Praxen am Limit

Hersfeld-Rotenburg: 14.500 Personen bei Hausärzten geimpft

Corona-Impfung: Eine Ärztin in Schutzkleidung, von der man nur die Hände in Handschuhen sieht, setzt die Spritze in einen Oberarm.
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Erstmals gibt es relativ genaue Gesamtzahlen zu Impfungen im Landkreis (Symbolbild).

Bislang war die Zahl der beim Haus- oder Facharzt Geimpften nicht regional erfasst worden.

Hersfeld-Rotenburg – Fast 14.500 Menschen im Kreis Hersfeld-Rotenburg sind inzwischen in einer Arztpraxis gegen das Coronavirus geimpft worden. Das hat eine Anfrage unserer Zeitung bei der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) ergeben.

Mithilfe dieser Zahlen lässt sich erstmals eine realistischere Impfquote für das Kreisgebiet bestimmen, die bei den Erstimpfungen insgesamt nun bei rund 35 Prozent liegen dürfte (Hessen: 38,1 Prozent). Die täglich vom Kreis veröffentlichten Zahlen beziehen sich nur aufs Impfzentrum in Rotenburg. Demnach sind dort bis Mittwoch rund 30.000 Menschen einfach und 12.500 doppelt gegen das Virus geimpft worden. Die KVH unterscheidet nicht zwischen Erst- und Zweitimpfungen. Da die Hausärzte erst seit fünf Wochen an der Impfkampagne beteiligt sind, dürfte sich die Zahl der Zweitimpfungen aufgrund der Zeitabstände zwischen beiden Spritzen dort noch in Grenzen halten.

Astrazeneca vor allem in Praxen

Zugelassen sind in der EU bislang vier Corona-Impfstoffe: Biontech/Pfizer, Moderna, Astrazeneca und Johnson & Johnson. Perspektivisch sollen Astrazeneca und Johnson & Johnson (ab Ende Mai) vor allem in den Hausarztpraxen verimpft werden, teilt das Bundesgesundheitsministerium auf Anfrage unserer Zeitung mit. Biontech/Pfizer und Moderna sollen vornehmlich in den Impfzentren verabreicht werden.

„Locker 500“ Impfungen haben beispielsweise Dr. Thomas Lepper aus Philippsthal und sein Team bisher gesetzt. Der stellvertretende Sprecher der Hausärzte im Kreis gehörte mit seiner Covid-Schwerpunkt- und Pilotpraxis zu den ersten Hausärzten, die impfen konnten und ist bereits bei den Zweitimpfungen angekommen. Die Impfungen an die Praxen abzugeben, hält er für sinnvoll, da die Haus- und Fachärzte ihre Patienten, besonders die mit Vorerkrankungen, besonders gut kennen würden. Kollegen, die sich nicht beteiligen, kann er nicht verstehen.

89 Hausarztsitze gibt es im Kreis, 70 bis 80 Prozent der Kollegen impfen gegen das Coronavirus, schätzt Dr. Martin Ebel, Sprecher der Hausärzte, „wobei nicht alle alles impfen“. Auch er habe bereits 500 Patienten geimpft. Nach einem guten Start sei der Motor nun aufgrund von ausbleibenden Lieferungen beim Coronaimpfstoff aber ins Stottern gekommen. Auch Dr. Johannes Kirchhoff aus Rotenburg macht mit, sieht viele Praxen aber „am Limit“. Das Mischsystem von Praxen und Impfzentrum hält er deshalb derzeit für ideal.

Ohne gute Organisation in den Praxen geht es nicht

Bei Dr. Thomas Lepper in Philippsthal ist das Impfen Team-, aber auch Chefsache. „Es ist organisatorisch eine Herausforderung, aber wenn man es gut organisiert und will, kriegt man es hin“, sagt der stellvertretende Sprecher der Hausärzte im Kreis. Bisher wurden in seiner Praxis Biontech und Astrazeneca verimpft, Moderna habe es nur in den Impfzentren gegeben und Johnson & Johnson sei nun angekündigt.

