Praxis für Pharmaziestudenten an der Friedrich-Schiller-Universität Jena

Der Heringer Apotheker Stefan Göbel hat ein viel beachtetes Uni-Projekt ins Leben gerufen

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Es geht auch anders: Apotheker Stefan Göbel setzt auf mehr Praxis im Pharmaziestudium.

Heringen. Deutschlandweit in Fachkreisen von sich Reden gemacht hat Stefan Göbel aus Heringen: Der Apotheker hat ein Uni-Projekt für Pharmaziestudenten ins Leben gerufen.

Mit einer Handvoll Ärzten und der Friedrich-Schiller-Universität Jena rief der junge Apotheker ein Projekt ins Leben, über das vor wenigen Wochen sogar die Deutsche Apotheker Zeitung berichtete.

Sie haben ein spannendes Projekt initiiert. Erklären Sie kurz den Hintergrund!

Stefan Göbel: Pharmaziestudenten haben an der Uni relativ wenig mit der Praxis zu tun - das wollte ich ändern. Ich wollte ihnen ermöglichen, wirklich patientenbezogen zu lernen. An der Uni lebt man in einem Elfenbeinturm: Man lernt die verrücktesten Sachen, aber selten, was praktisch relevant ist. Patienten wissen dagegen oft nicht über die Gefahren ihrer Medikation Bescheid. Vor allem bei den freiverkäuflichen Medikamenten werden ganz häufig die Nebenwirkungen unterschätzt, dabei können auch diese in der falschen Medikation richtig viel Schaden anrichten.

Wie genau lief das Projekt ab?

Göbel: Im Frühjahr haben wir 14 Patienten akquiriert, die eine ziemlich „wilde Medikation“ aufwiesen, und sind mit ihnen in einem einstündigen Gespräch all ihre Medikamente durchgegangen, auch die freiverkäuflichen und die Nahrungsergänzungsmittel. 

Diesen Rohdatensatz sowie die Arztdiagnosen und Laborwerten haben sich Pharmaziestudenten des achten Semesters dann sechs Stunden lang angeschaut und analysiert. Danach habe ich die Ergebnisse gemeinsam mit den Hausärzten auseinandergenommen und bewertet und schließlich haben sowohl die Studenten als auch die Patienten ein Feedback erhalten.

Wie ist die Idee entstanden?

Göbel: Ich habe mich an meine eigene Studienzeit erinnert. Wenn man von der Uni kommt, macht man erst einmal haufenweise Fehler. Man berät und berät und weiß noch gar nicht, was wirklich relevant ist - teilweise zerstört man dabei sogar die Therapie des Arztes. Damit zukünftige Apotheker diese Fehler nicht begehen, sollten sie diese Beratung erst einmal in Betreuung machen. Quasi Medikationsmanagement und Patientenberatung mit einem Sicherheitsnetz. Dieses Sicherheitsnetz waren die Hausärzte, eine Mitarbeiterin von der Uni Münster und ich.

Hausärzte ist ein gutes Stichwort. War es schwierig, Kooperationspartner zu finden?

Göbel: Nein, es haben alle gern mitgemacht. Mit dabei waren das komplette Hausarztzentrum Heringen, Dr. Rühlmann und Dr. Wilbrandt. Auch mit den Patienten gab es keine Probleme: Teilweise wurden sie von den Ärzten ermuntert mitzumachen, teilweise haben wir sie in der Apotheke angesprochen.

Sie sprachen anfangs vom Elfenbeinturm, in dem Studenten leben. Ist das in Ihren Augen eine Grundproblematik, ist das Pharmaziestudium zu theorielastig?

Göbel: Welches Studium ist nicht zu theorielastig? Ich glaube, es ist ein Grundproblem für Studenten, dass man das, was man an der Uni lernt, nicht immer in der Praxis umsetzen kann. Man lernt gute Grundlagen, die sicherlich alle wichtig sind, aber der praktische Teil kommt meines Erachtens regelmäßig zu kurz.

Über all das haben Sie auch einen Artikel in der Deutschen Apotheker Zeitung veröffentlicht. Heißt das, dass Ihr Projekt nicht einmalig bleiben soll?

Göbel: Das heißt, dass ich das regelmäßig machen möchte. Wir sind aktuell in den neuen Planungen und ich würde gern auch Medizinstudenten involvieren, sodass durch Teams aus beiden Studentengruppen alles von zwei Seiten betrachtet wird. So können alle voneinander lernen und in Kontakt kommen, denn in Zukunft ist es ganz wichtig, dass interdisziplinär zusammengearbeitet wird.

Das klingt, als seien Sie jemand, der nicht einfach nur „seinen Job macht“, sondern auch weiterdenkt. Haben Sie noch weitere Visionen?

Göbel: Ich versuche immer einen Schritt weiterzudenken, über den Tellerrand hinaus. Das mit den Ärzten ist ein Teil, aber genauso wichtig ist die Einbindung der Pflege, der Pflegedienste und die aktive Patientenaufklärung. Ich denke, dass unser System nur sicherer gemacht wird, wenn wir wirklich alle zusammenarbeiten, denn der Teufel steckt tatsächlich im Detail. Es kann eine einzige nicht geflossene Information sein, die im Endeffekt zur Verkürzung der Lebenszeit, zum vorherigen Tod oder zur Krankenhauseinweisung führt.

Hintergrund: Die Patientenversorgung verbessern

Dass ein Apotheker den kompletten Medikationsplan vorliegen hat und ihn in Zusammenhang mit den ärztlichen Diagnosen bewerten kann, bringt Vorteile für den Patienten. Mögliche negative Interaktionen zwischen Medikamenten können so vermieden werden. Das Uni-Projekt von Stefan Göbel, bei dem Studenten genau diese Beurteilung üben sollen, bewertet der Heringer Hausarzt Dr. Stefan Rühlmann daher positiv.

 „Es gibt eine Menge Schnittstellen zwischen den Apotheken und uns“, sagt er und berichtet von Erfahrungen aus der Praxis: „Viele Patienten bekommen Medikamente bei unterschiedlichen Ärzten und es wird nicht alles immer ordnungsgemäß übermittelt und im aktuellen Medikamentenplan vermerkt.“ Zudem gebe es einen hohen Bereich von Eigenmedikation, in dem ebenfalls eine Menge Interaktionen möglich seien. Apotheker würden dies oft gut überschauen und seien häufig am Puls der Zeit. „Das ist sicherlich noch einmal eine gute Möglichkeit, um die Versorgung der Patienten zu verbessern“, sagt Rühlmann.

Zur Person

Stefan Göbel ist 35 Jahre alt und lebt in Heringen. Anfang 2017 hat er dort die Brücken-Apotheke von seinem Vater übernommen. Zuvor hat er Pharmazie und BWL studiert - Pharmazie bis 2009 an der Universität Jena.

Von Kristina Marth

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