„Können nichts machen, außer hoffen“

Nach Fotofallenbildern: Landwirte befürchten Wolfsangriff auf ihre Rinderherde

Sorgen sich um ihre Tiere: Sascha Kirchner und Stefanie Österreicher.
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Sorgen sich um ihre Tiere: Sascha Kirchner und Stefanie Österreicher.

Eine Wildkamera hat im Heringer Stadtteil Widdershausen in zwei Nächten in Folge rund 50 Meter entfernt von einer Rinderherde zwei Wölfe aufgenommen.

Widdershausen – Zwei Nächte in Folge zeigt die Wildkamera von Stefanie Österreicher und Sascha Kirchner Wölfe. Nur schemenhaft, aber ein Wolfsberater habe den Verdacht bestätigt. Die Fotos entstehen rund 50 Meter entfernt von einer ihrer Rinderherden. Eine Vermutung liegt nahe. „Die haben wohl unsere Kühe als potenzielle Beute ausgekundschaftet“, sagt Kirchner.

Was tun? Die beiden Landwirte aus Widdershausen wenden sich mit den Fotos am Freitagmorgen per Anrufbeantworter und E-Mail an das Hessische Wolfszentrum. Als nach einiger Zeit ein Rückruf kommt, verweist man auf den Landesbetrieb Landwirtschaft, der zum Herdenschutz berät. Dass sich da noch jemand meldet, an einem Freitagnachmittag, glauben die beiden nicht.

Gegen 17.30 Uhr kommt aber doch ein Anruf. „Uns wurde das Angebot gemacht, dass jemand kommt und uns zeigt, wie wir einen Elektrozaun mit vier Litzen aufbauen können. Das Angebot haben wir abgelehnt“, berichtet Kirchner. Einerseits halten sie den Aufwand bei sechs Rinderherden auf teils steilen Hängen und mit Waldstücken für nicht leistbar. Sie nutzen als Zaun zwei Litzen, wie es bei Rinderhaltern in der Region üblich ist. Andererseits glauben sie nicht, dass ein veränderter Zaun einen Wolf abhalten würde. „Wir können nichts machen, als zu hoffen“, sagt Stefanie Österreicher.

Kreis Hersfeld-Rotenburg: Fördermittel gibt es erst nach einem Angriff durch Wölfe

In den folgenden beiden Nächten zeigt die Wildkamera keine Wölfe mehr, alles bleibt ruhig. Trotzdem zeigt die Situation die Machtlosigkeit der Rinderhalter auf, finden die beiden Widdershäuser. Während der gerade erst aktualisierte Wolfsmanagementplan für Ziegen und Schafe genaue Empfehlungen zur Einzäunung mit Zentimeterangaben und Stromstärken gibt, finden sich dort für Rinderhalter keine Hinweise. Fördermittel sind auf Betriebe beschränkt, die bereits einen Wolfsangriff hatten. Und auf „erhöhten Schutz“ für Abkalbweiden.

Die hessischen Behörden führen aus, dass nur rund fünf Prozent der in Deutschland von Wölfen getöteten Weidetiere Rinder seien. Dabei handele es sich insbesondere um frisch geborene Kälber. Tatsächlich wurde in Nordhessen bislang nur zweimal Wolfs-DNA an toten Kälbern nachgewiesen. Das im April in Ludwigsau gefundene Galloway-Kalb war allerdings schon mehrere Monate alt. In Brandenburg hat die Zahl der angegriffenen Rinder in den vergangenen Jahren stark zugenommen.

Kreis Hersfeld-Rotenburg: Wölfe sollen nicht aktiv verjagt werden

Besonders geschützte Abkalbweiden halten Österreicher und Kirchner für völlig unrealistisch. Sie haben einen Mutterkuhbetrieb mit 80 Kühen, leben also von der Kälberaufzucht. Alle Tiere sind zwölf Monate im Jahr auf der Weide, verteilt auf sechs Herden, mit 70 Hektar Weidefläche. Im Winter sind die Kühe in einem Offenstall mit Auslauf untergebracht. Kälber werden das ganze Jahr über geboren, weil es nun mal auch das ganze Jahr über Rechnungen zu bezahlen gebe.

„Kühe zum Abkalben dann auf eine gemeinsame Weide zu bringen, das wäre extremer Stress für die Tiere und würde zu Rangkämpfen führen. Außerdem ist es gar nicht erlaubt, eine trächtige Kuh zu transportieren“, sagt Österreicher.

Umweltministerin Priska Hinz könne gerne einmal zu Besuch kommen und beim Zaunbau helfen. „Ich habe mit 30 Kühen angefangen und lebe jetzt davon, bin 365 Tage im Jahr bei meinen Tieren, habe keinen Urlaub. Und jetzt kommt der Wolf und ich kann nichts machen“, sagt die Widdershäuserin. Aktive Vergrämung der Raubtiere, also zum Beispiel Warnschüsse oder der Einsatz von Gummigeschossen, sind im Wolfsmanagementplan nicht vorgesehen. (Christopher Ziermann)

Im vergangenen Jahr wurde im Kreis Hersfeld-Rotenburg ein totes Kalb aufgefunden. Ob Wölfe dahinter stecken, ist allerdings unklar. Zur Wölfe-Problematik in Hersfeld-Rotenburg hat sich auch das Hessische Umweltministerium in einem Interview mit unserer Zeitung geäußert.

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