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Seit 50 Jahren wird in Herfa-Neurode Giftmüll eingelagert

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Von: Jan-Christoph Eisenberg

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Ein Gabelstapler lagert Fässer mit sauren Abfällen aus der Bodensanierung in eine Deponiekammer ein.
Die letzten Meter bis zum Bestimmungsort: Ein Gabelstapler lagert Fässer mit sauren Abfällen aus der Bodensanierung in eine Deponiekammer ein. © Jan-Christoph Eisenberg

Vor 50 Jahren wurden die ersten giftigen Abfälle in die Kaligrube Wintershall gebracht. Die Untertagedeponie Herfa-Neurode ist weltweit die größte und älteste ihrer Art.

Heringen – Cyanid, Quecksilber, Asbest oder Arsen – rund 750 Meter unter der Erdoberfläche finden in der Untertagedeponie Herfa-Neurode seit 50 Jahren die gefährlichen, teils hochgiftigen Hinterlassenschaften der Industriegesellschaft ihre letzte Ruhestätte. Was hierher gebracht wird, soll nie wieder ans Tageslicht gelangen.

Am 21. Juni 1972 hatte das Bergamt Bad Hersfeld die Deponie als weltweit erste ihrer Art genehmigt. Knapp 3,5 Millionen Tonnen gefährlicher Stoffe seien seither eingelagert worden, berichten Deponieleiter Arnd Schneider und Dr. Martin Brown, Geschäftsführer der Firma Reks, die als gemeinsame Tochterfirma des Bergbauunternehmens K+S und des Entsorgungskonzerns Remondis mit einem Jahresumsatz von 100 Millionen Euro die Vermarktung der Deponie-Kapazitäten übernimmt.

Bis zu 70.000 Tonnen Abfall pro Jahr

Bis zu 500 Tonnen Abfall werden werktags in der Frühschicht per Lkw angeliefert – in der jüngeren Vergangenheit meist 60 000 bis 70 000 Tonnen pro Jahr. Es habe aber auch schon Zeiten gegeben, in denen die 71 Mitarbeiter deutlich mehr als 100 000 Tonnen unter die Erde brachten. Der stillgelegte Teil der Kaligrube ist damit nicht nur die älteste, sondern auch die größte Untertagedeponie der Welt – und eine von nur vier Anlagen der höchsten Deponie-Klasse IV in Deutschland, bei der für Abfälle keine Grenzwerte gelten. Mitunter ist deshalb auch von Herfa-Neurode als giftigstem Ort der Welt die Rede. Beim Betreiber K+S stößt diese Bezeichnung nur auf wenig Gegenliebe – schließlich würden keine Schadstoffe in Reinform, sondern mit den Giften kontaminierte Abfälle eingelagert argumentieren die Verantwortlichen. Dabei handele es sich etwa um Reste aus der Industrieproduktion, mit Schwermetallen belastete Böden, asbesthaltigen Bauschutt oder Filterstäube. „Seit ein paar Jahren werden zunehmend künstliche Mineralfasern wie Glas-, Stein- und Mineralwolle eingelagert, die im Verdacht stehen krebseregend zu sein“, erklärt Deponieleiter Arnd Schneider. 60 Prozent der Abfälle kommen laut K+S aus Deutschland, 40 Prozent aus dem europäischen Ausland und weit unter einem Prozent aus anderen Ländern.

Für die Entsorgung gelte ein striktes Sicherheitskonzept, betonen die Verantwortlichen: Eingelagert werde getrennt nach zwölf Stoffgruppen. Radioaktiver, flüssige, gasbildende oder biologisch abbaubare Stoffe dürfen nicht ins Bergwerk.

Von jeder eintreffenden Lieferung ziehen Mitarbeiter zunächst mehrere Stichproben, die im benachbarten Labor analysiert werden. Erst danach werde der Abfall in die Grube gebracht. Dass der Inhalt der Fässer, Big-Bags, Gitterboxen oder Stahlblech-Containern nicht der Deklaration entspricht, komme nur ein bis zweimal pro Jahr vor, sagt Schneider – meist bei kontaminierten Böden, deren Zusammensetzung auf der Fläche oft stark variiere.

„Gedächtnis“ in 120.000 Schraubgläsern

Das Gedächtnis der Deponie: 120 000 Gläser mit Abfall-Proben lagern unterirdisch in Regalen.
Das Gedächtnis der Deponie: 120 000 Gläser mit Abfall-Proben lagern unterirdisch in Regalen. © Jan-Christoph Eisenberg

