Bergaufsicht weiß weder „was genau gebrannt hat noch warum“

Es kokelt in der Giftmüll-Grube: Schwelbrand auch nach Wochen nicht gelöscht

Fässer und Container: Mitarbeiter der Giftmülldeponie Herfa-Neurode im Untertagelager (Aufnahme von 2008). Archivfoto:  dpa

„Grubenwehr löscht Schwelbrand“ - die Nachricht, mit der der Kasseler K+S-Konzern am 20. Oktober kokelnden Giftmüll in der Untertagedeponie Herfa-Neurode meldete, war voreilig.

Gelöscht ist nahe Heringen (Kreis Hersfeld-Rotenburg) auch sieben Wochen später nichts. Und die Bergaufsicht des Regierungspräsidiums weiß weder „was genau gebrannt hat noch warum“. Laut K+S schwelen „feste Abfälle, überwiegend aus der metallverarbeitenden Industrie“. Zu Mengen werden keine Angaben gemacht. Die Sonderabfall-Säcke liegen immer noch in einer hermetisch verschlossenen Kammer der alten Kaligrube. Sauerstoffentzug soll die Glut ersticken.

Dioxinverseuchte Ruinenreste von Kupferhütten, 2400 Tonnen extrem quecksilberbelasteter Erde einer Kunstfaserfabrik an der Schweizer Grenze, 20.700 Fässer cyanidhaltiger Härtereisalze aus einem alten Schacht in Sachsen-Anhalt, das toxische Erbe des DDR-Chemiestandorts Bitterfeld, Kieselrot von hessischen Sportplätzen: Giftige Altlasten der Industriegesellschaft finden seit 1972 in der weltweit ersten und zugleich größten Untertagedeponie ihrer Art zwischen Bad Hersfeld und Eisenach eine letzte Ruhestätte.

Drei Millionen Tonnen

700 Meter tief, in ausgebeuteten Kaliabbauen wächst auf einer Fläche von mehreren Tausend Fußballfeldern ein Sortiment von bislang drei Millionen Tonnen brisanter Stoffe heran, für deren Lagerung die K+S-Tochter Entsorgung GmbH einen Langzeitsicherheitsnachweis über 10.000 Jahre berechnet hat. Was hier unten landet, soll nie mehr nach oben, sondern irgendwann im langsam zusammensackenden Steinsalz für ewig begraben sein. Falls nicht Recycling profitabel wird: Dann dürfen, wie vor Jahren, etwa PCB-verseuchte Transformatoren wieder zurück.

Probengläser ins Archiv

Was neu ankommt, per Lkw oder Bahn, wird oben penibel kontrolliert, in Fässer, Container oder Big Packs gefüllt, rauscht im Schacht nach unten, um dort per Tieflader seinen Platz zu erreichen – sortiert in 13 Stoffgruppen. Von jeder Fracht wandert ein Probenglas ins Archiv – man will ja wissen, was wo steht.

Zur Einlagerung erlaubt ist hier viel, verboten sind radioaktive Stoffe, Flüssigkeiten, alles was im Lager explodieren könnte oder leicht entzündlich ist. Aktenkundig sind bei der Bergaufsicht bislang vier Brände in den Jahren 1983, 1997 und 2015. Zwei mit ungeklärter Ursache, gelöscht spätestens nach fünf Tagen. Oder sofort mit einem Eimer Wasser, als vergangenes Jahr im Papierkorb eines Steigerbüros eine Zigarettenkippe brannte.

Was in der Kammer mit kokelndem Giftmüll abläuft, sollen Temperaturmess-Sonden erkunden. Bislang müssen die Schotten dichtbleiben.

Und nun? K+S plane „den Brand auf andere Art und Weise zu bekämpfen. Da von der Brandstelle keine Gefahr ausgeht, besteht kein Zeitdruck“, heißt es von der Bergaufsicht beim RP. Einstweilen würden „ähnliche Gebinde, die derzeit angenommen werden, auch noch unter Tage regelmäßig auf Wärmeentwicklung untersucht“.

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