Blick über den Tellerrand

Runder Tisch lotet Möglichkeiten für Werrabahn-Reaktivierung aus

Das Bild zeigt die Bahnverbindung zwischen Korbach und Frankenberg im Kreis Waldeck-Frankenberg. Unser Archivbild vom Eröffnungstag entstand in der Nähe des Nationalparkbahnhofs Herzhausen am Edersee.
+
Mögliches Vorbild fürs Werratal: Zwischen Korbach und Frankenberg im Kreis Waldeck-Frankenberg rollen seit September 2015 wieder Personenzüge. Unser Archivbild vom Eröffnungstag entstand in der Nähe des Nationalparkbahnhofs Herzhausen am Edersee.

Rund 40 Experten aus verschiedenen Bereichen und Regionen haben jetzt bei einem Runden Tisch in Heringen die Möglichkeiten für eine Reaktivierung der Werrabahn erörtert.

Heringen – Für die möglichen Wiederaufnahme des Personenzugverkehrs durchs Werratal von Bad Salzungen nach Gerstungen samt Lückenschluss zwischen Vacha und Philippsthal wollen die Anrainer von den Erfahrungen bei anderen Strecken-Reaktivierungen profitieren.

Bei der jüngsten Zusammenkunft des Runden Tischs Werra-Bahn im Heringer Bürgerhaus blickten die rund 40 Teilnehmer – Vertreter von Anrainerkommunen, Wirtschafts-, Fahrgast- und Bahnverbänden, sowie Unternehmen und Landtagsabgeordnete aus Hessen und Thüringen – deshalb zunächst über den Tellerrand.

So stellte Christoph Funke, Leiter des Bereichs Infrastruktur im Nordhessischen Verkehrsverbund (NVV), die erfolgreiche Reaktivierung der Strecke Korbach-Frankenberg (Landkreis-Waldeck-Frankenberg) vor. Seit September 2015 verkehren auf der 1987 stillgelegten, rund 30 Kilometer langen Verbindung, wieder Personenzüge.

Die Baukosten für die umfangreiche Sanierung beziehungsweise den Neubau von Gleisen, 27 Brücken, zwei Tunnel, sechs Haltepunkten, eines Kreuzungsbahnhofs sowie Zugfunk, Sicherungs- und Signaltechnik bezifferte Funke auf rund 25,5 Millionen Euro. 75 Prozent wurden dabei vom Land Hessen, 20 Prozent vom Landkreis und fünf Prozent vom Streckenbetreiber Kurhessenbahn getragen. Etwa acht bis zehn Jahre dauere es erfahrungsgemäß von der ersten Idee bis zur Umsetzung, erklärte der NVV-Infrastrukturleiter, der als mögliche Hürden vor allem lange Genehmigungsverfahren für Neubauten benannte.

An einem Strang ziehen und die Einwohner behutsam mitnehmen – diesen Rat gab Björn Cukrowski, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Coburg. Seit den 1990er Jahren bemühen sich vor allem Wirtschaftsverbände um einen Lückenschluss der einst für den Güterverkehr bedeutsamen Nebenstrecke vom thüringischen Eisfeld ins oberfränkische Coburg. Diese war, wie auch die Verbindung Bad Salzungen-Gerstungen, durch die innerdeutsche Grenze zerschnitten worden. Für Vorbehalte gegen das Vorhaben habe auf bayerischer Seite die Angst gesorgt, dass auf dem Bahndamm errichtete Häuser abgerissen werden müssen. Das wiederum habe die Staatsregierung in München dazu veranlasst, den Lückenschluss mit dem Hinweis „werdet euch erst mal untereinander einig“ auf die lange Bank zu schieben, berichtete Cukrowski.

Einer der nächsten Schritte zum Verkehr zwischen Bad Salzungen und Gerstungen müsste eine zweistufige Machbarkeitsstudie sein, deren Kosten Hermann-Josef Hohmann, Fachbereichsleiter für Wirtschaft, Entwicklung und Kultur bei der Stadt Heringen, auf voraussichtlich rund 200 000 Euro bezifferte. Hohman hofft dafür unter anderem auf frei werdende Fördermittel nicht verwirklichter Projekte aus dem Werra-Ulster-Weser-Fonds.

Die Expertise des Nordhessischen Verkehrsverbundes für eine solche Untersuchung bot dessen Geschäftsführer Steffen Müller an. Auch Kai Georg Bachmann, Geschäftsführer des Regionalmanagements Nordhessen, appellierte, „auf die Kompetenz in der Region“ zu bauen. Allerdings gab Heringens Bürgermeister Daniel Iliev zu bedenken, dass nur Philippsthal und Heringen zum NVV-Gebiet gehören und auch die thüringischen Anrainer entsprechend repräsentiert werden müssten.

Steffen Müller verdeutlichte zudem, dass auch der umfangreiche Güterverkehr zwischen Gerstungen und den K+S-Standorten in die Planungen einbezogen werden müsse. Zu einem schlüssigen Verkehrskonzept fürs Werratal gehöre zudem eine Anbindung an die Kreisstadt Bad Hersfeld. Der Abbau und vor allem die Entwidmung des Abschnitts der ehemaligen Hersfelder Kreisbahn zwischen Bad Hersfeld und Schenklengsfeld seien daher rückblickend keine guten Entscheidungen gewesen, merkte der NVV-Geschäftsführer an.

Details zur Werrabahn-Reaktivierung wird künftig in kleinerem Rahmen eine ständige Arbeitsgruppe klären und den Runden Tisch regelmäßig über den Sachstand unterrichten. Auf diese Weise soll auch die Idee von Patrick Rehn von der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) präzisiert werden, mit einem Triebwagen eine Demonstrationsfahrt zu unternehmen.

In einem Punkt waren sich die Referenten einig: Die politischen Rahmenbedingungen für die Reaktivierung seien aktuell mit Blick auf Klimawandel und Verkehrswende günstig wie nie zuvor. (Jan-Christoph Eisenberg)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.