Skrupelloser Dieb am Werk

Heringen: Trauerkarte mit Geld kam niemals an

Das Bild zeigt Silvia Nieding (rechts) die eine Briefkarte in der Hand hält. Links Anne Möller aus Nentershausen, die vergeblich Trauerpost verschickt hat.
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Erst geklaut, dann geklebt: In einer von nur drei Trauerkarten, die überhaupt bei Silvia Nieding (rechts) in Wölfershausen angekommen sind, fehlt das verschickte Geld. Der dreiste Dieb hatte den Umschlag nach dem Öffnen mit Klebestift wieder verschlossen. Links Anne Möller aus Nentershausen, die vergeblich Trauerpost verschickt hat.

Zuspruch für Trauernde per Post - das klappt nicht immer. Silvia Nieding aus dem Heringer Ortsteil Wölfershausen musste das jetzt leidvoll erfahren.

Wolfershausen/Nentershausen - Ein schlimmer Tiefschlag ist für die 49-jährige Silvia Nieding aus Wölfershausen eine der wenigen Trauerkarten, die sie nach dem Tod ihrer Mutter erreicht haben.

Die Post ist bereits verdächtig, als Silvia Nieding sie aus dem Briefkasten holt: Der Umschlag ist angeschmuddelt, die Oberfläche leicht klebrig – nicht das, was man von einer Trauerkarte erwartet. Also schaut die Wölfershäuserin beim Öffnen ganz genau hin und behält recht: Eine kleine Zahl rechts unter einem Zitat von Dietrich Bonhoeffer weist auf das Geld hin, das in der Karte fehlt. Ein dreister Dieb hat den Umschlag geöffnet, die 20 Euro eingesteckt und die Sendung dann wieder verklebt – vermutlich mit einem Klebestift. Dabei geht er so grobschlächtig vor, dass selbst auf der Trauerkarte noch Klebespuren zu finden sind.

Silvia Nieding ist empört, sie ist wütend, vor allem aber ist sie verletzt: „Es fehlt einem als Trauernden gerade unheimlich viel – und dann wird man auch noch beklaut“, sagt sie mit erstickter Stimme. Es geht ihr nicht ums Geld, betont die 49-Jährige. Von Anfang an stand für die Familie fest, dass die Trauergeschenke der Kinderkrebshilfe Mittelhessen zugutekommen sollen. 600 Euro hat sie der Station Peiper am Gießener Universitätsklinikum zukommen lassen, ein Drittel der Spende stammt aus ihrer eigenen Tasche. „Das Grab kann ich selber bezahlen“, sagt die Wölfershäuserin. Sie hat sich kaum getraut, den Absender der verklebten Karte in Weiterode nach ihrer Entdeckung anzurufen: „Ich hatte richtig Angst davor, dass die noch mal Geld schicken.“

Nieding hat im Januar ihre Mutter verloren, der Abschied war durch die Pandemie-Einschränkungen schwierig – auch, weil die Mutter selbst an Corona erkrankt war. Durch Zuschriften mit tröstenden Worten hatte sie auf einen Abschluss gehofft. Doch der bleibt aus. Nach dem Erlebnis mit der geplünderten Trauerpost beginnt die 49-Jährige zu telefonieren. Sie will die Verwandtschaft vor Geld in Briefen warnen – doch es ist zu spät.

Stattdessen stellt Silvia Nieding fest, dass bereits verschickte Trauerpost nie bei ihr angekommen ist. Unter den Absendern sind auch Anne Möller aus Nentershausen und ihre Schwiegermutter. Beide haben Mitte Januar Karten nach Wölfershausen eingeworfen, die bis heute nicht angekommen sind. Nieding vermutet, dass es weiteren Absendern so gegangen ist, auch aus Weiterode, wo ihre Familie lange gelebt hat. Bei Bekannten ihrer Mutter nachfragen will sie allerdings nicht, um niemanden in Verlegenheit zu bringen. Anne Möller vermutet, dass das Plündern von Trauerkarten gerade in Corona-Zeiten ein lohnendes Geschäft ist. Trauergeschenke würden sonst häufig persönlich übergeben.

Beides hat dazu geführt, dass sich die Frauen an die Presse gewandt haben. „Ich will andere warnen, dass sie bei Trauerpost aufpassen müssen“, sagt die Wölfershäuserin. Bei der Beschwerdestelle der Post habe sie nur ein „selbst schuld“ zu hören bekommen – Geld gehöre als Wertbrief verschickt. Auf die Hilfe des Unternehmens setzt Silvia Nieding nicht mehr. Sie hat eine Testkarte verschickt, an ihre eigene Adresse und in der Hoffnung, dass der dreiste Dieb erneut zuschlägt. Sie hat sich darin ihren Ärger von der Seele geschrieben. Damit er liest, was er angerichtet hat. Damit er ihr Versprechen kennt: „Ich kriege Dich“. Sie ist extra nach Ronshausen gefahren, um den Brief dort einzuwerfen. „Das war mir die 80 Cent wert.“ Die Testpost ist angekommen. Zeitnah. Ungeöffnet.

Das sagt die Post:

Auch wenn der Wölfershäuser Fall für Trauernde und Kondolierende sehr ärgerlich sei, sagt Post-Sprecher Thomas Kutsch: „Geld gehört nicht in den Briefumschlag.“ Das sei zwar bei Trauerpost eine viel geübte Praxis, so aber nicht vorgesehen. Der korrekte Weg sei ein Wertbrief (Aufpreis: 4,30 Euro), mit dem bis zu 100 Euro nachverfolgbar und mit höherer Haftung verschickt werden können. Auf dem Weg von Briefkasten zu Briefkasten ginge die Sendung durch viele Hände. Kutsch warnt ausdrücklich vor einem Generalverdacht gegenüber den Zustellern und stellt sich klar vor die Mitarbeiter. Dennoch soll es im Fall der Wölfershäuser Trauerkarte interne Ermittlungen geben. „Bisher ist mir dazu aber nichts bekannt.“ Für die nicht zugestellte Trauerpost empfiehlt der Sprecher, einen offiziellen Nachforschungsantrag zu stellen. 

Clemens Herwig

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