Heringen fürchtet Ostkreis-Schwächung

Landesentwicklungsplan geändert: Wildecks Wege führen nach Bebra

Blick von oben auf die Stadt Heringen.
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Wirtschaftliches Zentrum im Werratal: Die Stadt Heringen hat durch die Änderung des Landesentwicklungsplans zwei ihr bisher zugeordnete Gemeinden verloren.

Die Gemeinde Wildeck ist in Zukunft nicht mehr dem Mittelzentrum Heringen, sondern dem Mittelzentrum Bebra zugeordnet. Das ist eine der Änderungen im hessischen Landesentwicklungsplan.

Wildeck/Heringen - Der Landtag in Wiesbaden hatte im vergangenen Herbst grünes Licht gegeben. Das klingt nach einer trockenen behördlichen Festlegung, hat aber sehr konkrete Folgen im Alltag für die Kommunen. Dabei geht es zum Beispiel um die Ansiedlung von Geschäften oder Arztpraxen.

Wildecks Bürgermeister Alexander Wirth begrüßt diese Entscheidung ausdrücklich. Der Rathauschef hatte sich vehement für eine Zuordnung zu Bebra eingesetzt.

„Entscheidung von damals ist ein Rätsel“

„Die Entscheidung, die Kommune Heringen zuzurechnen, ist zu Zeiten der innerdeutschen Grenze gefallen“, sagte Wirth. Man habe damals dem Ostkreis wohl etwas Gutes tun wollen. „Für mich ist die Entscheidung von damals ein Rätsel.“ Es sei damals schon wegen der Grenze verkehrstechnisch schwierig gewesen, überhaupt nach Heringen zu kommen. Die Wildecker seien schon früher in Richtung Bebra orientiert gewesen. „Die Wege der Wildecker führten stets in Richtung Bebra – sowohl schulisch als auch zum Einkaufen“, sagte Wirth.

Alexander Wirth, Bürgermeister von Wildeck

Zudem kooperieren seit 2015 Bebra, Rotenburg, Alheim, Ronshausen, Cornberg und Wildeck in einer ZuBRA30+ betitelten interkommunalen Zusammenarbeit. Zuvor hatten die drei erstgenannten schon knapp zehn Jahre lang gemeinsame Projekte gestemmt. Mit dieser Zusammenarbeit ist fast der gesamte Kreisteil Rotenburg abgedeckt – nur Nentershausen ist nicht dabei. Eine interkommunale Verbindung zwischen Heringen und Wildeck gab es nicht.

Heringen hatte Wildeck auch bei der Ansiedlung von Gewerbe immer wieder dazwischengefunkt. So wollte die Stadt beispielsweise die Ansiedlung eines Drogeriemarktes in Obersuhl verhindern. Wildeck hat sich durchgesetzt. „Ich bin mir sicher, dass das mit Bebra als Mittelzentrum deutlich leichter wird und uns keine Steine mehr in den Weg gelegt werden“, betonte Wirth.

„Wildeck hat in Zukunft mit dem Anschluss an Bebra bessere Möglichkeiten, sich zu entwickeln. Und wir selbst können mit unserer starken Infrastruktur punkten“, sagte Wirth. So bedeute die Autobahn 4 zum Beispiel zwar viel Verkehr, sie sei aber eine Lebensader, die durch Wildeck hindurchgehe. Auch wegen der Autobahn siedle sich Gewerbe an. Auch als Wohnstandort sei Wildeck durch die Autobahn attraktiv. Außerdem könne die Gemeinde mit den schulischen Angeboten und vielem anderen punkten.

