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„Ich bin gelassener geworden“: Hans Ries zieht sich aus der Heringer Stadtpolitik zurück

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Von: Jan-Christoph Eisenberg

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Sein Rückzugsort: Nach seiner Krebserkrankung arbeitet Heringens früherer Bürgermeister Hans Ries inzwischen wieder in der Werkstatt im Keller seines Hauses.
Sein Rückzugsort: Nach seiner Krebserkrankung arbeitet Heringens früherer Bürgermeister Hans Ries inzwischen wieder in der Werkstatt im Keller seines Hauses. © Jan-Christoph Eisenberg

Im Montagsinterview spricht Heringens ehemaliger Bürgermeister Hans Ries über seine Krebserkrankung und seinen Abschied aus der Heringer Stadtpolitik.

Herfa – Er gilt als unkonventionell und streitbar, scheute keinen öffentlich ausgetragenen Konflikt und war dabei berühmt-berüchtigt für seine verbalen Attacken: Heringens ehemaliger Bürgermeister Hans Ries hat polarisiert wie wohl kein zweiter Kommunalpolitiker in der Region.

Nach überstandener Bauchspeicheldrüsenkrebs-Erkrankung will der 66-Jährige nun im September sein Mandat als WGH-Stadtverordneter niederlegen und sich aus der Kommunalpolitik zurückziehen. Jan-Christoph Eisenberg sprach mit ihm über seine Beweggründe.

Meine erste Frage mag wie eine Floskel klingen, ist aber durchaus aufrichtig gemeint: Wie geht es Ihnen?

Super gut. Ich bin erstaunt darüber, dass sich mein Gesundheitszustand so positiv entwickelt hat.

Das klingt erfreulich locker für jemanden, der gerade eine oft tödlich endende Bauchspeicheldrüsenkrebs-Erkrankung überstanden hat.

Ja, das ist so. Ich hatte das große Glück, im Klinikum in Bad Hersfeld – wohl gemerkt als Kassenpatient – in ausgesprochen gute und fachliche Hände geraten zu sein. Was dort geleistet wurde, ist einfach unglaublich und die Mitarbeiter dort haben mir sehr viel Mut gemacht.

Wann haben Sie die Diagnose erhalten und was hat Ihnen geholfen, nicht die Zuversicht zu verlieren?

Das war am 8. August letzten Jahres. Dr. Vogel (Chefarzt für Allgemein-, Viszeral- und Minimalinvasive Chirurgie am Klinikum Bad Hersfeld, Anm. d. Red.) hat mir die Erkrankung ganz hervorragend erklärt – so, wie man jemandem einen Eingriff an einer Heizungsanlage erklären würde. Ähnlich muss man sich eine solche Tumor-Operation ja auch vorstellen. Er sagte noch: Das kriegen wir alles hin. Danach war ich völlig beruhigt und hatte keine Sekunde Angst.

Wie haben Sie die zurückliegenden Monate und die Behandlung erlebt?

Trotz der ernsten Erkrankung habe ich noch nie so viel gelacht und war noch nie so fröhlich wie in dieser Zeit. Sowohl im Klinikum in Bad Hersfeld als auch im Rotenburger Krankenhaus, wo ich nach kleinen Komplikationen behandelt wurde, kann ich Ärzte und Pfleger nur loben.

Ist das zugleich ein kommunalpolitischer Appell für den Erhalt der heimischen Kliniklandschaft?

Absolut. Bei aller Kritik an den baulichen Zuständen, die die Politik und nicht die Ärzte und das Pflegepersonal verursacht haben, kann ich nur appellieren: Haltet diese Einrichtungen aufrecht und wertschätzt sie auch.

Verändert eine solche Krankheit den eigenen Blick aufs große Ganze?

Ja, natürlich. Ich bin gelassener geworden und genieße den Moment mehr, als ich das vorher gemacht habe. Früher war ich manchmal doch sehr in meiner Arbeit verstrickt. Das ist jetzt nicht mehr so.

Ist das auch der Grund, warum Sie sich jetzt aus der Stadtpolitik zurückziehen?