Obwohl er selbst im Impfzentrum tätig ist, hält er die Impfung in den Hausarztpraxen für sinnvoll. Man wolle dem Impfzentrum auch keine Patienten wegnehmen, sondern das Angebot ergänzen, betont er. Seine Praxis habe alle Patienten erfasst und kategorisiert, sodass nach und nach jeder je nach Alter und Vorerkrankungen aktiv abtelefoniert werden kann.

„Jokerlisten“ gibt es für kurzfristig freie Dosen, etwa wenn jemand plötzlich ausfällt oder absagen muss. „Es ist erstaunlich, wie viele Freunde man plötzlich hat“, sagt er lachend zum großen Interesse an Corona-Impfungen, das grundsätzlich aber zu begrüßen sei.

Dr. Thomas Lepper warnt vor „gefährlicher Erkrankung“

Der Mediziner warnt davor, das Virus zu unterschätzen. „Das ist eine ganz gefährliche Erkrankung“, sagt er. Nicht nur seien zuletzt auch 40- bis 60-Jährige in Folge von Covid-19 gestorben, in seine Praxis kämen fast täglich Patienten, die an Folgen litten wie chronischer Erschöpfung.

Das kann auch Dr. Sebastian Auel aus Bad Hersfeld bestätigen, der von einem jungen Sportler ohne Vorerkrankungen, der beatmet werden musste, und Patienten, die auch ein Jahr später noch nicht wieder riechen und schmecken können, berichtet. In seiner Gemeinschafts- und Pilotpraxis mit drei Ärzten wurden schon 1051 Menschen geimpft, davon 150 zum zweiten Mal. Dass es für „Einzelkämpfer“ schwierig bis unmöglich sei, könne er gut verstehen.

„Wir arbeiten am Limit“, sagt auch Dr. Martin Ebel (Bad Hersfeld), Sprecher der Hausärzte im Kreis. Anfangs habe man extra Samstagstermine angeboten, auf Dauer sei das allerdings nicht durchzuhalten. Die absolute Gerechtigkeit und schnelle Impfung für alle Patienten sei so leider nicht möglich, man tue aber was möglich und verimpfe, was zu kriegen sei. So sei diese Woche etwa die bestellte Biontech-Lieferung ausgeblieben, was zur Folge hatte, dass alle Termine abgesagt werden mussten und das Team den Unmut zu spüren bekam.

Was darüber hinaus allen befragten Ärzten Probleme bereitet, sind die aus ihrer Sicht unnötigen Vorbehalte vieler älterer Patienten gegenüber Astrazeneca, die den Stoff oft komplett ablehnen. Dr. Lepper wird besonders deutlich: „Sie nehmen ihren Enkeln damit den speziell für sie bestimmten Impfstoff weg.“ Und Dr. Ebel sagt: „Viele hören lieber auf selbst ernannte Impfexperten als auf ihren Arzt.“ Dabei schütze „Astra“ zu 100 Prozent vor schweren Verläufen und Beatmung, auch er selbst sei mit diesem Serum geimpft.

Eine jüngst von der Kassenärztlichen Vereinigung beworbene „Urlaubs-Impfaktion“ mit Astrazeneca hält er dennoch für den falschen Weg. „Das ist fast eine Schnapsidee.“ Eine Bitte hat er im Namen vieler Kollegen an alle Impfwilligen: Statt die ohnehin überlasteten Telefonleitungen zu blockieren, sei es besser, Wünsche per E-Mail oder Zettel im Briefkasten an die Praxen heranzutragen, wenn man nicht ohnehin angerufen werde.

Für Dr. Johannes Kirchhoff, Rotenburg, ist der Einsatz der Hausärzte ein zweischneidiges Schwert. Der Hausarzt kenne nun mal die individuellen Notwendigkeiten und habe das Vertrauen der Menschen. Gerade für die Patienten, die auf Hausbesuche angewiesen sind, sei er heilfroh gewesen, als er diese impfen konnte. Den Vorstoß der KV-Führungsriege, die Impfzentren zu schließen und nur noch in Praxen zu impfen, hält er aufgrund der Überlastung jedoch für praxisfern. (Nadine Maaz und Sebastian Schaffner)

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