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Angriff mit Kantholz: Motorradfahrer aus Alheim geht auf Polizisten los

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Von: Mario Reymond

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Justitia
Vor dem Amtsgericht in Bad Hersfeld muss sich ein Motorradfahrer für einen Angriff auf einen Polizisten verantworten. © Arne Dedert/dpa/Symbolbild

Bei Alheim im Kreis Hersfeld-Rotenburg geht ein Mann auf einen Radfahrer los – doch der ist Polizist in Zivil. Jetzt ist das Urteil gefallen.

Bad Hersfeld – Szenen wie in einem Thriller haben sich an einem Sonntagabend im Juni des vergangenen Jahres auf der Kreisstraße 68 zwischen den Alheimer Ortschaften Heinebach und Baumbach zugetragen. Ein Motorradfahrer hatte sich von einem Radler vermeintlich beleidigt gefühlt und diesen daraufhin mit einem Kantholz angegriffen.

Der 63 Jahre alte Heinebacher ist dafür jetzt vor dem Schöffengericht am Amtsgericht in Bad Hersfeld schuldig gesprochen worden. Richterin Christina Dern verurteilte ihn zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und drei Monaten. Auch eine Geldstrafe muss der Mann zahlen. Doch diese Bewährung hing buchstäblich am seidenen Faden und wurde vom Gericht nur ausgesprochen, weil sich der Angeklagte gegen Ende der Verhandlung doch noch dazu entschieden hatte, die Wahrheit zu sagen.

Denn es handelte sich tatsächlich um keine Lappalie, wie er es dem Gericht zunächst hatte vormachen wollen. So sei er mit seinem alten Motorrad – einem Liebhaberstück – nur mal eben für eine kurze Ausfahrt auf der Kreisstraße 68 unterwegs gewesen. Auch nur etwa 65 Stundenkilometer schnell, als ihm ein Radfahrer entgegenkam, der ihm angeblich über mehrere Sekunden den „Scheibenwischer“ zeigte.

Ahlheim (Kreis Hersfeld-Rotenburg): Motorradfahrer verfolgt Polizisten in Zivil

Daraufhin habe er sein Motorrad gewendet und sei dem Radler hinterhergefahren, um ihn zur Rede zu stellen. Dieser sei aber einfach weitergefahren, ohne auf ihn zu reagieren. Das sei alles gewesen. Mehr nicht.

Ganz anders dagegen schilderte der 46 Jahre alte Radfahrer – ein Polizist aus Heinebach, der sich auf dem Weg zur Nachtschicht bei seiner Dienststelle in Rotenburg befunden hatte – die Begebenheit.

Prozess in Hersfeld: „Ich hau dir aufs Maul, du Drecksau“

Der Motorradfahrer habe gerade zwei Pkw überholt und sei dabei sehr weit nach links in Richtung Mittellinien gekommen. Um ihn darauf hinzuweisen, habe er Zeigefinger und Mittelfinger vor seine Augen geführt und dann auf die Fahrbahnteiler gedeutet. Diese Geste wiederum wertete der Motorradfahrer als Beleidigung und nahm die Verfolgung auf.

Der damals 62-Jährige steuerte sein Motorrad direkt neben das Fahrrad und rief dem Radler zu: „Halt an, damit ich dir aufs Maul hauen kann, du Drecksau“. Als der Radfahrer nicht reagierte, fuhr der 62-Jährige auf seinem Motorrad ein Stück voraus und stoppte. Erneut schrie er den Fahrradfahrer an: „Dir ist doch wohl klar, dass du irgendwann anhalten musst. Und dann haue ich dich tot.“ Auch mit dieser Äußerung war der Höhepunkt dieser einseitigen Auseinandersetzung noch nicht erreicht.

Bei der dritten Zusammenkunft – in Höhe eines Sägewerks – innerhalb weniger Minuten, griff der Motorradfahrer zu einem 1,50 Meter langen Kantholz und stellte sich damit bewaffnet mitten auf die Kreisstraße 68 und wartete auf den Radfahrer, der mit knapp 40 Stundenkilometern die abschüssige Straße hinabfuhr. Im letzten Moment wich der Radfahrer dem Schlag des Motorradfahrers in den Gegenverkehr aus und hatte Glück, dass der Fahrer eines entgegenkommenden Autos seine Geschwindigkeit verringerte.

Radler ist Polizist in Zivil: Angreifer aus Ahlheim wird noch am selben Tag gestellt

Auf seiner Dienststelle in Rotenburg angekommen, schilderte der Radfahrer seinem Vorgesetzten die Begebenheit und dieser schickte eine Streife zu dem Angreifer. Denn der radelnde Polizist hatte sich das Kennzeichen des Motorrads notiert. Und so trafen sich der 63-Jährige und der 46-Jährige nun vor dem Schöffengericht wieder.

Oberamtsanwältin Silke Röder forderte als Anklagevertreterin das Gericht auf, den 63-Jährigen wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr, versuchter gefährlicher Körperverletzung, Beleidigung und Bedrohung zu einer Freiheitsstrafe von über einem Jahr zu verurteilen. Rechtsanwalt Frank Löwenstein hatte eine Freiheitsstrafe unter einem Jahr als ausreichend angesehen. Das Gericht folgte jedoch der Staatsanwaltschaft und verhängte ein Jahr und drei Monate, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden. Zudem wird dem Angestellten ein Bewährungshelfer zur Seite gestellt. Außerdem muss der Angeklagte 1500 Euro an den Geschädigten überweisen sowie 1000 Euro an die Diakonie Bad Hersfeld.

Glück hatte der Angeklagte, dass ihm kurz nach der Tat die Fahrerlaubnis durch die Staatsanwaltschaft Fulda nicht entzogen worden war. In diesem Fall hätte er sich nämlich später einer medizinisch-psychologischen Untersuchung stellen müssen, um seinen Führerschein zurückzubekommen. Nun wurde seitens des Gerichts noch ein sechsmonatiges Fahrverbot gegen den 63-Jährigen verhängt. Nach Ablauf dieser Strafe wird ihm die Fahrerlaubnis direkt wieder ausgehändigt.

Weitere Verfahren möglich: Angreifer aus Ahlheim könnte erneut verurteilt werden

Der Geschädigte wurde von Oberamtsanwältin Röder darauf hingewiesen, dass er auch noch ein Zivilverfahren gegen den 63-Jährigen anstrengen könne. Diesen Schritt behält sich der 46-Jährige vor. Die späte Entschuldigung des Angeklagten kommentierte er mit den Worten: „Ich nehme sie zur Kenntnis“.

Mittlerweile habe er die Tat überwunden. Monatelang sei er jedoch immer wieder mit einem unguten Gefühl auf sein Fahrrad gestiegen, weil er immer wieder mit einer abermaligen Attacke durch den 63-Jährigen rechnete. (Mario Reymond)

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