der Bürgermeister im Corona-Jahr die Ferien?

Ich werde mit meiner Freundin und einem befreundeten Paar mit dem Hund nach Österreich in eine einsame Hütte fahren, spazieren gehen und etwas abschalten.

Zur Person

Daniel Iliev wurde 1984 in Bad Hersfeld geboren und ist in Heringen aufgewachsen. Nach dem Abitur an der Werratalschule studierte er Politikwissenschaften, Südslawistik, Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Volkswirtschaftslehre an der Friedrich-Schiller-Universität Jena sowie Politikwissenschaften an der Panteion-Universität in Athen. Danach arbeitete er als Referent der SPD-Fraktion im Thüringer Landtag. Iliev ist SPD-Mitglied, trat zur Bürgermeisterwahl aber als unabhängiger Bewerber an. In einer Stichwahl setzte er sich 2016 gegen Amtsinhaber Hans Ries durch. Seine Hobbys sind das Lesen von Kriminalromanen, Fußball, Schreiben und Politik. kai

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