Ein paar kleine Einschränkungen gibt es durch die Krankheit doch: Ich habe durch die Chemotherapie kein Gefühl mehr in den Fußspitzen. Das Gleiche trifft auf die Hände zu. Das heißt, ich habe kein Fingerspitzengefühl mehr, das mir früher in der Stadtpolitik so absolut eigen war. (lacht heftig) Im Ernst: Inklusive Gewerkschaftsarbeit mache ich jetzt 50 Jahre Politik. Irgendwann ist es auch einmal gut und es beginnt ein neuer Lebensabschnitt.

Würden Sie rückblickend den Weg in die Kommunalpolitik noch einmal genauso gehen?

Natürlich, klar. Vielleicht würde ich heute nicht mehr bei den Grünen anfangen. Aber die Kommunalpolitik hat mir immer Spaß und Freude gemacht.

Aber vermutlich würden Sie in der einen oder anderen Auseinandersetzung heute abgeklärter reagieren?

Inwiefern die Krankheit dazu beigetragen hat, weiß ich nicht. Ich glaube, man wird mit dem Alter ohnehin etwas nachsichtiger.

Während Ihrer krankheitsbedingten Abwesenheit wirkte die WGH zuweilen orientierungslos. Wie geht es mit der Fraktion ohne die Leitfigur Hans Ries weiter?

Die WGH wird ihren Weg finden und mit Sicherheit auch andere Schwerpunkte setzen, als zu meiner Zeit. Das muss die Führung um die neue Vorsitzende Ute Marhold aber ohne mich ausmachen. Wobei ich natürlich Mitglied der WGH bleiben werde und vielleicht auch noch den einen oder anderen Rat geben kann.

Wir kennen Sie als politischen und meinungsstarken Menschen. Ziehen Sie sich komplett ins Privatleben zurück – oder werden Sie sich gelegentlich von der Seitenlinie aus zu Wort melden?

Selbstverständlich werde ich mich von der Seitenlinie aus zu Wort melden! Mit dem einen oder anderen Leserbrief von mir wird die Zeitung also rechnen müssen. (lacht)

Welche Pläne haben Sie für die Zeit nach der Stadtpolitik?

Meine Frau und ich haben noch einmal in unsere Immobilien investiert und werden das auch weiterhin tun. Ich habe eine kleine Werkstatt im Keller, in der ich schon wieder die ersten Schweißnähte gezogen, an der Fräsmaschine und an der Drehbank gestanden habe – trotz fehlendem Gefühl in den Händen. Uhrmacher kann ich zwar nicht mehr werden, aber ansonsten kann ich mich handwerklich noch richtig austoben.

Zur Person

Hans Ries (66) ist gebürtiger Heringer und war bei der Firma Siemens in Bad Hersfeld Elektroniker und Betriebsrat. Danach arbeitete er für die IG Metall und die IG Bau, als Unternehmensberater sowie als Berater in Arbeitssachen für Beschäftigte und baute eigenhändig eine Wohnanlage in seiner Heimatstadt. Im Jahr 2000 wurde er erster Verdi-Sekretär in Deutschland. 2004 setzte Ries sich in der Bürgermeister-Stichwahl als Kandidat der Wählergruppe Gemeinschaftsliste Heringen (WGH) gegen Manfred Knoch (SPD) durch. Nach zwei Wahlperioden unterlag er 2016 in einer Stichwahl dem heutigen Rathauschef Daniel Iliev (SPD). Nach Ende seiner Amtszeit rückte Hans Ries als ehrenamtlicher Stadtrat in den Magistrat nach. Seit der Kommunalwahl im vergangenen Jahr war er Stadtverordneter und Vorsitzender der WGH-Fraktion im Stadtparlament. Der 66-Jährige ist verheiratet und lebt in Herfa. Zu seinen Hobbys zählen Lesen, die Arbeit in seiner Metallwerkstatt und die Herstellung von Fruchtweinen. Das Motorradfahren hat er krankheitsbedingt aufgegeben.

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