Nach dem es corona-bedingt um die ZuBRA30+ ruhig geworden ist, ist Bürgermeister Wirth einer derjenigen, die die Zusammenarbeit jetzt wieder mit Leben erfüllen wollen. Digitalisierung sei da ein wichtiges Thema. Wildecks Rathauschef kann sich sogar vorstellen, ein gemeinsames Gewerbegebiet zu entwickeln. „Wir sind die einzige Kommune in der ZuBRA, die einen Autobahnanschluss hat“, sagte er. Auch Nentershausen, das bislang zu Sontra gehörte und jetzt ebenfalls dem Mittelzentrum Bebra zugeordnet wurde, sei herzlich zur Zusammenarbeit bei ZuBRA30+ eingeladen, betonte Wirth.

Daniel Iliev, Bürgermeister von Heringen

Die Stadt Heringen hat mit der Änderung des Landesentwicklungsplans nicht nur die Gemeinde Wildeck an Bebra verloren, sondern auch die Gemeinde Hohenroda an die Kreisstadt Bad Hersfeld. Neben dem eigenen Stadtgebiet wird dem Mittelzentrum damit nur noch die Marktgemeinde Philippsthal zugerechnet. Bürgermeister Daniel Iliev (SPD) spricht deshalb von einem „Rückschlag“ für die Stadt, gleichwohl gelte es, die demokratisch getroffene Entscheidung zur Änderung des Landesentwicklungsplans zu akzeptieren.

Überörtliche Strukturen erhalten

Im Vorfeld hatte der Rathauschef davor gewarnt, dass Heringen durch die Neuzuordnung seinen Status als Mittelzentrum verlieren und in der Folge der gesamte Ostkreis geschwächt werden könnte. Er sei froh über das Bekenntnis der Landesregierung zum Erhalt der Mittelzentren und zur Stärkung des ländlichen Raums. „Das werden wir beim Wort nehmen“, kündigt Iliev an. Skepsis bleibe jedoch: „Der ländliche Raum wird langfristig nicht gestärkt, indem man Kommunen von kleinen Mittelzentren abzieht und sie ohnehin schon starken Städten zuordnet“, ist der Bürgermeister überzeugt. Umso wichtiger sei es jetzt für Heringen, bis zur nächsten Landesentwicklungsplanänderung alles daran zu setzen, die überörtlichen Versorgungsstrukturen, Bildungsangebote und Arbeitsplätze zu erhalten. Neben den kurzen Wegen wären für den Bürgermeister vor allem der Kalibergbau und die damit verbundenen Arbeitsplätze als verbindendes Element und wirtschaftlicher Motor der Region ein Argument gewesen, die bisherige Gemeinde-Zuordnung beizubehalten. (René Dupont und Jan-Christoph Eisenberg)

Landesentwicklungsplan regelt die Daseinsvorsorge 

Der vom hessischen Wirtschaftsministerium erstellte Landesentwicklungsplan legt die angestrebte Entwicklung der wichtigsten landespolitischen Planungsbereiche fest. Er soll unter anderem Daseinsvorsorge und die Siedlungsentwicklung regeln. Im Plan werden Städte und Gemeinden in Oberzentren, Mittelzentren und Grundzentren eingeteilt. Während Grundzentrun der Deckung des kurzfristigen beziehungsweise täglichen Bedarfs dienen, verfügen Mittelzentren auch über Einrichtungen des mittelfristigen beziehungsweise gehobenen Bedarfs. Darunter fallen beispielsweise Fachärzte, Verwaltungen und Behörden sowie Kultur-, Sport- und Bildungsangebote, die auch von der Bevölkerung benachbarter Grundzentren genutzt werden. Es geht dabei im Wesentlichen um die regionale Versorgung. Oberzentren dienen hingegen auch der überregionalen Versorgung des sogenannten langfristigen oder spezialisierten Bedarfs. Dazu zählen Warenhäuser, Spezialgeschäfte, Fachkliniken, Theater, Museen, Hochschulen sowie Regionalbehörden. Die nächstgelegenen Oberzentren in der Region sind Kassel und Fulda. Bad Hersfeld gilt als Mittelzentrum mit Teilfunktionen eines Oberzentrums. (jce)

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