Unter die Erde gelangen die Transportbehältnisse durch den Schacht Herfa im Förderkorb – eine Art Aufzug, der zum Schichtwechsel auch die Bergleute befördert. Per Tieflader geht es durch die Dunkelheit des Bergwerks weiter zum Bestimmungsort – durch Ziegelmauer und Brandschutztor abgetrennte Deponiekammern, in denen ein Gabelstapler die Behältnisse aufstapelt. Was in welcher Kammer lagert, sei lückenlos nachvollziehbar. Im „Gedächtnis“ der Deponie, den unterirdischen Probenräumen, reihen sich Regale mit 120 000 Schraubgläsern aneinander – gefüllt mit jeweils einigen Gramm Stoffe, die seit 1972 angeliefert wurden. Wie viele noch hinzukommen werden, ist derzeit nicht absehbar. Am Platz scheitert es jedenfalls nicht: Die 18 Quadratkilometer Deponiefläche sind nur zum Teil mit Abfällen belegt. Von den Hohlräumen des gesamten Bergwerks, die in etwa der Fläche der Stadt München entsprechen, entfallen nur etwa vier Prozent auf das rund 2000 Fußballfelder große Sondermülllager. Reks-Geschäftsführer Martin Brown gibt allerdings zu bedenken, dass die Deponie – von den Schächten bis zur Energieversorgung – die Infrastruktur des Bergwerks nutzte. Ob die Abfallentsorgung noch wirtschaftlich sei, wenn die Kalivorkommen in den 2060er Jahren erschöpft ist, lasse sich derzeit nicht absehen.

„Langzeitsicher“ und „nachsorgefrei“ – mit diesen Schlagworten wirbt K+S für die Entsorgung unter Tage. Alle vier Jahre müsse das Unternehmen der Aufsichtsbehörde nachweisen, dass die Deponie für die nächsten 100 000 Jahre sicher ist, sagt Konzernsprecher Marcus Janz. Kritiker ziehen in Zweifel, dass tragfähige Prognosen für diesen langen Zeitraum überhaupt möglich sind und befürchten, dass irgendwann Wasser eindringen könnte.

Deponieleiter Arnd Schneider hält dagegen, dass natürliche und künstliche Barrieren genau das verhindern sollen. Dazu zähle vor allem die Geologie die Salzlagerstätte selbst: Die Deponie befinde sich in einer 300 Meter dicken, 250 Millionen Jahre alten Steinsalzlage. Eine 100 Meter dicke Tonschicht darüber halte das Grundwasser fern. Fertig befüllte Kammern würden mit einer Backsteinmauer abgetrennt, das das Deponiefeld am Ende mit Salzwällen und Beton gesichert, zum Abschluss irgendwann auch die Schächte verfüllt. Weil sich die Hohlräume gleichmäßig um wenige Millimeter pro Jahr setzen, werde das Salz die Abfälle in etwa 150 Jahren komplett umschlossen haben – und so die giftigen Altlasten der Industriegesellschaft dauerhaft aus der Biosphäre fernhalten.

Vorerst lasse sich der Abfall bei Bedarf aber noch zurückholen: Weil hohe Rohstoffpreise das Recycling profitabel machten, wurden vor einigen Jahren beispielsweise PCB-belastete Transformatoren zurück ans Tageslicht gebracht. (Jan-Christoph Eisenberg)

Sieben Brände ist 50 Jahren

Beim Regierungspräsidium Kassel (RP) als zuständiger Aufsichtsbehörde sind seit der Eröffnung im Jahr 1972 insgesamt sieben Brände in der Untertage-Deponie Herfa-Neurode aktenkundig. Eine weggeworfene Zigarettenkippe war vermutlich die Ursache für den ersten Brand im Jahr 1986 – mittlerweile herrscht in der Deponie seit Jahrzehnten absolutes Rauchverbot. Eine Zigarette setzte wohl im Jahr 2002 auch den Papierkorb in einem untertägigen Büroraum in Brand, der mit einem Eimer Wasser jedoch schnell gelöscht war. 1997 waren hingegen die Grubenwehren gefordert: Durch nicht deklarierte Fremdstoffe wie Kupfer und Verpackungsmaterialien sowie Restgehalte an Oxidationsmitteln entzündete sich im März und Mai dieses Jahres Abfall selbst. K+S hat daraufhin das Brandschutzkonzept überarbeitet: Die Abfälle werden seither in deutlich kleineren, maximal 60 mal 40 Meter großen Kammern eingelagert, die zunächst mit Brandschutztoren versehen und danach mit Ziegelmauern verschlossen werden. Diese kleineren, mit Sensoren versehenen Einheiten sollen es ermöglichen, Brände schneller zu lokalisieren und durch luftdichte Abschottung zu ersticken. Dieses Prinzip hat sich laut K+S bewährt und wurde auch bei den beiden jüngsten Schwelbränden angewendet: Im Oktober 2016 waren laut RP in einem Abfallbehältnis offenbar in begrenzten Maße Materialien enthalten, die sich erwärmten und dabei wahrscheinlich die Holzpaletten unter den Big-Bags entzündeten und mehrere Wochen lang in der abgeschotteten Kammer schwelten. Ungeklärt ist die Ursache eines Schwelbrandes im Februar 2019: Aus Sicherheitsgründen war die betroffene Deponiekammer laut RP nicht mehr zu betreten. Nach dem Erlöschen des Brandes sei die Brandstelle deshalb luftdicht verschlossen worden. (jce)

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